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WM-Finale in Russland Pussy Riot crashen "die beste WM, die jemals stattgefunden hat" und wir sollten ihnen dafür dankbar sein

Es gibt keine unpolitischen Sportgroßveranstaltungen. Nicht in China, nicht in Brasilien und nicht in Russland. Die vier Aktivistinnen von Pussy Riot, die beim WM-Finale aufs Spielfeld gelaufen sind, haben zu Recht auf die Missstände im Gastgeberland hingewiesen. Die westlichen Medien sind bei dieser WM erstaunlich leise geblieben.

Von: Maria Fedorova

Stand: 16.07.2018

Pussy Riot stürmen das WM-Finale 2018. Eine Aktivistin gibt Kylian Mbappé High Five | Bild: picture alliance/Pierre Teyssot/MAXPPP/dpa

Wir zählen die 52. Minute des WM-Finales, Frankreich gegen Kroatien. Es ist eine friedliche Krönung der Weltmeisterschaft in einem umstrittenen Land. Putin inszeniert sich als gönnerhafter, international aufgeschlossener Gastgeber. Bis ihm Pussy Riot mit voller Geschwindigkeit in die Parade fahren.

Vier Flitzer in Polizeiuniform – drei Frauen und ein Mann – stürmen, fröhlich winkend, das Spielfeld. Eine Aktivistin schafft es sogar dem französischen Spieler Kylian Mbappé ein High Five zu geben, doch die Sicherheitsleute zehren die Flitzer schnell vom Feld - direkt in den Polizeigewahrsam. Während die Gruppe auf der Wache festgehalten wird, macht ein Videostatement im Netz die Runde: „Wir fordern. Erstens: Die Entlassung aller Politgefangenen. Zweitens: Keine politische Verfolgung wegen ‚Likes‘. Drittens: Keine rechtswidrigen Verhaftungen auf Demos. Viertens: Einen politischen Wettbewerb. Fünftens: Keine fabrizierten Beweise und keine Verhaftungen ohne Grund. Sechstens: Die Verwandlung eines irdischen Polizisten in einen himmlischen Polizisten.“

Vier Flitzer stürmen das Spielfeld

Vier Flitzer in Polizeiuniform sorgten für eine Spielunterbrechung beim WM-Finale 2018

Die Aktion ist auch eine Erinnerung an den elften Todestag des russischen Autors und Künstlers Dmitri Pirogow. Pirogow hat in seinen Gedichten das Bild des himmlischen Polizisten kreiert, Schützer von Ordnung und Gerechtigkeit. Dem gegenüber steht ein irdischer Polizist, der gegen das Gesetz und gegen die Regeln der Demokratie handelt. Wie irdische Polizisten im Russland des Jahres 2018 ticken, das soll das Handyvideo zeigen, das Pussy Riot nach der Aktion auf dem Rasen veröffentlicht haben. Nach Darstellung der Aktivisten handelt es sich um einen heimlichen Mitschnitt aus dem Verhör nach ihrer Festnahme, in dem sich ein Polizist ihnen gegenüber die Stalin-Ära zurückwünscht: „Ihr habt Russland mit Dreck überzogen. Seid ihr überhaupt normal? Ich bedauere manchmal, dass wir nicht 1937 haben.“

Polizeigewalt ist in Russland an der Tagesordnung

Nichts wirkt in dieser Aktion unterschwellig oder subtil. Soll es auch nicht. Die Message ist klar: In Russland gibt es keine himmlischen good cops. Und dem irdischen Polizisten ist jedes Mittel Recht, um das Bild der perfekten WM zu wahren. Dieses Bild bröckelt aber schnell, wenn jemand es wagt, den Staat zu kritisieren. Pyotr Verzilow, einer der vier Flitzer auf dem Feld, ist Mitbegründer der „Mediazone“, einer Nachrichtenseite mit den Themen Polizeigewalt und politische Verfolgung. Beides ist in Russland an der Tagesordnung hat Masha Alechina, eines der drei prominentesten Mitglieder von Pussy Riot, dem Zündfunk im Februar erzählt: „Es gibt keine Oppositionellen in Russland, die nicht strafrechtlich verfolgt werden. Solche Prozesse sind alltäglich geworden. Die Rhetorik hat sich verschärft. Jetzt werden Leute brutal vor der eigenen Haustür angegriffen.“

FIFA ließ das Pussy Riot-Video auf Youtube sperren

2014, als Russland die Olympischen Spiele in Sotschi veranstaltet hat, gab es einen heftigen Shitstorm – wegen Korruption, Homophobie, mundtot gemachten Kremlgegnern. Diesmal ist die Kritik in den westlichen Medien erstaunlich leise geblieben. Die ganze Flitzer-Szene spielte sich zum größten Teil abseits der Kameras ab, die FIFA ließ auch das Videostatement der Aktivistinnen auf Youtube sperren – mit dem Verweis aufs Copyright der Stadionbilder. Und FIFA-Präsident Gianni Infantino überschüttet Russland mit Lob - für die beste WM aller Zeiten: „Wir sind glücklich und dankbar. Diese WM war nicht nur die größte Show der Welt, es war die beste WM, die jemals stattgefunden hat.“

Pussy Riot sind die einzigen, die einen Kratzer auf diesem polierten Image hinterlassen haben. Und das in nur wenigen Sekunden. Mit gekauften Fan-IDs und geliehenen Polizeiuniformen schafften sie es bis zum Spielfeld und haben binnen weniger Stunden die Aktion in eine Medienkampagne verpackt. Eine Kampagne, die auf den Schulterschluss der FIFA mit dem russischen Staat hinweist – zweier fragwürdiger Organisationen, die sich vier Wochen lang unbehelligt feiern konnten. Und während Wladimir Putin heute mit Donald Trump ein Alphamännchen–Spektakel ohne politische Agenda feiert, warten die Pussy Riot-Mitglieder darauf zu erfahren, welchen Preis sie für die Aktion bezahlen müssen: Haben sie eine Ordnungswidrigkeit begangen - oder doch eine Straftat?


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