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Das Ausnahmetalent Black Cracker Risse im Männerbild

Auf Tour mit Peaches, eine Jazz-Kombo mit Blixa Bargeld, Poetry-Slam-Champion: Black Cracker ist ein Ausnahmetalent, das überall zuhause ist und trotzdem nirgendwo reinpasst. Wir haben ihn in seiner Berliner Wohnung getroffen.

Von: Alexandra Martini

Stand: 10.03.2017

Selbstportrait Black Cracker | Bild: Black Cracker

"87 Prozent der Hip-Hop-Käufer sind keine People of Colour. Die Leute wollen damit perverse negative Phantasien ausleben und schieben das dann auf die Musik. Ich sehe mich nicht als Hip-Hop-Künstler, ich benutze Hip Hop wie ein Werkzeug, um Menschen zu zeigen, dass sie steuern können, was sie konsumieren und dass es Alternativen gibt. Es gibt einen Grund, warum negative Musik aus der Schwarzen Community so beliebt ist: Jahrhundertelange weiße Übermacht und Rassismus."

- Black Cracker

Black Cracker ist kein Hip Hopper, kein Spoken Word Poet, kein Producer, ist kein Kaiserslauterner, kein New Yorker, kein Berliner, kein Lausannois, kein Schwarzer, kein Mann, der als Frau geboren wurde. Sondern Black Cracker ist all das - und noch mehr... Wer ihn beschreiben will, stößt schnell an die Grenzen unserer Sprache, die doch immer abgrenzt, einordnet, definieren will. Und Black Cracker weigert sich, zu repräsentieren: "Ich will Klischees vermeiden und gleichzeitig Menschen sichtbar machen, die anders leben, andere Erfahrungen machen, zum Beispiel mit ihrem Geschlecht, ihrem Alter, der sozialen Klasse oder mit ihrer Behinderung. Aber wenn es um meine eigene Trans-Erfahrung geht, kämpft oft das politische gegen das Private in mir. Einige finden das super interessant. Für mich ist es einfach 'Aufwachen und sich gut fühlen'."

Rollen über Rollen

Wenn er einem in seiner Berliner Wohnung gegenübersitzt, die Worte formt, wertvoll, wie einen Text, haut einen seine ruhige Kraft fast vom Stuhl. Ja klar, wir wissen es irgendwie: Wir sind viele, jeder Mensch setzt sich aus mehreren Zugehörigkeiten und individuellen Erfahrungen zusammen, jeder Mensch erfüllt verschiedene Rollen. Aber für Black Cracker ist all das die Quelle seiner Kunst und zugleich die Message. Er ist ein Grenzgänger - musikalisch und biografisch - und so bricht er auch die Grenzen der Sprache auf, entreißt sie ihrem kategorisierendem Element und spielt mit ihr. Intimität - ein Wort, dass im Gespräch immer wieder fällt - kennt man erstmal eher aus Frauenzeitschriften. Aber Black Cracker benutzt Intimität als avantgardistische Spezialwaffe gegen Hass und Ungerechtigkeit: statt Klischees und Vorurteilen Intimität schaffen, ohne Schonung - und ehrlich.

Black Cracker wird nach einem abgebrochenen Kunststudium als New Yorker Spoken-Word-Poet groß, ist zweifacher amerikanischer Poetry-Slam-Champion. Aber die Poesie wird zu eng, Black Cracker geht in die Musik, produziert CocoRosie und Bunny Rabbit, singt und textet für das Experimental Jazzprojekt Grand Pianoramax in Lausanne.

Alles ist möglich

Der Liebe wegen zieht er nach Berlin. Und Berlin hält ihn: Neben Arbeiten mit Kiku, Blixa Bargeld und Peaches setzt er mit der Musik-und Performancegruppe Boiband tradierten Männerbildern etwas entgegen -  ihre Shows sind unvorhersehbar, ihr einziger veröffentlichter Song eine Lagerfeuer-Session mit Black Cracker an der Musikdrehdose. Nach seinen Solo-Alben „Tears of a Clown“ und „Poster Boy“ heißt es jetzt also „Come as U R“ . Auf dem Cover: Black Cracker zweiköpfig und dreibrüstig- einladend, ungeschützt und herausfordernd. Er ist selbstsicherer geworden, sagt er. Dass er viele Veränderungen durchgemacht hat, feiert er auf „Come as U R“: "Transformationen passieren ja nicht nur mit dem Körper oder räumlich, jeder macht ständig Verwandlungen durch. Wer durch so eine Verwandlung viel Stress und schlechte Energie loswird, der kann das einfach nur feiern. Und das wollte ich mit diesem Album tun. Gute Energie geben, auf das Leben anstoßen. Darauf, dass ich noch hier bin, dass ihr noch hier seid. Und, dass alles möglich ist, nicht für jeden, nicht auf jede Art, aber: Alles ist möglich."


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