Bayern 2 - Zündfunk


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"Saint Cloud" Waxahatchee verschafft uns die innere Ruhe, die wir gerade brauchen

Seit 2011 macht Katie Crutchfield Musik unter dem Namen Waxahatchee, benannt nach einem kleinen Flüsschen in der Nähe von Birmingham, Alabama, wo sie aufgewachsen ist. Ihr neues Album heißt „Saint Cloud“ - und gibt uns genau das, was uns in diesen Zeiten fehlt.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 23.03.2020

Waxahatchee Album Cover | Bild: Merge Records/Waxahatchee

„Out in the Storm“ hieß das letzte Waxahatchee-Album aus dem Jahr 2017. Der Lo-Fi Folk der Anfangsjahre hatte sich hier zu mitreißenden, ja, stürmischen Indie-Rock gesteigert. Der Höhepunkt in Katie Crutchfields Karriere mit ihrer Band Waxahatchee, dachte man damals. Aber da hatte man ja noch keine Ahnung, wie gut die Ruhe nach dem Sturm klingen würde.

Neuanfang für Waxahatchee

„Saint Cloud“ heißt das neue Album von Waxahatchee. Es ist das Resultat eines radikalen Neuanfangs; Katie Crutchfield scheint endlich zur Ruhe gekommen sein. Seit bald zwei Jahren ist Katie jetzt trocken. Der Alkohol war zur Sucht geworden, ein ständiger Begleiter für viele Musiker*innen wie sie. Die ganze Zeit auf Tour, jeden Abend eine andere Stadt, jeden Abend der Druck, eine gute Show zu liefern, dafür zu sorgen, dass die Leute Spaß haben. Backstage steht der Alkohol immer bereit. Die Scham am nächsten Morgen - auch. Katie Crutchfield wollte nicht als eine dieser traurigen Musikergeschichten enden, Musiker*Innen, die sich kaputt gemacht haben. Sie hat angefangen, achtsam mit sich selbst zu sein.

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Waxahatchee - Fire (Official Video) | Bild: Merge Records on Youtube (via YouTube)

Waxahatchee - Fire (Official Video)

Der Song „Fire“ ist eine Art Liebeslied an sich selbst, ein „Hey, du schaffst das!“ Die Idee kam ihr auf einer Fahrt durch die Südstaaten, von ihrer Heimatstadt Birmingham, Alabama nach Kansas City, wo sie mittlerweile mit ihrem Freund lebt, dem Musiker Kevin Morby. Auf dem neuen Album kehrt Katie zurück zu ihren „southern roots“. Country, sagt sie, steckt tief in ihrer DNA.

Den Song „Hell“ beschreibt Waxahatchee als ihren Dolly Parton-Moment auf der Platte. Wo man ein bisschen Psycho ist, einfach, weil man vor Emotionen nur so platzt! Das Trocken-Werden war nicht nur emotional eine Achterbahnfahrt. Im ungewohnt nüchternen Zustand ist es ihr auch unglaublich schwergefallen, Texte zu schreiben, das hat sie dem amerikanischen Rolling Stone verraten. Zu hören ist von dieser Qual: Nichts! Crutchfield schafft auf der neuen Waxahatchee-Platte mit wenigen Worten eine wunderschön leichte, poetische Sprache.

Zurückhaltende Musik für turbulente Zeiten

Ein paar Songwriting- und Storytelling-Techniken hat sich Crutchfield bei Americana-Legende Lucinda Williams abgeschaut. Die Ortswechsel und die Zeitsprünge im Song „Ruby Falls“ etwa, wo sie die Geschichte eines Freundes erzählt, der an einer Überdosis gestorben ist. Die Musik auf dem Album ist dabei vollkommen unspektakulär. Die klassischen Americana- und Country-Zutaten. Hier und da ein bisschen Slide Guitar. Zwischendrin rollt und rumpelt es leicht Dylan-esk. Aber die Stärke liegt gerade in der zurückhaltenden Instrumentierung, die Katies Stimme ganz viel Raum lässt.

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Waxahatchee - Can't Do Much (Official Video) | Bild: Merge Records on Youtube (via YouTube)

Waxahatchee - Can't Do Much (Official Video)

Das neue Waxahatchee-Album kommt genau zur richtigen Zeit. Allein der Albumtitel hat schon eine beruhigende Wirkung: „Saint Cloud“. Die heilige Wolke. In meiner Vorstellung wird diese Wolke gerade zum Sehnsuchtsort weit weg von unserer Welt, in der nichts mehr ist, wie es mal war, seit das Virus unter uns lebt. In der Realität ist Saint Cloud zwar nur ein kleines Städtchen in Florida, wo Katie Crutchfields Vater lebt. Aber das ist egal. Beim Anhören überkommt einen sofort eine innere Ruhe. Das, was viele von uns grade am nötigsten brauchen. Wir werden das überstehen. Wir werden überleben, genauso wie große Singer/Songwriter Kunst auch immer überleben wird.


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