Bayern 2 - Zündfunk


17

Album der Woche: "Brutal" Wie Camilla Sparksss ihre düstere Seite emanzipiert hat

Ein Album, das sich nicht festnageln lässt, das zwischen Zärtlichkeit und Wut keinen Mittelweg finden will. Mit „Brutal“ zeigt uns Camilla Sparksss ihre extreme Seite - mit Noise auf allen Ebenen. Diese flamboyante Düsternis scheint wenig politisch motiviert, sondern eher zeitlos zu sein.

Von: Maria Fedorova

Stand: 08.04.2019

Versuch die schlechten Zeiten zu vergessen“ - mit diesem Appell beginnt das Album „Brutal“ von Camilla Sparksss. Kurz scheint ein Licht durch die düstere Bass-Wolke, wir hören sanfte Percussion und ein Theremin. Ist es der Sängerin gelungen, die Dunkelheit hinter sich zu lassen und unbekümmert zu sein?

Nein, denn es war nur eine kurze Atempause um uns sofort wieder in die Tiefe fallen zu lassen. Der Dark Noise des ersten Tracks „Forget“ wird durch orientalische Klänge im zweiten Song „Are you ok“ abgelöst. Das ganze Album lebt von diesen Höhen und Tiefen. Shoutings und Noise werden von New Wave-Beats unterwandert. Alles ist verwaschen und verhallt. Auch der Albumtitel „Brutal“ bezieht sich auf die Liebe zu Kontrasten und Extremen. Mit diesen ist Sparksss buchstäblich ausgewachsen.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Camilla Sparksss – Womanized | Bild: On the Camper Records (via YouTube)

Camilla Sparksss – Womanized

Bei minus 27 Grad in Kanada geboren

Camilla Sparksss, dahinter steckt die kanadisch-schweizerische Musikerin Barbara Lehnhoff. Im Dezember 1983 soll sie bei minus 27 Grad in Kanada geboren worden sein: So steht es auf ihrer Homepage unter der Überschrift „My Story“. Zu der Zeit liefen Culture Club und die Eurhythmics mit „Sweet Dreams“ im Radio - kühle Beats und verrauchte, warme Stimmen.

Zur Musikerin wurde Sparksss aber in der Schweiz, im sonnigen Tessin. Hier ist sie auch als Künstlerin und Filmemacherin tätig. Bei der Vertonung eines Stummfilms hat sie erstmals selbst zum Instrument gegriffen. Zusammen mit dem Gitarristen Aris Bassetti hat sie das Art-Punk Duo „Peter Kernel“ gegründet. Das erste Solo-Album „For you the wild“ klingt noch viel melodischer. Die Songs transportieren das Jagdfieber und sind aus Natur-Metaphern gestrickt. In „Brutal“ trennt sich Sparksss von der romantischen Wanderlust, sie wird persönlicher, aber auch kompromissloser.

Nicht aktuell-politisch, sondern zeitlos düster

Die Lyrics drehen sich um das Verlangen nach einem Happy End und um den Rausch einer neuen Verliebtheit. Aber auch darum, dass Sparksss bis zur Schmerzgrenze gehen muss, um sich ihre Bedürfnisse bewusst zu machen.

Camilla Sparksss erinnert in ihrem Drang zu experimentieren an Alice Glass die früher bei den Crystal Castles war. „Brutal“ klingt intensiv, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt provokant. Daher erscheint die Platte nicht aktuell-politisch, sondern eher zeitlos. Sparksss – mit drei S! - ist auch der perfekte Künstlername. Er zeigt uns, dass grelle Düsternis im Pop manchmal trotzdem strahlen kann.  


17