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Album der Woche: Ancester Boy "Ancestor Boy": Lafawndah reißt uns mit globalisiertem Future-Pop aus der Komfortzone

Experimentell, Betörend, Feminin. Lafawndahs Debutalbum ist geprägt von ihrem weiblichen Blick auf die Welt. "Ancester Boy" bietet sowohl verführerisch-introvertierten Hymnen als auch zornige Ausbrüche des Empowerments

Von: Florian Fricke

Stand: 25.03.2019

Eigentlich hasst es Lafawndah, als künstlerische Globetrotterin wahrgenommen zu werden, als wandelndes Backpacker-Klischee, aber es ist nun mal so: Bei Lafawndah zerfließen alle Grenzen, die biographischen und die künstlerischen. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie im Iran, und über die Stationen Paris, Mexiko City und New York ist sie mittlerweile in London gelandet. "Ancestor Boy" ist ihr Debutalbum nach zwei EPs – und ihr globalisierter Pop klingt nach einem weierem Zukunftsversprechen. Nicht umsonst hat Lafawndah auch schon mit Kelela kooperiert, die mit ihrem Future-R’n’B einen ähnlichen Ansatz verfolgt. Bei Lafawndah steht auch R’n’B im Vordergrund, aber alles klingt noch etwas experimenteller.

Polyrhythmische Trommeln und musikalischer Science Fiction

Der Titel-Track "Ancestor Boy" dreht sich um ein Volk in Papua-Neuguinea, das erst letztes Jahrhundert entdeckt worden ist, und das von sich selbst dachte, sie seien die einzigen Menschen auf diesem Planeten. Ein wichtiges Element im Song wie auf dem ganzen Album sind die gerne auch polyrhythmisch verwendeten Trommeln, die immer wieder auftauchen und eine Klammer bilden zwischen frühesten Menschheitsriten und musikalischem Science Fiction. Denn für Lafawndah ist Kunst nur dann relevant, wenn sie neue Wege beschreitet.

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LAFAWNDAH - DADDY | Bild: LAFAWNDAH MUSIC (via YouTube)

LAFAWNDAH - DADDY

"Ancestor Boy" ist geprägt von Lafawndahs weiblichem Blick auf die Welt. Bestes Beispiel dafür ist die erste Singleauskopplung "Joseph", ein meditatives Wiegenlied, für dessen feministisches Video Lafawndah auch die Regie geführt hat. Hier sehen wir, wie sich vor allem Frauen in einer Art orientalischem Geburtshaus gegenseitig unterstützten und Halt geben, abseits jeder Geburtsvorbereitungskursästhetik unserer westlichen Welt. Entstanden ist der Song kurz bevor Trump in den USA Präsident wurde, eine Freundin war gerade Mutter geworden. In dieser emotionalen Mischung aus Angst und Mutterliebe entstand der Song.

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LAFAWNDAH - JOSEPH | Bild: LAFAWNDAH MUSIC (via YouTube)

LAFAWNDAH - JOSEPH

Ihre ersten musikalischen Gehversuche hat Lafawndah beim experimentellen Warp-Label gemachtt, und diesen Einfluss hört man. Neben den betörenden feminin-introvertierten Stücken gibt es immer wieder zornige Ausbrüche des Empowerments, die keiner geraden Songstruktur folgen. Man mag das alles für zu konstruiert halten, aber es gibt nun mal keine Wohlfühlgarantie im Pop, und das kann so faszinierend wie fordernd sein. Und wer hier die Zukunft hört, liegt wahrscheinlich goldrichtig.


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