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Interview mit Protestforscher Dieter Rucht Darum haben sich bei den Corona-Demos in Berlin Nazisymbole und Regenbogenfahnen vermischt

Regenbogenflagge und Gandhi-Foto, daneben Reichskriegsfahne und QAnon-Symbole. Sind die Demonstrationen in Berlin der Beginn einer neuen Querfront? Protestforscher Dieter Rucht hat die Demonstration vor Ort beobachtet. Im Interview erklärt er, welchen Grund die Vermischung hat.

Von: Paula Lochte

Stand: 31.08.2020

Fahnen und Symbole auf Anti-Corona-Demo | Bild: picture alliance / Eibner-Pressefoto

Zündfunk: Herr Rucht, am Samstag haben in Berlin laut Polizei etwa 38.000 Menschen gegen die Corona-Politik demonstriert. Sie sind Soziologe am Institut für Protest und Bewegunsforschung in Berlin, und Sie waren ja selbst sogar vor Ort. Was waren Ihre Eindrücke von diesen Protesten?

Dieter Rucht: Es waren völlig konträre Eindrücke, die ich da gesammelt habe. Die will ich mal auf zwei Punkte bringen. Erstens machte es rund um das Brandenburger Tor zunächst mal den Eindruck einer Friedensdemonstration. Bunt, gelassen, sehr unterschiedliche Menschen. Wenn man genauer hinschaute, dann sah man natürlich auch Reichsfahnen, aber das war die eine Seite, die Masse der Demonstrierenden ganz eindeutig. Aber ein paar hundert Meter weiter Richtung Osten in der Nähe der russischen Botschaft herrschte ein ganz anderes Bild. Da waren etwa 1.500 Leute versammelt, und diese Leute waren geradezu fanatisch, aggressiv. Die haben die Polizei wüst beschimpft, es gab auch zum Teil körperliche Handgemenge mit den Polizisten. Da waren dann auch wilde Sprüche zu hören und Beschimpfungen. Also völlig unterschiedliche Bilder, und das lässt sich schwerlich auf einen Nenner bringen.

Das ist ja auch ein durchaus erschreckendes Nebeneinander. Sie haben ja auch gesagt, da flatterten Reichsflaggen neben regenbogenbunten Symbolen. Wie passt das eigentlich zusammen?

Auf der einen Seite demonstrierten in Berlin Menschen mit Ballon-Herzen und Regenbogenfahnen...

Ja das ist, glaube ich, nur dadurch zu erklären, dass Leute unterschiedlichster Couleur mit unterschiedlichen Anliegen sich da einfinden. Corona ist der äußere Anlass, aber darüber hinaus gibt es eigentlich wenig Gemeinsamkeit, zumindest nicht auf der Ebene konkreter Forderungen. Es sei denn, dass man die Corona-Maßnahmen als zu weitgehend empfindet. Was darunter liegt, sozusagen auf einer tieferen Schicht, das ist die Vorstellung, hier würde sich das Volk quasi erheben und würde jetzt gegen die da oben, gegen die politische Klasse, gegen das Regime oder die Merkel-Diktatur antreten und eine neue politische Ordnung schaffen.

Das heißt, es wird von rechten Netzwerken vereinnahmt als ein scheinbarer Aufstand des Volkes?

Ja, das sind so die expliziten Forderungen oder Sprüche, die man von rechter Seite hört. Daneben gibt es auch Leute, die damit eigentlich gar nichts zu tun haben. Die tragen dann ihr je spezifisches Anliegen vor. Das sind Gegner des Impfschutzes. Das sind die Tierschützer. Das sind Leute, die auf die Bibel verweisen. Also, das ist ein buntes Gemisch. Man kann nicht sagen, dass das alles durch eine einheitliche Ideologie zusammengehalten wird, sondern da stehen viele Forderungen unverbunden nebeneinander.

