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Podcast "Wild Wild Web" Wie Kim Dotcom zu einer Symbolfigur des Internets wurde - gehasst, verehrt, gejagt

Wie wurde aus Kim Schmitz aus Kiel, Kim Dotcom, der Lieblingsfeind der internationalen Film- und Musikindustrie? Dessen Sharing-Plattform Megaupload viele von uns genutzt haben – und der dafür vielleicht 80 Jahre ins Gefängnis muss. Der Podcast „Wild Wild Web“ erzählt seine Geschichte – und die des Internets gleich dazu.

Von: Franziska Eder

Stand: 15.07.2021

Grafik zu Wild Wild Web - Die Kim Dotcom Story | Bild: BR

Kim Schmitz alias Kimble alias Kim Dotcom wurde zuerst als Hacker und wegen einiger medienwirksamen Aktionen und Fluchten berühmt, bevor er 2005 Megaupload ins Leben rief, ein Sharehoster, der sich durch Werbung und Premium-Zugänge finanzierte. Auf Megaupload wurden vor allem Filme und Musik getauscht, womit er die Film- und Musikindustrie gegen sich aufbrachte. Im Januar 2012 wurde Kim Dotcom in Neuseeland verhaftet und Megaupload geschlossen: Die USA verlangen Dotcoms Auslieferung, gegen die er sich bislang jedoch erfolgreich gewehrt hat.

Der Podcast "Wild Wild Web" erzählt die turbulente Geschichte von Kim Dotcom. Franziska Eder hat mit den beien Machern, Janne Knödler und André Dér-Hörmeyer, gesprochen.

Zündfunk: War Kim Dotcom ein Hochstapler?

Kim Dotcom bei seiner Freilassung auf Kaution, 2012

Janne: Also, wir haben schon mit Leuten gesprochen, die ihn als Hochstapler bezeichnet haben. Was daher kommt, dass viele von den Tricks, die er so vorgeführt hat, diese Hacks, die er damals im Fernsehen vorgeführt hat, dass er die eigentlich nicht selber erfunden hat, genauso wenig wie er File-Sharing erfunden hat. Er hat also oft Ideen von anderen Leuten genutzt und die aber sehr, sehr gut vermarktet. Gleichzeitig: Jemand, der so erfolgreich ist, kann halt auch was. Er ist also nicht nur einen Hochstapler.

Kim Dotcom sitzt im Moment im Neuseeland. Ist er im Gefängnis. Ist er frei? Im Moment geht es ja darum, ob er an die USA ausgeliefert wird. Wie ist sein Status im Moment?

André: Genau, es gab ja diese Bilder 2012 von der Razzia seines Anwesens, die sind um die Welt gegangen. Da hatte er damals noch im angeblich größten Anwesen Neuseelands gewohnt und wurde umzingelt von Spezialeinheiten der Polizei, Helikopter und so, und wurde dann aus seinem Anwesen geführt. Und seitdem sitzt er in Neuseeland fest und wartet eigentlich darauf, ob er jetzt abgeschoben wird oder nicht. Das ist immer noch nicht ganz klar. Er wehrt sich dagegen. Wenn das passieren sollte, dann wird er in die USA ausgeliefert und muss damit rechnen, dass er über 80 Jahre ins Gefängnis muss.

Jetzt noch mal für diejenigen, die Kim Dotcom nicht so gut kennen. Wieso wird er mit solcher Härte verfolgt? Und warum hat er in den USA überhaupt so mächtige Feinde?

Kim Dotcom beim Launch des Megaupload-Nachfolgers Mega

Janne: Also, die Plattform, für die er angeklagt wird, das war Megaupload. Das war eigentlich eine Seite, ein bisschen wie Dropbox oder Google Drive, wo Leute ihre Dateien hochladen und danach wieder herunterladen konnten. Das Problem bei Megaupload war aber, dass alles öffentlich zugänglich war. Das heißt, die Leute haben nicht nur ihre Urlaubsfotos hochgeladen, sondern vor allem raubkopierte Filme, Alben, alles. Das hat natürlich der Filmindustrie oder der Musikindustrie gar nicht gefallen. Und sie haben ordentlich Druck gemacht, dass quasi dieser Diebstahl geistigen Eigentums aufhört. Und das ist der Hauptanklagepunkt gegen Kim Dotcom: Dass er massiv davon profitiert hat, dass seine Website dafür da war, Raubkopien zu verbreiten.

