Bayern 2 - Zündfunk


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Interview mit Kübra Gümüşay Deshalb ist das Wort "Abschiebepatenschaft" blanker Zynismus

Purer Zynismus ist die Verheiratung der Wörter "Patenschaft" und "Abschiebung": Mit den "Abschiedepatenschaften" erfindet die EU einen gut klingenden Begriff für eine "menschenverachtende Politik" - und das hat Gründe, erklärt Kübra Gümüşay.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 29.09.2020

Kübra Gümüsay | Bild: Kübra Gümüsay

Ursula von der Leyen hat vergangene Woche den neuen EU-Migrationspakt vorgestellt – darin zentral: Mitgliedsstaaten, die keine Geflüchteten bei sich leben lassen wollen, werden weiterhin auch nicht dazu verpflichtet. Stattdessen sollen die Migrant*innen, die kein Recht auf Asyl haben, schneller erfasst und abgeschoben werden. Das Wort, das sich die Politik für diesen Vorgang ausgedacht hat: Abschiebepatenschaften. Die eigentlich positive Bedeutung des Wortes "Patenschaft" wird hier ins Gegenteil verkehrt, findet Kübra Gümüşay. Die Wortneuschöpfung in der Verbindung mit dem Wort Abschiebung, sei blanker Zynismus.

Wir haben mit der Autorin über die Macht der Sprache und sogenanntes Framing gesprochen.

Zündfunk: Abschiebepatenschaften … Was ist das Problem an diesem Wort?

Kübra Gümüşay: Das Wort suggeriert Verantwortungsbewusstsein, wo eigentlich eine Ablehnung von Verantwortung zu sehen ist. Das Wort postuliert moralische Reinheit, wo sich eigentlich moralische Verkümmerung verbirgt. Dieses Wort ist eigentlich ein sehr zynisches Wort und ein Armutszeugnis für eine menschenverachtende Politik. 

Denn hier werden Länder, die "die Verantwortung dafür übernehmen, Menschen abzuschieben", mit dem Wort "Patenschaft" belohnt, so als würden sie tatsächliche Verantwortung für diese Menschen als Mitmenschen übernehmen. Stattdessen übernehmen sie hier Macht über diese Menschen, indem sie sie abschieben – und zum Teil auch in den sicheren Tod schicken.

Das, was die Politik hier macht, also diese Wörter so einzusetzen, nennt sich Framing. Kannst du uns den Begriff nochmal kurz erklären?

Framing bedeutet, dass man Wörter verwendet, um ein bestimmtes Bild aufzumachen. Ein klassisches Beispiel aus den Debatten der letzten Jahre ist das Wort Flüchtlingswelle: Was für ein Bild ruft dieses Bild hervor? Das Wort ruft das Bild einer Naturkatastrophe hervor, die über uns hereinbricht. All diese Menschen, die hier Schutz suchen, die hier auf ein besseres Leben hoffen, werden damit zu einer uniformen Masse erklärt, die über uns hereinbricht.

Wenn man mit Menschen diskutiert, die solche Wörter verwenden, dann befindet man sich in einem Bild, in dem man gegen eine Naturkatastrophe nicht argumentieren kann mit „Diese Menschen suchen doch nur Schutz“, weil sie primär als Bedrohung empfunden werden. In dem Moment, wo solche Bilder verwendet werden, lässt sich nicht mehr sachlich diskutieren.

Bleiben wir bei dem Begriff „Flüchtlingswelle“. Was könnte man stattdessen sagen?

Ich denke, dass das Wort „Geflüchtete“ eigentlich ein guter Überbegriff ist. Leider aber differenzieren wir nicht unter diesen Menschen. Eines der Grundprobleme unserer Gesellschaft ist, dass wir mit einem Absolutheitsanspruch durch die Welt laufen. Also mit dem Irrglauben, wir hätten eine ganze Menschengruppe abschließend verstanden, weil wir sie kategorisiert haben unter „Geflüchtete“ oder unter „den Ostdeutschen“ oder „die Frau“, oder unter „den Muslimen“. Und damit sorgen wir dafür, dass die Kategorisierungen uns daran hindern, die einzelnen Menschen dahinter zu sehen. Wir sprechen ihnen das Recht darauf ab, Individuen zu sein, komplexe Menschen mit einer eigenen Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Also Dinge, die für uns selbst ja selbstverständlich sind. Denn die Frage wäre ja: Wäre es ihnen möglich, ihre gesamte Komplexität, ihren gesamten Facettenreichtum, ihre gesamte Ambiguität zu reduzieren auf ein Wort? Und da würden die meisten Menschen sagen: nein.

Ist das eigentlich den Wortschöpfer*innen bewusst – oder passieren verbale Fehltritte aus Versehen? Manchmal entsteht der Eindruck, als stünde eine Marketingabteilung dahinter…

Ich denke, dass ihnen bewusst ist, dass sie diese entwürdigende, entmenschlichende Politik so verpacken müssen, dass sie formal gut dastehen. Ich glaube aber auch, man weiß es letztlich nicht, wie bewusst sich Menschen im Strudel der Politik sind, welche moralisch verwerflichen Dinge sie dabei tun. Und deshalb ist es sehr wichtig, mit Scheinwerfern darauf zuschauen und zu entlarven, was sich tatsächlich dahinter verbirgt. Wir als Zivilgesellschaft können nur appellieren, dass sie sich dessen bewusstwerden, was sie tun.

Die Vorherrschaft der Augen, durch die wir die Welt sehen.

In der Politik müssen wir ein besonderes Augenmerk darauflegen, weil die Folgen tödlich und fatal sein können – und weil der Streit dort sich lohnt. Denn in unseren politischen Diskursen geht es häufig gar nicht so sehr darum, Sachverhalte objektiv zu diskutieren, sondern es geht oftmals auch darum, durch wessen Augen wir auf die Gesellschaft schauen. Es geht sozusagen um eine Vorherrschaft darüber, wessen Augen die sind, durch die wir die gesamte Welt betrachten.

Weitere kluge Analysen über Sprache von Kübra Gümüşay könnt Ihr in ihrem Buch „Sprache und Sein“ nachlesen – es ist Anfang des Jahres 2020 erschienen.


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