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Zum 70. Geburtstag Wie Brian Eno die Popmusik regelmäßig revolutioniert hat

Brian Eno hat mit David Bowie eine der legendärsten Pop-Trilogien. Erst mit Roxy Music den Glamrock und später mit David Byrne den Global Pop revolutioniert. Und mit Ambient sogar ein ganz neues Genre begründet. Eine Huldigung.

Von: Michael Bartle & Marcel Anders

Stand: 26.04.2018

Brian Eno | Bild: picture-alliance/dpa

Brian Eno hat seit über 40 Jahren bedeutende Musik erschaffen, als Musiker, Produzent und multimedialer Künstler. Aber dann diese Aussage:

"Was sonst ist Musik außer leerer Formalismus. Klar, wenn Musik auch Texte hat, wird es ein bisschen komplizierter, weil die Leute glauben, dass das dann was bedeutet. Aber meistens ist Musik nur das Arrangement von Sounds."

Brian Eno

Das sagt uns Brian Eno im großen Zündfunk-Interview, ausgerechnet Eno, er schießt weiter: "Bei klassischer Musik sagen sie dann immer: 'Oh, hier in Beethovens vierter Sinfonie kannst du einen plätschernden Bach hören und den Wind in den Bäumen' und all diesen Mist. Wir wissen alle: Das ist Nonsens. Du hörst einfach nur Musik. Und bei Musik geht's immer nur um Musik."

Neben seinen Weggefährten David Bowie und David Byrne ist Brian Eno einer der wenigen Musiker, die nahezu über jeden Zweifel erhaben sind. Einer der seltenen Typen, die gleichzeitig Visionäre und total straight sein können. Mit Roxy Music und ihrem Debütalbum machte er Sound, den es so im Jahr 1972 noch nicht gab – drei Monate vor Bowies Ziggy Stardust. Gemacht von Typen, die aussahen wie die Spiders von Mars. Eno war besonders camp und ließ sich damals gerne mit Federboa, Make-Up und in Plateauschuhen ablichten. Er behauptete, Nichtmusiker zu sein, der bei Roxy Music aber den Synthesizer bearbeitete. Lange ist es nicht gut gegangen mit Eno und Bryan Ferry. Ferry, der wie Schröder und Merkel in die Mitte, in den Mainstream wollte. Aber ein Album haben sie noch zusammen geschafft – trotz, wie das immer so schön heißt: fast nicht auszuhaltender kreativer Spannungen. Enos Einfluss auf der zweiten Roxy-Music-Platte kann man vielleicht am besten hören in den verrutschten Synthesizern von "Every Dream Home There's A Heartache" – einer Hölle von einer Ballade. Dann stieg Brian Eno aus, machte ein paar mit Glam und Avantgarde gefüttterte Pop-Platten. Und dann erfand er Ambient.

Ambient ist wie in die Kirche gehen

Er liebt zwar die großen Städte, aber ausgerechnet dort hat er die ruhigste Musik komponiert. Wo wäre ich jetzt gerne, hat er sich beim Komponieren oft gefragt, bringt mich die Musik dahin? Und ausgerechnet in seinem lärmigen New Yorker Loft entstand 1982 die heute noch gültige Ambient-Platte "On Land", weil ihm die riesigen Lastwägen und Kräne, die vor seinem Fenster auf und ab fuhren, ein bisschen auf die Kiste gingen. 1978 hatte er mit "Ambient Music 1: Music for Airports" ein neues Genre erfunden und getauft. Ambient. Natürlich ist das nicht im leeren Raum entstanden. Luigi Russolo hatte schon 1913 aus Geräuschen Musik gemacht, beeinflusst von der Industrialisierung, die vermutlich damals ähnlich spektakulär war wie heute die Künstliche Intelligenz. Oder Erik Satie, der ein paar Jahre später Musik als Möbel komponiert hat. Eno wollte damals eine Musik für Flughafenhallen erschaffen. Musik, die den Durchreisenden kurz eine Atempause gibt, den Ortlosen einen Ort erschafft. Heute, 40 Jahre später, ist sein Blick auf Ambient, seine Erklärung dafür immer noch ziemlich durchdacht.

"Es ist wie in die Kirche gehen. Menschen gehen dahin, um in eine andere Welt verfrachtet zu werden und dort ihre Gedanken zu sammeln. Ich will auch nur meine Gedanken sortieren. 1975 hab ich daraus eine Methode gemacht, Musik zu machen."