Jetzt ist er ein großer Fan von Kryptowährungen, auch da ist er relativ weit vorne mit dabei. Aber das führt zu weit. Wie war denn die Recherche für diesen Podcast? Wie habt ihr den konzipiert und wie seid Ihr an Eure Gesprächspartner gekommen?

Janne: Es war der Versuch, das zu rekonstruieren und zu verstehen, Zusammenhänge zu verstehen. Kim Dotcom kannten wir als Kunstfigur. Und dann haben wir angefangen, zu gucken, sind bis in die 80er-Jahre zurückgegangen. Was finden wir über ihn? Und da haben wir dann gemerkt, krass, da sind diese ganzen Internet-Entwicklungen, die da dabei waren. Und wir sind alle Kinder der Neunziger, das heißt bei viele Sachen waren wir nicht dabei oder wir erinnern uns nicht. Und da sind wir so richtig eingetaucht, in Internetforen aus den 90er-Jahren oder in diesen Dotcom-Boom. Und dann ging es natürlich in den 2000ern, 2010ern ganz viel um diese Copyright-Kriege. Dieses ganze „Raubkopierer werden mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft“.

Die bösen Abmahnanwälte, die Schülern irgendwelche Briefe ins Haus geschickt haben.

Janne: Genau, die die Schulhöfe in Angst und Schrecken versetzt haben. Jahrelang. Und dann ging es natürlich auch ins Juristische. Zu versuchen, diesen Fall zu verstehen, der irgendwie Gesetzestexte aus den USA, aus Neuseeland beinhaltet und über die Abmahnanwälte auch irgendwie deutsche Rechtsprechung. Wir haben viel mit Anwält*innen gesprochen und auch Musiklobbyist*innen, um mal zu verstehen was war damals eigentlich los in Deutschland.

Zum Abschluss, wenn ihr euch ein Funfact raussuchen dürftet, ein Fakt, den ihr über Kim Dotcom gelernt habt im Zuge dieser Recherche: Was hat Euch am meisten erstaunt, berührt, bewegt, gestresst?

André: Zum einen, die Tatsache, dass er bei den großen Entwicklungsschritten des Internets dabei war. Im Kleinen ist es für mich eigentlich dieser Moment, den er auch „Moment of Truth“ genannt hat, wo er in Neuseeland diese Konferenz organisiert hat, mit Julian Assange und Edward Snowden und mit denen quasi gemeinsame Sache gemacht hat. Das wusste ich einfach überhaupt nicht. Das schon ein Aha-Moment, dass er auch in diesem Kontext stattgefunden hat.

Janne: Für mich war das, glaube ich, so ein bisschen diese Nostalgie, wir haben uns ja auch ein bisschen lustig gemacht, über diese Zeit, über diese Copyright-Kriege und dann daran zu denken, dass da Leute, auch Schüler*innen, tausende von Euro zahlen mussten an Abmahnanwälten. Und dass Kim Dotcom einfach ein Mensch ist, der heute immer noch darauf wartet, vielleicht den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen, weil er eine Plattform gebaut habe, die wir irgendwie alle benutzt haben. Und die uns eigentlich immer ziemlich harmlos schien. Und dass da die Fallhöhe eigentlich ganz schön groß ist diesen für diesen Menschen.

Den Podcast "Wild Wild Web – Die Kim Dotcom Story" hört ihr in der ARD Audiothek und überall da, wo es Podcasts gibt. Und hier könnt ihr den Bayern 2-Podcast-Entdecker-Newsletter abonnieren!


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