Aber gerade dieses Nebeneinander - sagen wir mal ein rechtes Schild in Runenschrift und daneben eins mit Herzchen - inwiefern profitieren denn die rechten Netzwerke davon, dass das alles so schön bunt und friedlich aussieht?

Klar, die Optik ist, dass das größtenteils Normalbürger sind. Und das mag auch von der Proportion her stimmen. Aber dadurch, dass diese beiden Gruppen ja keine geschlossenen Blöcke bilden, vereinen sie sich am gleichen Platz, demonstrieren und kommen miteinander ins Gespräch. Da besteht natürlich schon die Möglichkeit, dass Leute, die ideologisch gar nicht gefestigt sind, am Ende ins rechte Lager wandern.

Ist das dann sogar eine bewusste Vereinnahmung von Symbolen, die eigentlich aus einem anderen Kontext kommen?

... auf der anderen Seite Menschen mit Reichsfahnen und QAnon-Symbolen.

Ich denke schon. Ich habe zum Beispiel auch Schilder mit Mahatma Gandhi gesehen. Es gab auch andere Portraits von Leuten, die eigentlich aus dem linken oder liberalen Spektrum kommen. Ich sah auch einen Demonstrierenden mit dem Konterfei von Che Guevara. Das ist eine Symbolik aus einem anderen Zusammenhang gerissen und dann umfunktioniert, sodass das Bild entsteht: Wir sind alle irgendwie bunt, vielfältig und gemischt. Wir lassen uns da nicht in eine Ecke drängen.

Ist denn dieses Kapern von progressiven Symbolen ein neues Phänomen?

Nein, auf keinen Fall. Es gibt in den USA zum Beispiel militante Abtreibungsgegner, die in Kansas unter anderem eine Klinik blockiert haben. Und zwar mit der Form des Sit-Ins, ein Protest, der aus der Bürgerrechtsbewegung kommt. Und dann haben sie auch noch deren Lied gesungen: We shall overcome, die Hymne der Linken. Und die haben sie genutzt, um den Einlass zu den Kliniken zu versperren.

Und in Deutschland? Wenn man jetzt an die Montagsdemonstrationen denkt oder an Pegida, war das da auch schon zu beobachten?

Es war weniger deutlich, aber es gab zum Beispiel die sogenannten Montagsmahnwachen für den Frieden im Jahr 2014. Das waren eher kleinere Demonstrationen, aber doch in vielen Städten, die da einige Monate stattgefunden haben. Da fanden sich ausgewiesene Linke neben ausgewiesenen rechten Figuren. Und das ist kein Zufall. Es gibt ja auch die Vorstellung, eine Querfront zu bilden. Das ist eine Denkfigur aus der Weimarer Zeit. Nämlich: Rechte und Linke müssen sich zusammentun und gegen die verrottete Demokratie, wo nur geschwätzt wird, angehen.

Das heißt, wir beobachten gerade eine neue Querfront?

Nein, das wäre übertrieben. Aber es gibt Leute, die diese Strategie befürworten. Das sind einige wenige Leute, die da als Vordenker am Werke sind. Die große Masse der Leute würde sich da jetzt nicht explizit darauf einlassen und auch durchaus die Unterschiede zwischen links und rechts anerkennen.

Wagen Sie eine Prognose. Es ist ja eine durchaus bunte Mischung von Leuten mit unterschiedlichen Anliegen. Wird sich das bald entmischen und wieder kleiner werden, oder ist die Corona-Politik Feindbild genug, um noch länger gemeinsam zu demonstrieren?

Das hängt natürlich an der weiteren Entwicklung des Corona-Themas. Solange die Proteste daran gekoppelt sind, lässt sich das schwer sagen. Aber ich würde folgende These wagen: Ganz losgelöst vom Corona-Thema ist inzwischen so viel Unzufriedenheitspotenzial da, dass sich dieses Potenzial auch wieder einen neuen Anlass suchen kann. Die Vorstellung, dass man wieder gegen etwas ist, diese Vorstellung ist und bleibt attraktiv.


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