Bayern 2 - Zündfunk


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"Gomorrha"-Autor Roberto Saviano im Interview "Italien hat nicht die Hoffnung gewählt, sondern die Wut"

Italien hat gewählt. Rechte Populisten legen kräftig zu, die Linke verliert: Die Regierungsbildung wird noch schwieriger als in Deutschland. Der Autor Roberto Saviano ist bekannt geworden mit seinem Buch über die Camorra - seitdem steht er unter Polizeischutz. Gerade ist sein neuestes Buch "Der Clan der Kinder" über jugendliche Mafia-Gangs in Neapel erschienen. Er zeichnet ein düsteres Bild seines Landes.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 06.04.2018

Zündfunk: Der Ausgang der Wahl in Italien war doch etwas überraschend. Warum hat Italien so gewählt?

Roberto Saviano: Sie haben nicht Hoffnung gewählt, oder die Hoffnung auf Veränderung, weil sie keine Wahlprogramme gewählt haben, sondern die Wut und den Verdruss – das war's.

Als Protest?  

Etwas weniger als ein Protest, ein Protest hofft auf eine Veränderung der Verhältnisse. Ich denke, sie haben noch nicht einmal die Kandidaten gewählt, die waren völlig egal. Diese Wahl war ganz ähnlich wie die von Trump, die Fehler von Trump, die Widersprüche, die Lügen, die Ignoranz, die erklärte Komplizenschaft von Trump mit der Mafia. Das Niedermachen von allen anderen. Die Heuchler, die angeblichen Demokraten, die Reichen, was soll ich sagen, Trump ist ja sogar reicher als alle anderen, aber streng genommen kein Heuchler. Er sagt, dass er nur im eigenen Interesse handelt. Und genau so sieht es im Süden aus mit der Partei Cinque Stelle, die natürlich ganz anders als Trump ist, aber die Idee war: Eure Fehler interessieren uns nicht, uns interessiert nicht der Sinn eurer ernsthaften Programme, auch eure Widersprüche sind uns egal. An einem Tag seid ihr Pro Impfung, am nächsten Contra, einmal Pro Euro, dann Contra Euro. Das interessiert nicht, es ist nur wichtig zu zerstören, was ab jetzt als legitimierte Regierung installiert wurde.

Aber Italien leidet doch darunter, eine Regierung zu haben, die eben nicht regierungsfähig ist. Warum wählen sie dann so destruktiv?

Roberto: Ich glaube, Italien hat mittlerweile völlig die Hoffnung verloren, dass in diesem Land irgendetwas funktionieren könnte. Nicht nur auf die Politik bezogen, auch auf das Gesundheitssystem, das Rechtssystem, Prozesse dauern 10 bis 15 Jahre! Versuch mal einem Deutschen zu erklären, sein Prozess dauere 15 Jahre (lacht). Ich denke nicht, dass es völlig undenkbar hier ist, aber erst mal würde man denken, man spricht mit einem Verrückten, einem Gestörten. Es ist in meinem Leben schon oft vorgekommen, dass ich auf Menschen getroffen bin, die absolut ohne jede Hoffnung waren. Niemand im Süden hofft beispielsweise noch auf eine Arbeitsstelle. Als diese Menschen jünger waren, gab es vielleicht noch Arbeit im Norden, aber jetzt gibt's es nichts mehr. Diese Verzweiflung hat früher schon - und heute noch immer - Italien daran gehindert, Politik als etwas Gemeinschaftliches zu sehen. Dass man mit einer gemeinschaftlichen Idee etwas bewegen kann. Stattdessen versuchen wir uns heute alleine zu retten.

Ist das denn nicht das grundlegende Problem, dass Italien keine bürgerliche Mitte hat und somit ohne jeden Gemeinsinn wählt?

Das nennt sich "familismo ammorale", das ist so etwas wie unmoralischer Familiensinn. Ein interessanter Begriff, weil er etwas darüber aussagt, - auch geschichtlich und die Kirche betreffend - was Italiener über den Staat denken. Nämlich: Dass man dem Staat nicht trauen kann! Der Staat zieht dich über den Tisch. Und das ist ehrlich gesagt genau das, was bei uns passiert. Sie rauben dich aus mit überhöhten Steuern. Mir ist es oft passiert dass ich auf meinen langen Reisen Deutsche, Schweden oder Franzosen getroffen habe. Sie erzählten, dass sie - ich will jetzt nicht sagen übermäßig gerne - Steuern gezahlt haben, aber sie sahen, dass ihre Steuern etwas bewirkten in ihren Städten. Dass ein neues Schwimmbad gebaut wurde, ein neuer Park oder ein Theater. Das gibt es bei uns nicht.

Herr Saviano, danke für das Gespräch.


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