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Pussy Riot "Ihr müsst verstehen, dass Europa diesen Krieg finanziert"

Gegen Krieg, Putin und den Patriarchen: Das feministische Kollektiv Pussy Riot macht auf seiner „Anti-War-Tour“ Station in München. Zuvor gelang Marija Aljochina verkleidet die Flucht aus Russland. Was die Kreml-Kritikerinnen zu sagen haben.

Von: Paula Lochte

Stand: 17.05.2022

Pussy Riot auf der Bühne | Bild: picture alliance / EXPA / APA / picturedesk.com | EXPA

Sie ging durch die Hintertür. In einer knallgrünen Jacke mit reflektierenden Streifen und mit einem Lieferrucksack, der Essen warm hält. Die Kapuze ins Gesicht gezogen. So gelingt sie, die Flucht von Marija Aljochina: verkleidet als Essenslieferantin. Wobei Flucht eigentlich das falsche Wort ist, darauf legt sie Wert. Es ist eine Rebellion.

Pussy Riot rebellieren gegen den Krieg

Eine Rebellion gegen die Polizisten, die ihr Telefon abhören und in grauen Autos sitzend ihre Wohnung beschatten. Eine Rebellion dagegen, dass sie mal wieder ins Gefängnis sollte, diesmal für einen Pro-Nawalny-Post auf Instagram. Und eine Rebellion gegen den Krieg.

"Diese Tour soll zuallererst zeigen, dass wir hinter der Ukraine stehen. Zweitens kämpfen wir mit unserer Tour gegen die allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber dem Krieg."

Marija Aljochina, Pussy Riot

Marija Aljochina sei hier, um darauf aufmerksam zu machen, dass jene, die Russland ausmachen, fast alle im Gefängnis sitzen. Nur weil sie gegen Putin und den Krieg protestiert haben. Auch Marija Aljochina sollte ins Gefängnis, aber sie reiste heimlich über Belarus nach Litauen aus. Kam schließlich am Mittwoch in Berlin an, gerade noch rechtzeitig für den Auftakt der Tour. Wegen der Repressionen war bis zuletzt nicht klar, welche Mitglieder des feministischen Kollektivs auftreten werden.

Pussy Riot mit politischer Kunst in München

Marija Aljochina und Diana Burkot auf der Pressekonferenz in München.

Auf der Bühne performen nun, neben Marija Aljochina, Diana Burkot, Anton Ponomarew und Olga Borisova. Geplant hatte Pussy Riot die Tour bereits im November, also noch vor dem erneuten Krieg gegen die Ukraine. Nun ist sie aktueller denn je: „Anti-War-Tour“, nennt Pussy Riot sie jetzt. Ein künstlerisches Zeichen gegen den Krieg. Sie erzählt: "Kunst ist wichtig. Kunst kann die Welt verändern und ein anderes Bild zeichnen von dem, was gerade passiert, oder auch von dem, was in Zukunft passieren wird. Darum haben totalitäre Staaten und auch autoritäre Staaten Angst vor politischer Kunst."

Aber, auch das macht Marija Aljochina klar: Kunst reicht nicht. Und auch der Protest Tausender Russ*innen reicht nicht: „Unschuldige Leute kriegen für ihren friedlichen Protest in Russland fünf bis fünfzehn Jahre Gefängnis, mit Rechtsstaatlichkeit hat das nichts zu tun.“ Allein schon Bilder aus Butscha oder Mariupol zu posten oder Berichte unabhängiger Medien zu verbreiten, gelte als Straftat. Aljochina versichert: „Eine Menge Leute protestieren – und zahlen dafür einen Preis.“

Wie die russische Opposition unter Putin leidet  

Nicht nur Pussy Riot geht Risiken ein für den Protest gegen Putin. Sondern die ganze russische Opposition, sagt Aljochina. Und die Ukraine bezahle einen noch viel höheren Preis, nur weil sie unabhängig von Putins Russland sein wolle. Ihre Botschaft: „Ihr solltet das wahrnehmen und unterstützen!“ Wie soll diese Unterstützung aussehen? Und tut Westeuropa „genug?“ Marija Aljochina formuliert einen Appell:

"Wie könnt ihr diesen Leuten noch immer Geld geben? Ihr müsst verstehen, dass Europa diesen Krieg finanziert, indem es Öl und Gas von Putin kauft. Noch ist es nicht zu spät, das zu verstehen; noch nicht."

Marija Aljochina, Pussy Riot

Immer wieder sprechen die Pussy-Riot-Aktivistinnen ihre Zuhörenden direkt an: Was seid Ihr bereit zu tun? Was sie bereit sind zu tun, wird heute klar: Trotz zwei Jahren Straflager, etlichen kürzeren Haftstrafen, Überwachung als Alltag riskieren sie erneut alles. Für mehr Freiheit vor Putin und dem Patriarchat.