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Hat die Gamingszene ein Sexismusproblem? Warum queere Charaktere in Videospielen eine Seltenheit sind

In Games sind homosexuelle Hauptcharaktere immer noch unterrepräsentiert. Die Szene wandelt sich nur langsam. Warum ist das so?

Von: Sebastian Spallek

Stand: 05.09.2018

Screenshot aus dem Spiel "The Last of Us II": Protagonistin Ellie mit ihrer Freundin Dina. | Bild: Sony/PS4

Auf der E3 in Los Angeles. Bei der Videospielmesse bekamen die Zuschauer bei der Präsentation des Spiels „The Last of Us II“ etwas Unerwartetes zu sehen: Ein Kuss zwischen zwei Frauen. Den Reaktionen nach zu urteilen, kommt das nicht oft vor. Online wurde der Trailer von Vielen gelobt. Eine Frau, die gegen Zombies kämpft und nebenbei in einer lesbischen Beziehung lebt – das gab‘s bisher kaum. Zumindest nicht von großen Entwicklerstudios. Aber natürlich meldet sich wie zu erwarten auch die andere Seite zu Wort. Gamer, die ihr Hobby bedroht sehen. Unterwandert von Diversität und political correctness.

Die Spieledesignerin Dr. Sabine Harrer unterrichtet an der Universität der Künste in Berlin. Sie setzt sich auch wissenschaftlich mit der Games-Community auseinander: „Fragilen, jungen Männern wurde Jahrzehnte lang weißgemacht, dass Games ihr Medium sind. Jetzt kommen andere daher: Queere, Frauen, People of Colour. Das verunsichert manche und radikalisiert auch viele. Das anonyme Dasein in Internetforen ist gut dazu geeignet, diesen Männern ihre Plattform zu verteidigen.“

Seit mehreren Jahren werden Spieledesigner- und JournalistInnen online beschimpft – weil sie sich für mehr Diversität in Videospielen einsetzen. „Das heißt, es finden gezielte Hetzkampagnen auf Minderheiten statt, auf SpieleentwickerInnen, die sich als Minderheit verstehen“, so Sabine Harrer.

Queere Charaktere in der Videospielgeschichte

Dabei sind Videospiele, die sich mit einer LGBT-Thematik auseinandersetzen, gar nichts Neues. Als erstes Museum weltweit schaut das Schwule Museum Berlin im Dezember auf 30 Jahre queere Videospielgeschichte zurück. „Videospielen haftet immer noch dieser Schleier des Besonderen an, was wir versuchen wollen aufzubrechen. Weil wir zeigen wollen, wie vielfältig die Videospielgeschichte in den letzten 30 Jahren ist, selbst wenn man es nur mit der Brille der queeren Geschichte betrachtet“, sagt Jan Schnorrenberg, einer der Kuratoren der Ausstellung „Rainbow Arcade“. Das wahrscheinlich älteste Spiel, das für eine queere Zielgruppe programmiert wurde, ist „Caper in the Castro“ – dort spielt man eine lesbische Detektivin auf der Suche nach deren Freundin – einer Dragqueen. Und es war gar nicht leicht daranzukommen.

Erst vor kurzem wurde das Programm wiederentdeckt – ein Spieler hatte es auf einem alten Rechner gespeichert. Und der stand bisher noch auf seinem Dachboden. „Es wurde erst zufällig nochmal bei Umzugsarbeiten gefunden und dadurch ist es jetzt spielbar geworden. Es ist ein Stück Zeitgeschichte, wo es bis vor kurzem gar keine Hoffnung gab, dass es spielbar ist, oder erfahrbar wie damals."

Trotzdem soll bei der Ausstellung auch nicht einfach jedes Spiel aufgenommen werden, in dem eine queere Person mal durchs Bild gelaufen ist. „Und wenn es auch darum geht zu schauen: Wo war‘s nicht nur Gegenstand von Scherzen, von homofeindlichen Scherzen, wo gab‘s nicht nur stereotypische Darstellungen. Dann wird’s natürlich ein bisschen komplizierter“, so der Kurator Jan Schnorrenberg.

Neue Entwicklertools – neue Chancen

Kleine und große Entwicklerstudios wollen solchen stereotypischen Darstellungen jetzt was entgegensetzen. Ein Vorteil: Mittlerweile muss man auch kein IT-Geek mehr sein, um ein Spiel zu entwickeln. Das geht auch mit einfachen Internettools. So entsteht eine Games-Subkultur, in der auch ernste, autobiografische Spiele wie die von Sabine Harrer erscheinen. Ihr neustes Spiel heißt „Minded“. „Das ist eine interaktive visuelle Geschichte, die in einer nahen Zukunft spielt und intelligente Maschinen in dieser Zukunft haben soziale Dienste ersetzt und infiltrieren Meinungen und Entscheidungen der Menschen. Die Hauptcharaktere sind zwei Frauen bzw. nicht-binäre Charaktere und da stell ich mir auch die Frage wie Gender und Lust in der Zukunft aussehen könnte.“ Kleine Spieleentwickler machen es vor. Jetzt müssen die großen nachziehen. Die Industrie hat Interesse daran – denn eine LGBT-freundliche Spielerfahrung spricht viel mehr Leute an, als man in manchen Internetforen denken mag. Der Kurator Jan Schnorrenberg ist sich sicher: Die Diversität in Videospielen wird nach und nach kommen. Denn die Ideen für neue Spiele sind noch lange nicht ausgeschöpft. „Jedes queere Spiel, das auf den Markt kommt, ist eine weitere Inspirationsquelle und das alleine ist schon mal sehr wertvoll. Unabhängig davon, dass es natürlich auch sehr großartig ist, wenn man ein Spiel spielt und da ist halt jemand, der ist genauso wie man selbst. Das ist eine banale, aber wunderschöne Erfahrung, die ich auch gehabt habe. Eigentlich ist da noch so viel Potential vorhanden, das da noch viel mehr kommen kann und soll.“


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