Bayern 2 - Zündfunk


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Roadtrippin' mit dem Zündfunk: von Atlanta bis New Orleans Mit diesem Reiseführer kommt ihr als Musikfan perfekt durch den Dirty South der USA

Der Zündfunk ist euer Reiseführer durch den Dirty South der USA: von Atlanta geht's über Athens, Nashville, Hurricane Mills, Memphis und Clarksdale bis nach New Orleans. Hier gibt's die besten Tourstopps für Musikfans.

Von: Michael Bartle

Stand: 11.06.2018

Zündfunk-Musikchef Michael Bartle an einer Bushaltestelle in Soulsville | Bild: BR/Michael Bartle

1. ATLANTA: Die neue Hip-Hop-Hauptstadt

Erst seit ein paar Jahren ploppt diese Stadt im Dirty South auf der Reiseroute von Musikfans auf: Atlanta ist von München in einem Acht-Stunden-Flug gut erreichbar und hat mehr zu bieten als das tatsächlich ganz lustige Coca Cola-Museum. Auch wenn Downtown-Atlanta für Europäer ein architektonisches Grauen ist - mit der Stadt geht es sichtbar aufwärts, eine lange Hip-Hop-Tradition hat sie ohnehin: Arrested Development kommen von hier, auch Outkast und Organized Noise. Und seit einiger Zeit gibt es mit den Migos, Future, Young Thug, Playboi Carti und vielen anderen eine absolut spannende, von Trap und Cloud Rap beeinflusste junge Szene. "Walk It Talk It" war im Juni der Hit der Stunde und dröhnt aus allen Boomboxen.

Wir steigen über Airbnb in der hippen und erstaunlich grünen Inman Park-Gegend ab – der Krog Market mit einer guten Microbrewery sind ums Eck. Gleich gegenüber beginnt ein kilometerlanger Fahrrad- und Fußgängerweg, der absolut empfehlenswerte Atlanta Beltway, den wir mit hunderten von Joggern, Radlern und Skatern und vorbei an zahllosen Graffittis Richtung Downtown und Biergärten nehmen. Und ja, die Stadt ist mittlerweile deutlich im Beuteschema von Investoren und Gentrifizierern.

Nach einer kurzen Chillpause zuhause auf der Veranda schaffen wir es in gut zehn Minuten zu Fuß in die 450 Auburn Avenue NE zu Martin Luther King Jr.s Geburtshaus, gleich nebenan gibt es dort ein sehr empfehlenswertes Museum über die Geschichte des Bürgerrechtlers und das Civil Rights Movement.

Die Investoren und Gentrifizieren haben es auf Atlanta schon abgesehen.

Die lustigste Bar, die wir in Atlanta gefunden haben, befindet sich gleich ums Eck: „Sister Lousia’s Church of the Living Room and Ping Pong Emporium" hat tatsächlich eine Tischtennisplatte, vor allem aber eine wunderbar trashige und liebevoll heruntergerockte Einrichtung – und aus der Jukebox kläfft Punk- und Garagenrock und blutig servierter Rhythm'n'Blues.

2. ATHENS: Das Collegestädtchen

Gut eineinhalb Stunden nordöstlich ist unser nächster Stopp: Das kleine Collegestädtchen Athens, Georgia, ist auch ein wenig eine Reise in die eigene Vergangenheit. R.E.M, die B52's und Vic Chestnutt kommen da her, vor mehr als 20 Jahren waren wir schon mal hier - die letzte große Reise vor dem Studium - haben damals Vic Chestnutt und die Meat Puppets live gesehen und viele Freundschaften mit Grungern, Späthippies und Literaturpunks geschlossen. Aber von dem Indie-Grunge-und Alternative-Flair ist so viel nicht übrig geblieben, die jungen Menschen heute schauen ziemlich durchoptimiert aus, es gibt aber immerhin noch einen tollen vegetarischen Laden (The Grit) und einen Portlandia-haften Bookstore (Avid Bookstore) in der Prince Avenue und zwei, drei sehr gute Plattenläden.

Im besten, bei Lo Yo Yo Stuff Records in der West Washington Street, stellt sich dann ein nices Wölkchen eines transatlanischen Feedbacks ein. Vorne drei Kisten mit neuen und alten Platten, die von den Mitarbeitern empfohlen werden – und was fällt mir als erstes in die Hände: Hamburgs DJ Koze, der offenbar auch von den Plattenladenverkäufern in Athens, Georgia, sehr geschätzt wird.

