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Wegen Homophobie und Diskriminierung Pfaffenhofen prüft Städtepartnerschaft mit LGBT-feindlichem Tarnów in Polen

Im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen wird derzeit heftig diskutiert, ob man die Partnerschaft mit dem polnischen Landkreis Tarnów auflösen soll - oder zumindest vorzeitig auf Eis legen. Der Grund dafür: In Tarnów, sowie in vielen anderen polnischen Kommunen werden gerade Beschlüsse erlassen, die gezielt LGBT-feindlich sind.

Von: Cynthia Seidel

Stand: 01.07.2020

Eine Demonstrantin in Warschau hält ein Plakat mit der Regenbogenfahne in die Kamera. | Bild: picture alliance / NurPhoto

Pfaffenhofen und Tarnów sind Partnerstädte – noch. Denn im polnischen Tarnów wird seit einiger Zeit von sogenannten “LGBT-freien Zonen” gesprochen. In Pfaffenhofen in Oberbayern hat das für Aufruhr gesorgt und die Überlegung losgetreten, ob man die bestehende Städte-Partnerschaft weiter vertreten könne. Der SPD-Kreisvorsitzender Markus Käser nimmt klar Stellung: "Wir können keine Partnerschaft mit Organisationen pflegen, in der Menschen allein auf Grund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung unter dem Vorwand kulturell-religiöser Identität erniedrigt und diskriminiert werden."

Städtepartnerschaft mit Tarnów läuft am 3. Juli aus - und dann?

Der ÖDP-Kreisvorsitzenden Richard Fischer ist jedoch gegen die Beendigung der Partnerschaft. Statt sich abkapseln, solle man lieber den Dialog suchen: „Es bringt gar nichts jetzt von außen draufzuhauen, dass sie auf äußeren Druck das ganze zurücknehmen, weil diese Politiker hängen ja nicht in der Luft, sondern sind ja gewählt worden und wenn man wirklich nachhaltig was erreichen will, dann muss man mit den Leuten reden und nicht auf politischer Ebene irgendwas erreichen. Das bringt auf Dauer gar nichts.“ Die Städtepartnerschaft mit Tarnów wird am 3. Juli auslaufen. Der Landrat Albert Gürtner will dann mit seinem polnischen Kolleg*innen, der Opposition und den Betroffenen den Dialog suchen. Im September soll dann entschieden werden, ob die Partnerschaft weiterhin bestehen bleibt.

Eine Frage, die bei der Diskussion sicherlich aufgekommen ist: Wie geht es der LGBT-Community in Tarnów? Wie fühlt es sich an, wenn sich die Gemeinde und die Gesellschaft gegen einen stellt. Darüber haben wir mit Greta gesprochen. Greta (23) ist lesbisch und lebt in Tarnów. Dort engagiert sie sich in einer LGBT-Organisation. Und das ist auch bitter nötig, sagt sie uns im Interview:

Zündfunk: Greta, wie kommst du zurecht da wo du lebst?

Greta: Ich komme aus dem Süden von Polen - es ist eine sehr konservative, sehr katholische Gesellschaft. Und ich habe mich eigentlich entschlossen, mich nicht mehr nach außen zu verstellen, offen zu leben. Aber das ist nicht einfach. Ich habe Glück, meine Familie und Freunde unterstützen mich. Aber ich weiß, es gibt auch viele Leute in der Community, gerade in meiner Stadt Tarnów und dem Rest des Landkreises, die es deutlich schwerer haben. 

Es muss unglaublich schwer sein, ständig Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Ich habe gesehen, du engagierst dich für die Organisation Rainbow Tarnów. Gab es einen bestimmten Punkt an dem du dachtest: Jetzt muss ich was tun?

Wir haben die Organisation vor ungefähr einem Jahr gegründet. Es gab auch einen konkreten Anlass. Bei einem Pride March in Bialystok sind ein paar Hundert Menschen angegriffen worden, von Hooligans, aber auch ganz normal aussehenden Leuten. Es hat uns alle furchtbar schockiert. Die Aggression, die Gewalt. Wir haben alles gesehen. Da waren diese zwei jungen Mädchen, die einfach nur Spaß haben wollten, ihren besonderen Tag zusammen verbringen. Und dann sehe ich, wie sie sich aneinander festhalten, weinen. Und um sie herum all diese Leute, die sie anschreien. Einfach schlimm. Es hat mir das Herz gebrochen. In dem Moment wusste ich, ich muss etwas tun: Für mich selbst, aber auch für all die Leute, die nicht so viel Glück oder Kraft haben wie ich. Ich wollte etwas Gutes tun für diese jungen Menschen. 

Ich glaube, viele in Deutschland haben mitbekommen, dass die politische Lage in Polen für die LGBT-Community nicht gerade gut ist. Aber wie sieht das denn konkret in Tarnów aus?

Im Moment gibt es zwei Arten von Beschlüssen, die gerade in vielen Landkreisen erlassen werden. Einmal Beschlüsse gegen sogenannte LGBT-Ideologie. Und dann Beschlüsse, die sie “Familien-Charta” nennen. Der Name führt ein bisschen in die Irre, weil viel darin dreht sich um Unterstützung für Familien und so. Aber dann auf einmal geht es weiter mit: Wir wollen Familien vor LGBT-Ideologie, Sexualisierung und Pädophilie schützen. Es ist absichtlich verwirrend. 

Es gibt ja diesen Begriff der „LGBT-Freien Zonen“, der immer wieder auftaucht. Woher kommt der denn? 

Die LGBT-freien Zonen sind keine offizielle Bezeichnung. Es gab eine Zeitung in Polen, die hat Sticker verkauft wo “LGBT-freie Zone” draufsteht. Und dann haben Leute angefangen, diese Sticker in Schaufenster zu kleben und so was. Du gehst daran vorbei, schaust in einen Laden und da steht dann: Du bist hier nicht willkommen. Wir wollen dich hier nicht. Es ist wie ein psychologischer Krieg mitten auf der Straße. Ich habe die Teile an so vielen Orten gefunden, an Bushaltestellen, unten an den Häuserblocks. Sie waren überall. 

Hast du schon resigniert oder hast du noch Hoffnung, dass etwas besser wird?

Es ist halt so: Unsere Kommunen kümmern sich nicht um uns. Wir haben einen Präsidenten der sagt, wir seien keine Menschen, sondern eine Ideologie. Der jetzt die Familien-Charta pusht, mit all diesen diskriminierenden Regeln. Wir wissen einfach nicht, was wir noch tun sollen. Mittlerweile bitten wir auch den Rest der EU, uns zu helfen. Einfach nur, weil wir hier niemand mehr haben. 

Blick in die Zukunft: In zwei Wochen - am 12. Juli – steht die entscheidende Stichwahl bei der Präsidentenwahl in Polen an. Der rechts konservative Amtsinhaber Duda muss sich gegen den Liberalen Rafal Trzaskowski behaupten. Die polnische LGBT+-Organisation Miłość Nie Wyklucza spricht von einem “entscheidenden Punkt” für Polen. Die regierende PiS Partei von Präsident Duda steht hinter den Resolutionen gegen LGBT+ Menschen. 


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