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Anti-Rassismusübung Warum der Privilege Walk zwar Leute zum Weinen bringt, aber nichts ändert

Als Weißer Mensch kann man sich oft nicht vorstellen, wie es ist, strukturellen Rassismus zu erfahren. Dabei soll eine Übung helfen, die sich Privilege Walk nennt. Die Übung ist so anschaulich, dass sie Menschen zum Weinen bringt – aber hilft uns das weiter?

Von: Aylin Dogan

Stand: 22.09.2020

Privilege Walk (Symbolbild) | Bild: colourbox.com

Zusammen mit zwei Frauen stehe ich in einer Linie. Wir befinden uns in einem Workshop zum Thema „Kritisches Weißsein“ von Commit e.V. Der Verein leistet globalpolitische Bildungsarbeit. Und in diesem Moment sind wir am Anfang einer Übung, die sich „Privilege Walk“ nennt. Unsere Workshop-Leiterin Andrea Gugger-Diouf liest uns nach und nach Fragen vor:

„Muss ich mir Gedanken machen, dass meine Kinder von Lehrkräften aufgrund ihres Äußeren benachteiligt, nicht gefördert werden? Ihnen weniger Intellekt zugetraut wird und ihre berufliche Zukunft bereits durch die Schullaufbahn gefährdet ist?“

Wer die Fragen mit einem Nein beantworten kann, geht jedes Mal einen Schritt nach vorne.

„Muss ich mir Gedanken machen, in welcher Ecke Deutschlands ich vermutlich unerwünscht bin und ich nicht zum Urlaub hinfahre?“

„Werde ich auf einer Party oft gefragt, wo ich wirklich herkomme?“

Der Wow-Effekt

Der Test ist in letzter Zeit ziemlich beliebt geworden. Seiten wie Buzzfeed oder das ZDF haben schon solche Videos veröffentlicht. Der Aufwand ist gering, der Wow-Effekt dafür riesig. Zwischen den Teilnehmenden soll ein großer Abstand entstehen, wodurch die sozialen Ungleichheiten sofort für alle ganz klar und deutlich werden sollen.

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Rassismus-Experiment bei Dunja Hayali | Bild: ZDFheute Nachrichten (via YouTube)

Rassismus-Experiment bei Dunja Hayali

Meine Kollegin Christina Wolf steht fast an der Wand, so weit ist sie beim Privilege Walk gekommen. Sie ist weiß und hat einen deutschen Namen. Ich dagegen stehe am Ende der Übung im Vergleich zu ihr weiter hinten. Wenn die Leute mich sehen, dann habe ich Privilegien als Weiße Person. Sobald aber dann beispielsweise mein türkischer Name ins Spiel kommt, fallen einige wieder weg.

Ich würde aus Prinzip eher nicht nach Chemnitz fahren. Ich finde es einfach furchterregend. Es macht mir Angst. Und bei der Frage, ob meine Kinder später Probleme haben werden, fällt mir ein Gespräch mit meinem Vater ein, der mir riet, dass ich für den Fall, dass ich einen deutschen Mann heirate, doch besser seinen Namen annehmen solle und bei den Kindern auf eher deutsche Vornamen achten. Weil sie es dann leichter im Leben haben würden.

Die große Lücke

Autorin Aylin Dogan (2.v.l.) testet den Privilege Walk

Das ist also ein Privilege Walk. Vor allem für viele Weiße, die sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben, kann der schon ziemlich eindrucksvoll sein. Da entsteht eine riesige Lücke zwischen Menschen, die alle in Deutschland leben. Und die trotzdem in dieser Gesellschaft unterschiedlich behandelt werden. Die Lücke ist der Beweis für unterschiedlich Privilegien und macht nochmal deutlich, dass manche Menschen eben nie auf Partys gefragt werden, wo sie eigentlich herkommen. Oder niemals automatisch auf Englisch angesprochen werden, weil man vermuten würde, sie wären nicht von hier.

Die Übung habe ich wissentlich mitgemacht. Die Workshop-Leiter*innen haben das vorher mit mir geklärt. Das Ganze war für einen Film fürs Fernsehen. Manchmal ist es aber so, dass teilnehmende Personen ohne Vorwarnung an dieser Übung teilnehmen. Und das kann für manche retraumatisierend sein.

Zuher Jazmati ist kein Fan dieser Übung: „Ich habe die Übung schon so lange nicht mehr gemacht, weil ich sie tatsächlich so schrecklich finde.“ Zuher ist Social Media-Aktivist und gibt seit sieben Jahren Workshops zum Thema „Kritisches Weißsein“. Beim Privilege Walk, sagt er, bleibe am Ende vor allem eine Erkenntnis: Marginalisierte Personengruppen sind wirklich marginalisiert. Surprise! Ein weiterer Grund für Zuher, auf die Übung zu verzichten: Was auch sehr oft passiert ist, dass weiße Menschen dann sehr schnell so schockiert über diese Lücke sind, die sie zwischen den BIPOC und den weißen Teilnehmer*innen sehen, dass sie dann super emotional werden und anfangen zu weinen.“

Selbsterkenntnis statt Mitleid

Also, statt sich irgendwelchen Privilegien bewusst zu werden, dominiert das Mitleid mit den Marginalisierten. Wie macht man es dann also besser? Das fragen sich auch die Veranstalter*innen von Commit, bei denen ich zum Workshop war. Der Workshopleiterin Verena Schneeweiß sind die Probleme bei dieser Übung bekannt: „Die Methode ist durchaus kritisch zu sehen und nicht immer einfach anzuwenden. Wenn natürlich Menschen in ihrer eigenen Rolle diese Übung machen und dann beispielweise ganz hinten zurückbleiben, dann ist das sehr problematisch.“ Verena und ihr Team machen den Test deswegen auch meistens mit vergebenen Rollen, eine Weiße Frau ist dann plötzlich ein Schwarzer Mann und muss sich in die Rolle reinversetzen. Eine weitere sinnvolle Ergänzung: die Sache vielschichtiger betrachten und auch andere Diskriminierungsformen wie Sexismus, Transfeindlichkeit und Klassismus miteinbeziehen, sagt Zuher Jazmati. Dann kann der Privilegientest durchaus erkenntnisreich sein.


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