3. NASHVILLE: Die Country-Überdosis

Nach einem kurzen Abstecher in die schöne, wenn auch nicht besonders hochalpine Bergwelt der Blue Ridge Mountains, sind wir bereit für eine Overdose an Bluegrass und Country. Freunde hatten uns den Tipp gegeben, Nashville nicht an einem Wochenende anzusteuern, dann würden die Touristen die Stadt fluten. Das beste Programm bekäme man am Wochenanfang. Als wir uns später am Tag kurz in den Broadway stürzen, das Epizentrum der Live-Bars, wird uns auch klar warum: Das hier ist die Eventzone, das hier ist Touristen-Trash, hier bekommt man Country für die Bachelor-Party.

Johnny Cash in den Alpen

Am Tag davor haben wir uns im gerade angesagten East-Nashville ein Zimmer geschossen, Jim schreibt, sein Platz sei LGBT-friendly, so stockkonservativ wie vermutet kann Nashville also nicht mehr sein. Fußläufig ist hier gar nichts, das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs überschaubar, dann also mit dem Mietwagen in die Innenstadt, dort dann der erste Preisschock: Der nicht mal bewachte Parkplatz an der sehr okayen, immer wieder mit Sonderausstellungen operierenden Country Hall Of Fame Museum kostet 26 Dollar, den Eintritt muss man noch obendrauf legen. Viele schöne Exponate - für uns Bayern gibt es unten im Foyer dieses herrliche Bild von Johnny Cash in den Alpen.

Wer dann noch nicht genug an Musealem hat: Auch die Gran Ole Opry, die legendäre, seit Jahrzehnten laufende Live-Radio-Show kann man besuchen, sie liegt allerdings etwas außerhalb mitten in einer Shopping-Mall-Wüste. Montag- und Dienstagabend dann aber dafür mit der besten Country-Livemusik, die man in diesem Leben haben kann – und man hat aber auch die Qual der Wahl. Hier unsere Auswahl:

Montag:
3rd and Lindsley: Fast jeden Montagabend spielt dort die zehnköpfige Western Swing-Combo „Time Jumpers“, die zusammen 500 Jahre Country-Erfahrung auf dem Buckel haben – kauft Euch die Tickets für 20 Dollar vorher, die Abende sind fast immer ausverkauft.
Station Inn: Auch da ein Montagabend Regular, hier spielen die Grammy-Gewinner (und Glenn Campbell Sideman) Carl Jackson und Larry Cordle mit großartiger Band für zwölf Dollar Eintritt besten Bluegrass und Country. Im Station Inn am Dienstag auch die sehr feine Doyle & Debbie Country-Comedy Revue.

Dienstag:
Five Spot: Der 2 Dollar Tuesday in East Nashville. Für zwei Dollar Eintritt und zwei Dollar für jedes Bier bekommt man fünf bis sechs Bands am Abend – oft eine besser als die andere.

Oder geht in die American Legion Hall Post 82, 3204 Gallatin Pike: Beim Honky Tonk Tuesday könnt ihr für etwa zehn Dollar zusammen mit Veteranen, Hipstern und Alt-Hippies ebenfalls extrem gute Country- und Honky Tonk-Bands kucken. Und für Freunde von Folk und Singer/Songwriter empfehlen wir das The Bluebird Cafe.

Der Plattenladen in Nashville: Third Man Records
An einem heißen Nachmittag musste wir natürlich noch Jack Whites Laden Third Man Records besuchen, in der Seventh Avenue South - einem etwas heruntergekommen Viertel der Stadt mit vielen Baulücken und alten Industrieruinen. Im Laden weiße tätowierte Hipster, eine Menge Jack White-Merchandise und Devotionalien und Platten, die Jack White und Third Man entweder mögen oder selbst herausgebracht haben. Man kann eine kleine Führung mitmachen, hin und wieder gibt es auch tolle Konzerte im Laden – am 1.Oktober 2018 etwa kommt die großartige Jazz-Poetry Band Sons of Kemet. Ich hab ein T-Shirt gekauft und eine schöne Compilation mit den Stax- und Volt-Singles von der tollen Wendy Rene, die ihren Künstlernamen von Otis Redding verpasst bekommen hatte.

4. HURRICANE MILLS: Die Loretta Lynn-Farm

Herrlich gelegen, die Loretta Lynn Antebellum-Villa in Hurricane Mills.

Eigentlich ist Memphis unser nächstes Ziel. Aber auf dem Weg dorthin kommen wir an mindestens „Three Billboards outside Nashville, Tennessee vorbei“ – überlebensgroß darauf: Country-Star Loretta Lynn. Werbung für die Loretta Lynn-Farm und die Loretta Lynn-Kitchen und den Loretta Lynn-Campgrounds. Also Blinker rechts und raus. Dann noch acht Meilen landeinwärts und da liegt sie vor einem: Die Loretta Lynn-Antebellum-Villa auf einem Grundstück, das ungefähr so groß ist wie Unterfranken und auf dem Fans auch einen Zeltplatz mieten können.

