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Pride-Parade Gezerre unterm Regenbogen: Warum sich die CSD-Community spaltet

50 Jahre Christopher Street Day, 50 Jahre "Stonewall Inn". Die LGBT-Community begeht dieser Tage ein Jubiläum. Doch die Gemeinschaft ist gespalten, viele wollen die zunehmende Kommerzialisierung nicht hinnehmen. Sie gründen alternative Demos.

Von: Lisa-Sophie Scheurell

Stand: 08.07.2019

T-Mobile bei der Pride Parade in New York 2019 | Bild: picture alliance / Photoshot

Die größte Pride-Parade aller Zeiten: Über vier Millionen Menschen ziehen am 30. Juni 2019 durch die Straßen New Yorks. Mit dabei: Festwägen unzähliger Firmen, darunter T-Mobile, Master Card, Coca Cola, mehrere Investment Banken und selbst Wirtschaftsberater wie Deloitte. Die Firmen haben für die Pride ihre Logos zu Regenbogenflaggen verändert, haben T-Shirts und Fahnen bedruckt. Die Pride ist also Business – Big Business – und damit haben immer mehr Menschen in der Community ein Problem: „Das war eine schleichende Entwicklung, aber mittlerweile hat der Pride durch die Beteiligung der großen Firmen komplett den politischen Bezug und den Bezug zur Gerechtigkeit verloren“, sagt Anne Northrop, Ikone der queeren Community in New York im Podcast der New York Times.

Dabei sind Firmen nicht das einzige Problem: Eine weitere Kontroverse in diesem Jahr war die Rolle der Polizei – auch sie läuft auf der Pride mit. „Die Polizei war in den letzten Jahren alles andere als nett zu LGBTQ-Menschen, deshalb war sie zu unserer Demo nicht eingeladen.“  Unsere Demo – damit meint Anne Northrop die „Reclaim Pride Coalition“, eine alternative Bewegung zur Mainstream-Parade – ohne Sponsoren, Politiker und Polizei. Sie lief am Sonntag vor der großen Parade – gekommen sind keine vier Millionen, aber immerhin 40.000, so die Veranstalter.

Zu viel Kommerz

Die "Reclaim Pride Coalition" hat 2019 eine eigene Parade in New York veranstaltet

New York ist kein Einzelfall. In Deutschland ist die Situation nicht viel anders: Auch in Köln, wo am Wochenende die größte Parade stattfand, gab es einen alternativen CSD unter dem Motto „Stonewall – Remember & Act“. Sabine hat die Alternativ-Veranstaltung mitorganisiert: „Zu viel Kommerz, zu viel Werbung, zu viel Partei im Namen. Die Frage ist auch, stehen die Firmen oder Menschen wirklich voll dahinter, das ist nicht immer so ganz klar.“

So sieht das auch Albert Kehrer. Er arbeitet bei der „Proud At Work Foundation“, einer Organisation, die sich für die LGBTQ-Community am Arbeitsplatz einsetzt. Dennoch ist Kehrer davon überzeugt, dass letztlich beide Seiten davon profitieren: Mitarbeiter und Unternehmen. „Die Unternehmen wollen natürlich ein Employer Branding, also eine gute Reputation. Sie wollen durch ihr Engagement die Mitarbeiter-Motivation steigern. Und letztendlich damit auch die Profitabilität steigern.“

Nicht alle sind gleich sichtbar

Für Sabine vom alternativen CSD in Köln sind die Firmen aber nicht das einzige Problem: „Beim CSD ist halt die Sichtbarkeit auf schwul/lesbisch sehr stark, aber Transmenschen, nicht binäre Menschen und Menschen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind, die haben da unheimlich wenig Sichtbarkeit.“

In München - hier sind übrigens unter anderem Amazon und BMW Partner – gibt es keine alternative Parade. Julia Bomsdorf, Sprecherin des Münchner CSD: „Ich sehe ganz deutlich die kritikwürdigen Punkte, finde aber trotzdem: Wenn wir eine so große Veranstaltung haben wie den Münchner CSD, dann könnte man aktiv zusammen schauen, wie man die emanzipatorischen Vorhaben einbringen kann, statt was Alternatives zu machen, was dann ja vielleicht auch doch nur in den kleinen Kreisen bleibt, die ja sowieso dieselbe Einstellung haben.“

In einem sind sich aber alle einig: Sie wünschen sich einen politischeren CSD.


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