Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: "Die besten Jahre" Eine ungooglebare Band liefert das bisher beste deutsche Album des Jahres

Zwei Freunde gründen im Ruhrgebiet eine Band, die Düsseldorf Düsterboys. Daraus entsteht ein Trio, das sich den ungooglebaren Namen "International Music" gibt. Auf Staatsakt bringen sie jetzt das bisher beste deutsche Doppelalbum des Jahres raus.

Von: Thomas Mehringer, Max Sippenauer

Stand: 30.04.2018

Mit "Teneriffa" von den Düsseldorf Düsterboys fängt alles an. Der Song kommt von den Düsterboys Pedro Goncalves Crescenti und Peter Rubel, beide wohnhaft im Ruhrgebiet. So stellen sie sich auch bei Staatsakt-Labelchef Maurice Summen vor - mit dem Zusatz: Aber eigentlich haben wir noch eine richtige Band. Sie hat den ungooglebaren Namen "International Music".

Der Drummer saß vorher noch nie am Schlagzeug – das hört man aber nicht

Zum Duo Pedro und Peter kommt noch der Maler Joel Roters, ihn setzen die beiden bei International Music an die Drums, weil sie in ihrer Wahlheimat Essen keinen anderen Drummer kennen. Und weil man sich eh vom Karlheinz, ihrer Stammkneipe in Essen, und vom Fußball kennt. Dass Joel vorher noch nie am Schlagzeug gesessen ist, hört man ihrem Debüt nicht an. Alles klingt auf dem Doppelalbum erstaunlich versiert, obwohl nur einer "was mit Musik" macht, nämlich Peter, er studiert Komposition, Pedro studiert Germanistik und Joel war auf der Kunsthochschule.

Alle drei haben sie den gleichen, etwas komischen Geschmack, was deutsche Texte angeht. "Wir finden die Text-Ästhetik von Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen auch total geil", sagen sie. Was ihnen daran gefällt, ist, dass einfache Themen sehr konkret beschrieben werden. Auf ihrem eigenen Album sind ähnliche Stellen, wenn es etwa heißt: "Dieser Ort ist eine Kneipe."

Wenn International Music nicht gerade banale Dinge in ihren Texten beschreiben, lieben sie es, so kryptisch wie möglich zu bleiben."Für Alles" sei dafür das perfekte Beispiel: "Da schmeißen wir uns gegenseitig Zeilen an den Kopf und bauen die dann so zusammen, wie wir die fühlen. Wir haben ein sehr ähnliches Verständnis oder Gespür dafür, wann ein Text gut ist und wann nicht."

Wortspiele mögen International Music gern. Immer wieder komme es vor, erzählen sie, dass einer aus Versehen einen Satz sagt, der sich interessant anhört, und sie dann überlegen, wie sich die nächste Zeile anhören könnte. Was man da alles rein interpretieren kann?

"Das Ausformulieren, das Konkretisieren ist zum Glück auf Kritikerseite und nicht auf der Schaffens-Seite."

International Music

Es zieht sich durch fast alle 17 Tracks: So unkonkret wie möglich bleiben! Das hat oft dadaistische Züge, vieles erschließt sich nicht sofort, aber genau das macht den Reiz aus bei International Music. Am ehesten zu vergleichen sind die Texte noch mit denen von Andreas Spechtl von Ja, Panik – auch wegen dem deutsch-englisch Gemisch. Mit Tocotronic, Blumfeld oder Olli Schulz hat das hier nichts zu tun. Wir finden keine einprägsamen Slogans, nichts Hyper-Intellektuelles und kein straightes Storytelling. Dafür wird es musikalisch nie langweilig: Man denkt an FSK, La Düsseldorf, Krautrock, an Velvet Underground, John Cale – und an Freddy Quinn.

Ab und an gibt es Post-Punk à la Die Nerven

Die Band selbst denkt – frei nach ihrem Namen – eher an einen internationalen Country-Star nämlich Johnny Cash: "Diese Country-Harmonik ist sowieso geil. Spacemen 3, die diese Country-Harmonik verfremden und geil einfache Sachen spielen. Unsere Referenzen sind: Velvet Underground, Spacemen 3, Trio und… The Beatles."

Ab und an spielen International Music auf ihrem Doppel-Debüt den Post-Punk, den wir auch von den Nerven aus Stuttgart kennen. Die haben fast zeitgleich ein neues Album rausgebracht, ihr vorläufiges Opus Magnum. Obwohl International Music ihr Debüt "Die besten Jahre" nennen, ist eines klar: Ihr Opus Magnum ist das noch nicht. Wir hören einfach nur in die besten Jahre dreier Freunde aus Essen rein, die, wenn sie weiter so unbeschwert und unbekümmert bleiben, noch viel vor sich haben. Ihre erste Haltestelle auf dem Weg zur International Music Career ist: das "Album der Woche" im Zündfunk.


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