Diese Frau hat in ihrer Karriere knapp 50 Millionen Alben verkauft und das darf man ruhig auch sehen. Auf dieser Ranch in Hurricane Mills veranstaltet sie nach wie vor dreimal im Jahr in den Ferien kleine Festivals, gerade erholt sie sich von einer Krankheit, aber checkt ihre Seite für künftige Events. Viel viel später in Deutschland wollen wir uns den Spielfilm „Coal Miner’s Daughter (auf Deutsch: Nashville Lady) über Loretta anschauen. Jetzt aber schmeißen wir einen anderen Song ins Autoradio: Nachdem wir uns gerade noch in Jack Whites Plattenladen herumgetrieben haben, hören wir ihn im Duett mit Loretta Lynn und für ein paar Minuten entführen uns die beiden nach "Portland, Oregon" – aber das ist eine ganz andere Reise.

5. MEMPHIS

Von Lorettas Ranch in Hurricane Mills sind es noch gut 150 Meilen bis nach Memphis – und den Sun Studios von Sam Philipps, dort wo Elvis Presley, Carl Perkins, Johnny Cash und Jerry Lee Lewis Songs aufgenommen und sogar eine Nacht zusammen gejammt haben. Schon beim Reinkommen in die kleine Bar wird einem die ganze Geschichtsträchtigkeit gewusst – die Four To The Floor hängen auf einem Riesen-Poster über dem Tresen.

In der kleinen Bar in den Sun Studios hängen Elvis, Johnny Cash, Carl Perkins und Jerry Lee Lewis als Poster.

1950 hat Sam Philipps in der 706 Union Avenue seinen Memphis Recording Service eröffnet und nahm alles auf, was Geld brachte – Hochzeiten, Chöre, sogar Beerdigungen. "We record anything, anywhere, anytime" war der Slogan, die Tür immer offen, wer wollte, konnte hereinspazieren und sich gegen kleines Geld aufnehmen. Tatsächlich war es Sam Phillips Traum, Geld für ein Plattenlabel aufzutreiben, um die von ihm geliebte Blues Musik aus dem Mississippi Delta aufzunehmen.1951 zog er sich eine Truppe aus Clarksdale, Mississippi: Jackie Brenston and his Delta Cats mit einem blutjungen Ike Turner an den Keyboards. Später sollte Ike die Truppe übernehmen und in Ike Turner and his funky kings umbenennen. Am 5. März nahmen sie in den Sun Studios das Stück Rocket 88 auf – für viele die erste Rock’n’Roll Single überhaupt – und ein echter Knaller.

Die Geburtsstunde des Rock’n‘Roll im Jahr 1951: Rocket 88 – von Jackie Brenston and his Delta Cats, ein Loblied auf dem damals gerade erschienenen Oldsmobile „Rocket 88“ – modelliert nach dem Cadillac Boogie von Jimmy Liggins, der vier Jahre zuvor erschienen war. Die 13 Dollar für die sehr kompetente Führung durch die Sun Studios lohnen sich auf jeden Fall und am Ende darf man sogar das Mikro shaken, das angeblich Elvis in der Hand hatte.

Mit dem Bus nach Soulsville

Zündfunk-Musikchef Michael Bartle an einer Bushaltestelle in Soulsville

Nachdem Graceland ein kleines Vermögen kosten würde – schon fürs Parken wollen sie dir 10 Dollar abhnemen, die Führung dann pro Person 59 Dollar aufwärts - sparen wir uns den Konsumtempel des King und nehmen den Bus unseres Herzens Richtung Soulsville.

Denn nur ein paar Automeilen weg vom Sam Phillips‘ Sun Studios liegt das ebenfalls sehr empfehlenswerte Stax Records Museum – auch da kann man gut 90 Minuten verbringen mit der Geschichte des vielleicht zweitwichtigsten Soul-Labels der Geschichte, mit Filmen, Musik und Isaac Hayes‘ Cadillac mit vergoldeter Schnauze. Wir werfen ein paar Isaac Hayes, Booker T und Otis Redding – Stücke auf unsere Playliste, bleiben aber erst mal bei ihr hängen: bei Carla Thomas.

