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NGO-Kapitänin Pia Klemp "Die EU nimmt billigend in Kauf, dass das Mittelmeer tatsächlich die tödlichste Außengrenze der Welt ist"

Pia Klemp ist Kapitänin und hat auf den Schiffen "Juventa" und "Sea Watch 3" bereits unzähligen Geflüchteten das Leben gerettet. Derzeit kreuzen kaum noch zivile Rettungsschiffe vor der libyschen Küste - und Klemp droht die italienische Untersuchungshaft.

Von: Franziska Eder

Stand: 05.04.2019

Kapitänin Pia Klemp auf der Kommandobrücke | Bild: Paul Lovis Wagner

Wie ist die Lage für Geflüchtete an der libyschen Küste, jetzt wo kaum mehr internationale NGOs, also Nichtregierungsorganisationen, helfen?

 Pia Klemp: Es gibt kaum noch Boote der zivilen Seenotrettung die in das Einsatzgebiet gelassen werden. Auf verschiedenen Ebenen, mit unterschiedlichsten Methoden des Macht- und Amtsmissbrauchs werden die Schiffe in verschiedenen Europäischen Häfen festgesetzt. Gleichzeitig werden die libyschen Milizen durch EU-Gelder dazu angehalten, für uns die Abschottungspolitik durchzuführen und diese Menschen gar nicht mehr in die Nähe des Zufluchtsortes Europa zu lassen, damit sie dort ihr Menschenrecht auf einen Asylantrag annehmen können. Stattdessen werden sie von libyschen Milizen abgefangen und zurückgebracht in die Internierungslager in Libyen. Und wir wissen, was das für Zustände dort sind. Nicht nur durch die offiziellen Berichte, wie zum Beispiel vom Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights (OHCHR), sondern natürlich auch durch die Augenzeugenberichte der Menschen, die wir an Bord hatten. Selbst die OHCHR hat es dort als KZ-ähnliche Zustände beschrieben, wo Versklavung, Folter, Vergewaltigung und willkürliche Hinrichtung wirklich an der Tagesordnung sind.


Wo wir bei den brutalen Zuständen sind. Das waren jetzt die an Land. Auf See waren sie ähnlich. Von Ihnen gibt es ein Zitat in der Presse: „Was sage ich denn einer traumatisierten Frau, deren totes Kind in meinem Kühlschrank liegt, über die Friedensnobelpreisträgerin“ (Mit Friedensnobelpreisträgerin ist hier die EU gemeint). Was war das für ein Einsatz, der Sie zu so drastischen Worten veranlasst hat?

Das war ein Einsatz bei dem wir durch die Notrufleitstelle in Rom zu einem Boot gerufen wurden, von dem bekannt war, dass es sich mit etwa 150 Flüchtenden und Bekannten an Bord in Seenot befindet. Wir sind leider ein paar sehr wichtige Momente nach der libyschen Küstenwache angekommen. Die libysche Küstenwache hat keine Rettung veranstaltet, sondern dort viele Menschen in den Tod getrieben. Sie hat dieses Schlauchboot so angefahren, dass einer der Schläuche geplatzt ist und viele Menschen sofort ins Wasser gegangen sind und sie haben versucht die Leute auf das Deck des Libyschen Schiffes zu zwingen, um sie wieder zurückzubringen. Daraufhin ist dort natürlich Panik ausgebrochen, auf die Menschen wurde eingeschlagen. Viele sind dann freiwillig ins Wasser gesprungen, weil sie gesagt haben, dass sie lieber ertrinken, als, dass sie zurück nach Libyen gehen. Als wir dort angelangt sind, waren schon sehr viele Menschen im Wasser. Wir haben natürlich sofort unsere Beiboote rausgeschickt, um die Menschen aus dem Wasser zu ziehen. Für viele kam leider all Hilfe zu spät. Diese von der EU finanzierten Milizen haben noch nicht einmal Rettungsringe geworfen, geschweige denn ihr Beiboot zu Wasser gelassen, um Menschen das Leben zu retten. Die Bilanz dieses Tages war: 40 Menschen sind völkerrechtswidrig zurück nach Libyen verschleppt worden. 60 Menschen, denen wir gerade noch so das Leben retten konnten, hatten wir an Bord. Und etwa 40-50 Menschen haben dort an Ort und Stelle ihr Leben gelassen. Das Ganze ist in Anwesenheit von einem italienischen und einem französisch-europäischen Kriegsschiff passiert. Die haben weder bei der Rettung der Menschen geholfen, noch versucht die libyschen Milizen davon abzuhalten die Menschen zu verschleppen.

Bei uns an Bord war eben auch ein kleiner zweieinhalbjähriger Junge, den unser Ärzte-Team leider nicht mehr wiederbeleben konnte. Und da wir an unserem Schiff leider kein Leichenschauhaus, oder Kühlmöglichkeiten haben, blieb uns nichts anders übrig, als unsere Tiefkühltruhe leerzuräumen und ihn dort reinzulegen. Auch weil uns kein staatliches oder europäisches Schiff die Leute abnehmen wollte und uns kein Hafen in Europa zugestanden wurde. Wir sind dort drei Tage lang in internationalen Gewässern auf- und abgefahren. Mit diesen traumatisierten Menschen an Bord, mit diesem Jungen im Kühlschrank und mit seiner lebendigen Mutter, die auf dem Deck saß. Und daher meine ehrliche Frage: Was soll ich dieser Person über den Friedensnobelpreisträger EU erzählen. Die EU nimmt das billigend in Kauf, dass das Mittelmeer tatsächlich die tödlichste Außengrenze der Welt ist.

Gegen sie wird ermittelt wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung, so heißt das bei den italienischen Behörden. Wie ist denn da die Prognose?

Diese Ermittlungen, die gegen zehn Crewmitglieder der Juventa, darunter auch mich, geführt werden, sind auf jeden Fall eine neue Eskalationsstufe der Repression gegen das zivile Engagement im Mittelmeer. Es ist eine Sache Schiffe zu beschlagnahmen und gegen Vereine vorzugehen. Es ist eine ganz andere Sache, wenn man sich da einzelne Personen rauspickt. Wir können davon ausgehen, dass innerhalb des nächsten Jahres Anklage gegen uns erhoben wird. Dann steht uns ein jahrelanger Schauprozess vor. Das wird mindestens zwei, drei Jahre dauern und ist sehr zeit- und vor allem auch kostenaufwendig. Darum haben wir uns zu dem Kollektiv „Solidarity at Sea“ zusammengetan, um diesen rechtlichen aber vor allem auch politischen Kampf dagegen anzugehen. Mit diesem Schauprozess wird irgendetwas legitimiert werden. Entweder, dass es selbstredend, verständlich und sogar unser aller Pflicht ist, Menschen auf der Flucht oder in Seenot zu helfen. Oder ob es in Ordnung ist, dass menschenverachtende Abschottungspolitik mit allen Mitteln durchgesetzt werden kann.


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