Brian Eno

Der Drang nach neuem Minimalismus

1977 dann waren Brian Eno, David Bowie und Tony Visconti drauf und dran, eine der legendärsten Trilogien der Popgeschichte einzuspielen – die Alben "Low", "Heroes" und "Lodger". Eno und Bowie hatten sich ein Jahr zuvor kennengelernt. Bowie hat ja immer die Augen offen gehalten für alles Neue und Visionäre, dabei ist er nicht nur auf Krautrock und frühe deutsche Elektronik gestoßen, sondern eben auch auf Enos Minimal Album "Discreet". Für die Berlin-Trilogie schrieb Eno dann gemeinsam mit Bowie insgesamt elf Stücke – darunter den Jahrhundertsong "Heroes".

Cover des Talking-Heads-Albums "Remain In Light" | Bild: Warner

Brian Eno hat alle paar Jahre die Popmusik neu erfunden hat – die späten 70er und frühen 80er waren für Brian Eno eine unfassbar produktive Zeit. Es ist ein Rätsel, wie der Mann gleichzeitig an so vielen wegweisenden Pop-Baustellen arbeiten konnte. Fast zeitgleich zur Berlin-Trilogie produzierte Eno in New York die Talking Heads-Alben "More Songs about buildings and food", "Fear Of Music" und "Remain in light". Und es ist verblüffend, wie viel sich David Byrne von Brian Eno geborgt hat – vor allem den stadtneurotischen Gesang. Nur kurze Zeit später ging Eno schon ins nächste Wagnis – nämlich gemeinsam mit David Byrne Ambient, Jazz, Pop und Weltmusik zusammenzudenken. 1981 entstand daraus das auch heute noch atemberaubende "My life in the bush of ghosts!", ein Jahr vorher das viel weniger bekannte "Fourth World" Volume 1 mit dem Jazztrompeter Jon Hassell.

Brian Eno, der Theoretiker und Dialektiker

"Eine meiner sogenannten schrägen Strategien sagt: 'Wiederholung ist eine Form der Veränderung'. Wiederholung ist eine sehr, sehr nützliche Übung für Menschen. Aber das haben ja auch schon Menschen viele tausend Jahre vor mir entdeckt, wenn sie Mantren gesungen haben und meditierten."

Brian Eno

Brian Eno nahm dann zusammen mit David Byrne und Chris Frantz von Talking Heads und Robert Fripp von King Crimson "My Life in the bush of ghosts" auf. Das Album war nach einem Roman des nigerianischen Autors Amos Tutuola benannt und sampelte muslimische Prediger, amerikanische Radiofetzen und Field Recordings auf eine unerhörte Weise und kombinierte diese Soundfetzen mit Elektronik, Ambient und Funk.

Das Ende von Weltmusik

So fiebrig und urban hatte man östliche und westliche Sounds bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht zusammen gehört. Und es ist ziemlich frappierend, wie jetzig dieses Album aus dem Jahr 1981 heute noch klingt. Es war das Ende von Weltmusik und der Anfang von Global Pop. Er hat seit 1973 und nach Roxy Music so viel Bahnbrechendes gemacht, dass man mit der Aufzählung kaum hinterherkommt. Dass er dabei noch Multimillion-Dollar-Bands wie U2 oder Coldplay produziert hat, ist dann schon fast nichts mehr groß Erwähnensswertes. Und Geld war sowieso nie sein Antrieb, er wollte immer der erste sein und als erster die Fahne in unbetretene Gefilde stecken. Das hat er in seinen 70 Jahren mehrmals getan.

Wir dürfen uns also den 70-jährigen Brian Eno als glückliches Kind mit einem großen Malkasten vorstellen. Ein hochbegabtes, intellektuelles und enorm kreatives Kind. Es gibt wenige Musiker, die die Popgeschichte auf so unterschiedliche und vielfältige Weise vorangebracht haben wie Brian Eno. Seine Plattenfirma Universal Records bringt zu seinem 70. Geburtstag eine 6-fach CD und 9-fach Vinylbox heraus. Darin enthalten sind viele Texte, Essays, Bilder und teilweise auch unveröffentlichte Musik – Music for Installations heißt das Werk.


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