6. CLARKSDALE - DIE WIEGE DES DELTA BLUES

Memphis liegt am legendären Highway 61, der 2500 Kilometer langen Nord-Süd Verbindung von Minnesota runter nach New Orleans. Gut anderthalb Stunden dauert es mit dem Auto bis wir tief drinnen sind im Mississippi Delta, tief drinnen im Baumwollland: In der Gegend um Clarksdale haben vor hundertfünfzig Jahren über 5000 Sklaven auf den Plantagen geschuftet und die weiße Bevölkerungsminderheit stinkereich gemacht. Die Folgen davon sind heute noch erschreckend sichtbar, immer öfter gilt: weiß diniert, schwarz serviert! Wir sind, und das wird uns erschreckend klar, auf dieser Reise sehr oft über Airbnb abgestiegen. Und natürlich verstärkt auch diese Plattform Rassentrennung und Chancenungleichheit, denn in den hippen Vierteln der amerikanischen Städte gibt es fast ausschließlich Weiße, die ihre Wohnung anbieten und damit Geld verdienen.

Runtergerockte Häuser, aber coole Autos: Clarkdale

Neben den Highway 61 häufen sich runtergerockte Trailer, die Gegend schaut verwüstet aus, in Clarksdale selbst ist kaum ein Haus in Ordnung, noch heute leben über 30 Prozent der überwiegend afroamerikanischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Es ist also kein Wunder, dass hier im Mississippi Delta der Blues zuhause ist. Das kleine feine Delta Blues Museum erzählt die Geschichte der ersten Helden ganz schön.

John Lee Hooker ist hier in Clarksdale geboren, Ike Turner, Sam Cooke und auch er: Son House, der im Jahr 1902 auf einer Plantage geboren wurde und in den 30er Jahren mit Robert Johnson und vor allem lange mit Charlie Patton spielte, irgendwann mit dem Blues aufhörte und erst in den 60er Jahren wieder zu spielen begann und wiederentdeckt wurde.

7. NEW ORLEANS: BRASS UP YOUR LIFE

Nur noch ein paar Stunden Fahrt sind es bis New Orleans. Wir haben uns in New Orleans für ein Airbnb im ganz coolen Viertel Bywater District entschieden, zehn Minuten zu Fuß entfernt von der tobenden Frenchman Street mit den vielen Livebars. Bei Matt und Dusty, den beiden Gentlemen mit Regenbogenflagge, haben wir einen Garten dabei und vor allem und ganz wichtig: zwei Fahrräder sind im Preis dabei.

Marching Band in New Orleans

Es ist Sonntag, der Tag, an dem die Marching Bands auf die Straße gehen. Auf der Seite der Radiostation WWOZ finde ich einen Hinweis auf einen großen 2nd Line Umzug im afroamerikanisch geprägten Viertel 7th Ward – wir schaffen es mit den Rädern gerade noch, kurz vor 13 Uhr da zu sein – außer uns fünf Prozent weiße Hipster und Touristen, sonst nur afroamerikanische Locals in den coolsten und lustigsten Styles, die man sich vorstellen kann. Knapp drei Stunden marschieren wir mit den Marching Bands mit, es wird eines meiner besten Musikerlebnisse.

Die Schlaglöcher sind riesig, die Straßen uneben

Mittlerweile hat sich die Stadt fast ganz von Katrina erholt, nicht aber von der Steuerskepsis der Amerikaner. Die Schlaglöcher sind riesig, die Straßen wellig und uneben – "I pay my taxes, so you better fix my street" schreibt ein Bewohner auf ein Transparent vor seinem Haus. Trotzdem: New Orleans ist wild, bunt, großartig, anarchisch, gefährlich - aus jeder Ecke brodelt Musik.

Graffiti an der Fassade von Kermit Ruffins Mother-In-Law Bar

Kermit Ruffin, der ausgestiegene Trompeter der Rebirth Brass Band hat im Viertel Treme eine eigene Kaschemme, eine unglaubliche Bar, in der man GoGo, Booty aber auch allerfeinsten Brass live sehen und erleben kann. Die Rebirth Brass Band jeden Dienstag und die Hot 8 Brass jeden Sonntag haben eigene wöchentliche Shows, die sie ziemlich routiniert anfangen, um dich dann aber nicht mehr loszulassen – spätestens beim Marvin Gaye Cover "Sexual Healing" sind alle auf der Tanzfläche.

Aber auch entlang der von Touris noch nicht so stark bevölkerten St. Claude Avenue gibt es großartige Live-Clubs wie die Saturn Bar, die Siberia Lounge oder die Hi-Ho Lounge. Vier Nächte lang bleiben wir in New Orleans, die Stadt schießt sofort in unsere Top Ten – aber als wir in den Flieger steigen sind wir ziemlich durch: Wir brauchen etwas Erholung vom Dirty South.


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