Bayern 2 - Zündfunk

"The Asymptotical World EP" Yves Tumor ist ein queerer Avantgardist und Rätsel von Künstler

Hinter der mysteriösen Figur Yves Tumor steckt ein afro-amerikanischer Künstler, der im Umfeld des queeren Rappers Mykki Blanco begann. Angeblich heißt Yves Tumor Sean Bowie, lebte in Leipzig und soll nun in Turin wohnen - aber sicher ist bei ihm nur eines: seine großartige Avantgarde.

Von: Ralf Summer

Stand: 19.07.2021 16:40 Uhr

Das Licht auf dem Planeten leuchtet knallrot und blendend blau: ein Mann in einem schwarzen Sado/Maso-Ledereinteiler läuft durch Gestrüpp-Landschaft. Mit den Frisurfetzen und den wenigen Haarbüscheln sieht er aus wie Keith Flint, der singende Tanz-Derwisch mit den Teufelshörnern – der verstorbene Frontmann von The Prodigy. In der Mitte des grellen Yves Tumor-Video-Clips zu “Jackie” findet er ein Schwert im Sand, um sofort mit einer Musikerin Kräfte zu messen: sie drückt und presst ihre Gitarre gegen sein Schwert. Es blitzt und kracht und donnert. Doch statt eines Siegers lädt der Kampf von Gitarre und Schwert die Atmosphäre der Luft magisch auf – es geht zu wie in einem kitschigen Action-Science-Fiction-Film, in dem Nicolas Cage die Welt retten muss. Und das Gute und das Böse zu einer neuen Kraft verschmelzen, die alles beherrscht.

"Kann nicht schlafen, nichts essen, denkst du an mich?" singt Yves Tumor

Textlich scheint der Song "Jackie" ein Stück über Herzschmerz zu sein. Wenn man die Kommentare auf Youtube zu "Jackie" liest, merkt man, wie der Clip und der Sound von Yves Tumor seine Fans inspiriert: "Als ob Jimi Hendrix Queer-Rap machen würde" oder "wird Gothic nun gay?" fragt ein Anderer. "Wer das Video ankuckt, braucht kein Acid mehr", schreibt jemand und ein paar Spalten drunter wird gespottet: "Billie Eilish: 'Oh, sehe ich nicht weird aus, so mit meinen halb geschlossenen Augen?`" Antwort Yves Tumor: "Halt den Mund und meine Teufelshörner!"

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Yves Tumor - Jackie (Official Video) | Bild: YvesTumorVEVO (via YouTube)

Yves Tumor - Jackie (Official Video)

"Jackie" erinnert im Kern leicht an eine Depeche Mode-Komposition. Der Song sollte allein schon durch den Video-Clip bekannt werden. Aber Song zwei, "Crushed Velvet", wird wohl mehr im Radio laufen, weil es nicht ganz so überbordend daherkommt. Doch der Zündfunk-Tipp kommt erst an Nummer 3: das Stück, das übersetzt heißt:

"Verschwiegenheit ist den Beiden unheimlich wichtig"

„Secrecy Is Incredibly Important To The Both Of Them” ist das schnellste, das dynamischte Stück und ruft Erinnerungen an Bloc Party wach. Hier wirkt Yves Tumor, als würden Kele Okereke & Co an die Zeit anknüpfen, als sie noch einen Indie-Electro-Hit nach dem anderen rauspusteten. Aber so wie Bloc Party irgendwann in den Nullern die Orientierung verloren, schickt Yves Tumor auf seiner EP sofort einen Track hinterher, der den Pop-Fan verwirren soll.

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Yves Tumor - Secrecy Is Incredibly Important To The Both of Them (Official Audio) | Bild: Yves Tumor (via YouTube)

Yves Tumor - Secrecy Is Incredibly Important To The Both of Them (Official Audio)

"Treue ist ein lästiges Kind"

"Tuck" wird vom schottischen Experimental-Duo "Naked" gesungen, das ebenfalls für extreme und noisige Sounds steht. Der dreckig-verzerrte Industrial-Touch zieht sich auch durch "Loyalty is A Nuisance Child".

Als Yves Tumor 2018 beim La Ritournelle Festival in den Kammerspielen auftreten sollte, hatten sich die Fans auf experimentelle Club-Musik gefreut. Doch er tauchte einfach nicht auf. Die damals zuständige Künstler-Betreuerin des Theaters war sogar extra zum Flughafen München rausgefahren, um ihn abzuholen. Yves Tumor hatte nicht mal Bescheid gegeben, dass er abgesagt.

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Yves Tumor - Tuck [feat. NAKED] (Official Audio) | Bild: Yves Tumor (via YouTube)

Yves Tumor - Tuck [feat. NAKED] (Official Audio)

Glamadrama!

Nach 18 Minuten, nach Song 6, nach "Katrina" ist es vorbei mit der EP "The Asymptotical World". Der neue, Song-orientierte Sound sollte den Exzentriker Yves Tumor endlich ins verdiente Rampenlicht bringen. Was ihm anfangs durch seine düsteren Ambient-Klänge verwehrt blieb. Nach Blood Orange, Le1f, Shamir und Serpentwithfeet wird er wohl der nächste queere Afro-Amerikaner werden, den bald viele weiße Indie-Fans entdecken werden. Vorausgesetzt: man bringt ein gewisses Faible für Glam und Drama mit.