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Deutsche Eiche Die Mutter aller Schwulentreffs - und was ihre Kinder denken

Früher eine Revolution – heute längst Institution: Die „Deutsche Eiche“ in München. Der weltbekannte Schwulentreff mit Designhotel, Bar und Herrensauna gilt bis heute als hedonistisches Refugium. Die junge LGBTQ Generation aber hat sich längst davon emanzipiert. Ein Ortsbesuch.

Von: Charlotte Witt

Stand: 27.03.2019

Dietmar Holzapfel (l.) und Josef Sattler, Geschäftsführer des Hotels und Gastronomiebetriebes "Deutsche Eiche" in München | Bild: Alessandra Schellnegger/Süddeutsche Zeitung Photo

Dietmar Holzapfel ist heute 62 Jahre alt. Der Besitzer der Deutschen Eiche zeigt auf die gelbe Fassade seines Hauses im Münchner Glockenbachviertel. Ziemlich bayerisch und ziemlich unspektakulär sieht diese aus, wie eine ganz normale, traditionelle Wirtschaft in München. Dabei versteckt sich hinter dieser Fassade viel mehr: Ein Designhotel, eine Männersauna und Bayerns ältester Schwulentreff. In Dietmar Holzapfels Generation war die Deutsche Eiche revolutionär – doch was denken die Jugendlichen heute?

Aieden steht auf der Dachterrasse der Deutschen Eiche. Aiedan ist 19 Jahre alt und gut vernetzt in der jungen LGBTQ-Szene und Mitglied von Diversity München, einer Jugendorganisation für Lesben, Schwulen, bisexuelle und Transgender. Seine Generation fremdelt ein wenig mit der Deutschen Eiche: „Es gibt viele Leute die sagen, oh ein Darkroom was zur Hölle soll das. Andere sagen, das Hotel ist mega alt, da will ich nicht hin, ich will einfach nur in eine Bar gehen und saufen.“

Der lange Kampf um Sichtbarkeit

Dietmar Holzapfel sagt: "Die Leute nehmen heute vieles als selbstverständlich hin, was damals noch ein Kampf war. Heute ist das ja zum Großsteil ganz egal, ob du schwul bist oder hetero oder lesbisch. Also vernünftige Leute haben eigentlich keine Probleme mehr damit." Holzapfel führt das Haus seit 26 Jahren zusammen mit seinem heutigen Ehemann Josef Sattler. Schon in den 1950er Jahren war die Eiche ein bekannter Szenetreff der Schwulen- und Künstlerszene in München. Im Wirtshaus trafen sich früher immer die Tänzer des Gärtnerplatztheaters nach ihren Proben. Zum Schutz der Gäste waren die Fenster aus buntem Glas und im gesamten Erdgeschoss eingesetzt. Denn: „Es gab ja den Paragraphen 175, nach dem Homosexualität strafbar war und da war es für viele notwendig, dass sie nicht gesehen wurden“, erklärt Holzapfel. Über 140 000 Männer wurden durch den Paragraphen 175 verurteilt. Dieser wurde im Jahr 1872 eingeführt und erst vor 25 Jahren abgeschafft.

In Holzapfels Jugend war Homosexualität eine Straftat

„Das war ganz schön schwierig damit aufzuwachsen. Ich bin in Ingolstadt groß geworden und das ist ja nicht so eine kleine Stadt, aber man kannte keine anderen Schwulen. Es wurde auch nicht drüber geredet, es wurde alles tabuisiert. Ich war im Tennisverein, im Schwimmverein, im Chor, ich war in vielen Cliquen, aber man hat sich nicht getraut mit irgendwem darüber zu reden, auch nicht mit den besten Freunden“, erinnert sich Holzapfel. Holzapfel ging sogar eine Scheinehe ein, um als Grundschullehrer nach München versetzt zu werden – zu seiner großen, damals noch heimlichen Liebe Josef Sattler.

Für den 19-Jährige Aiedan sind solche Zeiten schon lange vorbei. Und viele seiner Generation würden das auch ausblenden: „Das ist schade, dass sich die Jugendlichen von heute nicht für die Geschichte der ganzen Schwulenszene interessieren.“

"Man geht in die Eiche, ist schwul und hat Aids."

Bei unserer Tour durch die Deutsche Eiche kommen viele Erinnerungen hoch. Dietmar Holzapfel erzählt, wie die starren Regeln der Sexualität in den 1968ern aufbrachen, wie Rainer Werner Fassbinder in dieser Zeit hier wilde Exzesse feierte und wie die Deutsche Eiche in den 80ern zur Lieblingskneipe vom Freddy Mercury wurde. Und dann das dunkelste Kapitel der Schwulenszene: Die Krankheit Aids. „Man geht in die Eiche, ist schwul und hat Aids. So lautete plötzlich die Gleichung. Die Stadt wollte dann lieber ein Bürohaus draus machen“, sagt Holzapfel. Dietmar Holzapfels Vater war es, der die „Problemimmobilie“ schließlich kaufte und sie zusammen mit seinem Sohn und dessen Partner rettete.

Diese beiden hatten die zündende Idee, neuen Schwung in den Laden zu bringen: „Wir bauen eine Männersauna. Das war schon in den 90ern, da wusste man wie Safer Sex geht. Die Sauna schlug so ein, dass sie uns die Bude eingerannt haben.“ Bis heute. Denn die Männersauna ist von den Besucherzahlen her die größte der Welt und erstreckt sich über vier Etagen auf 1700 Quadratmeter. Und natürlich kann man hier nicht nur saunieren. Es ist ein Labyrinth aus dunklen Gängen und rotem Leder. Alles ist stimmungsvoll mit Lichtern beleuchtet, man hört das Plätschern von Whirlpools. Hinter jeder Ecke wartet eine neue Überraschung, ein SM-Raum, ein Darkroom, ein Pornokino, Spielwiesen. Alles für Männer und zwar ausschließlich.

Die junge LGBTQ Szene fremdelt

Der junge Aeidan findet das nicht mehr ganz so zeitgemäß: „Klar ist es toll, dass die Männer da einen Platz haben, an dem sie ganz sie selbst sein können. Aber es gibt ja auch die Transgender, die Agender, die Frauen, die auch Spaß haben wollen. Es wäre toll, wenn es auch für die anderen Teile der LGBTQ-Gruppe einen Platz wie die Deutsche Eiche gäbe.“ Die Deutsche Eiche ist für Aeidan eher wie ein Vater oder eine Mutter der Szene. Eine exklusive Institution. Man hat Respekt davor – aber die Welt dreht sich weiter.


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