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"Pornfluencer" Diese Doku offenbart die toxische Realität hinter Amateurpornografie

Eigentlich sollte "Pornfluencer" ein sexpositiver Film über Amateurpornografie werden. Beim Dreh aber wurde daraus eine Studie über patriarchale Macht-Dynamiken im Porno-Business. Die Doku zeigt eine junge, intime Beziehung im Strudel zwischen Sexismus, Social Media und neoliberalem Mindset.

Von: Alba Wilczek

Stand: 13.07.2022 17:15 Uhr

Das Porno-Pärchen Andrea und Nico, Szene aus der Doku "Pornfluencer" | Bild: Salzgeber

"Am Ende war ich skeptisch, ob die uns das überhaupt auszahlen. Aber als dann die erste Überweisung auf meinem Konto war, haben wir gefeiert. Das war schon cool. Das war für uns schon der Moment, wo wir die Freiheit erreicht haben."

- Jamie Young, Porn Influencer

Jamie Young und Nico Nice sind sogenannte Pornfluencer. Und sie sind die Protagonist:innen für den gleichnamigen Dokumentarfilm von Joscha Bongard. Als Paar drehen Jamie und Nico Amateurpornos. Für verschiedene Internet-Anbieter und für ihre eigene Website. Dabei übernehmen sie alles selbst: Produktion, Schauspiel, Schnitt, das Hochladen und die Vermarktung auf Social Media. Ein Fulltimejob.

Wie politisch ist der Körper?

Regisseur Joscha Bongard erzählt: Mit seinem besten Freund und Kameramann Jakob ist er für zwei Wochen nach Zypern gereist. Dort im Steuerparadies leben Jamie und Nico, ganz alleine in einem riesigen Haus. Eigentlich wollte Joscha nur hinter die Kulissen des Amateurporno-Business blicken, eine sexpositive Dokumentation drehen. Aber dann kam alles ganz anders, eine neue Dynamik!

"Wir haben schon während des Drehs gemerkt, dass es ein anderer Film wird. Dass es vor allem weniger um Porno, sondern mehr um Beziehung gehen wird. Und spätestens als ich das Material dann gesichtet habe, auch damals noch mit einer Editorin, mit der ich lange über den Schnitt gesprochen habe, die mir auch immer wieder gesagt hat: 'Joscha, das ist das Thema das Films' und uns darin bestärkt hat. Weil das so im Raum steht, und weil das so viel über unsere patriarchale Gesellschaft, über unsere sexistische und kapitalisitsche Gesellschaft aussagt, müssen wir das aufarbeiten.

Nice and decent at home

Alles fängt im Film ganz harmlos an. Jamie und Nico geben uns eine Roomtour durch ihr riesiges Haus. Erzählen, wie glücklich sie mit ihrer Situation sind und wie viel Geld sie verdienen. Und wir bekommen eine bunt-animierte Einführung in das harte Business der Online-Pornografie, exklusiv gesprochen von "how to sell drugs online fast"-Hautpdarsteller Maximilian Mundt: "Die meisten Pornos im Internet sind kostenlos aufrufbar auf sogenannten Tube-Seiten. Und trotzdem sind Pornos eine riesige Industrie, ein Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft. 2015 wurde die weltweite Porno Industrie auf 97 Milliarden Dollar geschätzt."

Milliarden, die man verdienen kann: Doch schnell verändert sich der Vibe im Dokumentarfilm. Zuschauenden wird schleichend klar: Irgendwas ist hier faul. Warum fühl ich mich immer unwohler? Und dann werden wir Zeuge einer Szene in einer zyprischen Mall. Nico möchte ein Tik-Tok-Video mit Jamie drehen: "Ich fühl mich nicht so gut muss ich sagen…" - "Heb mal deine Hand an deine Brüste! Kannst du dich jetzt bitte zusammenreißen bitte?" - "Ich will das trotzdem nicht machen" - " Aber das ist witzig".

Wie privat ist privat?

Das bleibt nicht der einzige befremdliche Moment. Wir beobachten einen immer toxischer werdenden Nico, der Jamie permanent sagt, was sie bitte wie zu tun hat. Der sie leicht nötigt, auch wenn sie ihr Unwohlsein äußert. Spätestens, als er von seiner Vergangenheit als Pick-Up-Artist erzählt, und das Paar Elon Musk als ihr Vorbild nennt, ist allen klar: In diesem Haus regieren Nico und der neoliberale Mindset-Wahnsinn. Der Gipfel: Die tägliche Hybris vorm Spiegel.

"Alle Frauen lieben meinen Penis. Ich liebe Sex, ich bin der beste im Bett. Ich bin der beste Porno Star. Ich bin der schönste Mann der Welt. Ich liebe es in mich zu investieren. Mein Reichtum wird immer größer. Alles ist möglich."

- Nico

Was will uns dieser Film sagen

Pornfluencer ist ein beklemmender Film. Er zeigt Macht-Dynamiken. Das, was möglicherweise hinter den Pornos steckt, die wir täglich konsumieren. Eine junge Beziehung im Strudel zwischen Sexismus, Kapitalismus und neo-liberalem Denken. Und der Film erzählt auch den Prozess junger, woker Filmemachenden, die, wie Joscha Bongard in einen Zwiespalt gelangen.

Bongard sagt dazu: "Wenn da eine Frau steht, die mir sagt, sie macht das angeblich gerne. Dann hinzugehen und zu fragen: Machst du das wirklich gerne? Ist es deine freie Entscheidung? Das ist auch super paternalistisch. Es ist ein nicht auflösendes Paradoxon, wie man sich in der Situation verhalten sollte für mich." Natürlich würde ihm das zu denken geben, aber wenn die Frauen sagen, sie seien glücklich damit, und auch sie würde das ganz explizit sagen, dann müsse er das auf eine Art eben auch respektieren.