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"Prole Art Threat" East Man gibt dem Londoner Proletariat eine Stimme - und begründet damit ein neues Genre

Die „Bedrohung durch proletarische Kunst“ - so hieß ein Song, den Mark E.Smith für The Fall geschrieben hat - bei East Man ist sie wörtlich zu verstehen, denn der Produzent gibt diversen Künstler*innen aus billigeren Wohnvierteln auf "Prole Art Threat" eine Chance.

Von: Roderich Fabian

Stand: 27.07.2020

Künstler am Pult | Bild: Marcus Scott

Es ist immer gewagt, wenn ein Musiker verkündet, er habe ein neues Genre erfunden. Meistens kennt man den Sound dann doch schon aus anderen Zusammenhängen, aber Anthoney Hart - also der East Man - ist ein Mann mit gesundem Selbstbewusstsein. Deswegen nennt er seine Musik nicht Hip-Hop oder Grime oder Garage, sondern „Hi Tek“.

Chance für diverse Künstler*innen

"Prole Art Threat" ist unser Album der Woche

Natürlich könnte man jetzt sagen: das klingt aber nach Kraftwerk oder nach Afrika Bambaataa, also nach Electro oder Old School Rap. Und tatsächlich sind das die Fundamente, auf denen der East Man seine Tracks baut. Erst wenn die Rapper* und Sänger*innen ins Spiel kommen, erkennt man die Neuartigkeit seines Sounds.

Rapperin Ny Ny - eine Frau mit vietnamesischen Wurzeln - stellt zum Beispiel die Frage nach der Identität: „Who am I?“ Und das tun viele Stimmen auf diesem sehr diversen Album.

Neun Leuten, manche aus dem Osten Londons, alle noch am Anfang ihrer Karriere, hat der East Man Beats vorgelegt und sie geben alles, um darüber zu rappen. Darunter ist auch Fernanda Kap aus Rio de Janeiro.

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Who Am I? | Bild: East Man - Topic (via YouTube)

Who Am I?

Musik aus dem proletarischen Milieu

Angefangen hat der heute 41jährige East Man in den späten 90ern als Drum-and-Bass-DJ. Als er älter wurde, haben ihn dann die Clicks and Cuts der experimentellen Elektronik interessiert. Aber diese Szene - sagte Anthoney Hart mal einem Londoner Musikmagazin  - sei immer mehr zu einem exklusiven Zirkel weißer Mittelständler und Intellektueller verkommen. Deswegen musste er zurück ins East End, in proletarischere Milieus.

Selbst ein bislang völlig unbekannter Rapper namens „Whack Eye“ feiert den „East-Man-Sound“. Und man könnte langsam den Eindruck gewinnen, dass Anthoney Hart so etwas ist wie ein musikalischer Sozialarbeiter, der die Leute von der Straße holt, ihrem Leben einen Sinn gibt. Diese Vermutung wird gestützt durch den Titel des Albums: „Prole Art Threat“, „Bedrohung durch proletarische Kunst“ - genau so hieß mal ein Song von The Fall.

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The Fall - Prole Art Threat - (Live at the Hacienda, Manchester, UK, 1983) | Bild: Cherry Red Records (via YouTube)

The Fall - Prole Art Threat - (Live at the Hacienda, Manchester, UK, 1983)

Mark E. Smith schrieb diesen Song 1981 aus dem Blickwinkel arbeitsloser Industriearbeiter aus Manchester. Und der East Man hat 2020 nun die von Gentrifizierung und Brexit bedrohten Kids aus dem Osten Londons im Kopf. Sein Style, der eingangs erwähnte „Hi Tek“ soll der Gegensatz sein zur „High Art“, die mit ihren Galerien inzwischen die Londoner Inner Cities auch jenseits des Zentrums erobert. Da kommt eine Bedrohung durch proletarische Kunst doch gerade recht.

Bestandsaufnahme des Sommers 2020

So bunt wie das Personal auf diesem Album sind auch die Tracks. Neben Hi-Tek-Rap gibt’s Instrumentals und sogar einen Spoken-Word-Track, in dem sich junge Frauen darüber aufregen, dass die Jungs immer mehr zu Machos mutieren, je älter sie werden.

Ja, Anthoney Hart hat viel zu bieten auf seinem zweiten Album als East Man. Und wie jeder guter Pop funktioniert es auch als Bestandsaufnahme des ach so vergänglichen Sommers 2020. Ein Sommer der Verdrängung – in vielerlei Hinsicht.


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