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Pete Shelley von den Buzzcocks im Interview Der Mann mit den schönsten Punk-Ohrwürmern ist tot

Er war einer der besten Songwriter in Sachen Post-Punk/Power-Pop: Pete Shelley von den Buzzcocks. Jetzt ist der Brite mit 63 Jahren gestorben. Dabei haben wir ihn noch vor zwei Wochen am Telefon gesprochen.

Von: Wolfram Hanke

Stand: 07.12.2018

Buzzcocks-Sänger Pete Shelley in den 80ern  | Bild: picture-alliance/dpa

Am 7. Dezember ist Pete Shelley, der Sänger der legendären Buzzcocks an einem Herzinfarkt gestorben. Er wurde 63 Jahre alt. Nur zwei Wochen zuvor hat unser Autor Wolfram Hanke mit ihm am Telefon gesprochen und damit vermutlich eines der letzten Interviews mit ihm geführt. Im Januar werden die ersten beiden Buzzcocks-Alben "Another Music In A Different Kitchen" und "Love Bites" zum 40. Jubiläum wiederveröffentlicht. Die Buzzcocks waren nach wie vor auf Tour, nächstes Jahr hätten sie ein Festival in Berlin spielen sollen. Pete Shelley lebte seit sieben Jahren in Estland ("I thought, well, it’s a little bit nicer than London. And quieter.")

Zündfunk: Was treibt dich an, immer noch Shows zu spielen nach 40 Jahren? 

Pete Shelley: Es macht Spaß. Also teilweise. Man muss viel warten, man ist weg von Zuhause. Aber wenn man dann die Show spielt, ist es unvergleichlich. Da kommen Freunde, von denen du nicht mal wusstest, dass du sie hattest. Und es gibt Essen und Drinks und alle haben eine gute Zeit. Nur der Teil danach ist manchmal hart. (lacht)

Was machen denn die einzelnen Buzzcocks-Mitglieder? Kannst du uns was über ihre Solo- oder Nebenprojekte erzählen?

Ich glaube, Steve, unser Bassist macht gerade über Pledgemusic ein neues Album. Er hat in den Abbey Road Studios aufgenommen, aber ich hab noch nichts davon gehört bisher. Aber ich glaube, das Album kommt bald raus. Der Drummer Danny Farrant macht mit einem Kollegen zusammen Musik für Film und Fernsehen. Und ich bin nur Zuhause gesessen und habe Brot backen gelernt. Ich mache jetzt meinen eigenen Sauerteig. Das kann ich ziemlich gut. Und wir haben zwei Apfelbäume im Garten. Cider mache ich jetzt auch selber.

Was findest du so toll am Brot backen?

Für mich ist das wie Hexenwerk. Du nimmst was, was nicht wie Brot aussieht und bastelst daraus etwas, womit du dann Sandwiches machst.

Backst du nur für dich oder verkaufst du das Brot auch?

Nein, bestimmt nicht. Dann würde ich ja denselben Fehler machen wie damals, als ich mein Hobby Musik zum Beruf gemacht habe. (lacht)

Bist du noch in Kontakt mit Bandkollegen von 1977, von The Sex Pistols, The Clash oder Jam? 

Nein, wir sind nicht in engem Kontakt. Aber wir sehen uns gelegentlich bei Festivals. Ich bin hier in Estland in quasi-Rente. Und in London bin ich nur noch drei, vier Mal im Jahr.

Was würdest du sagen: welche Bedeutung hat die Punk-Explosion vor 40 Jahren für unsere heutige Zeit?

Wir spüren die Auswirkungen davon immer noch. In gewisser Weise war das wie ein Urknall. Damit hat die aktuelle Zeitrechnung angefangen. Wenn du Musik hörst und du willst wissen, warum sie so klingt wie sie klingt – irgendwann kommst du zurück zum Punk.

Und wie wichtig ist Punk-Rock jetzt gerade?

Punk zeigt immer noch, wie es gehen kann und was für ein Spaß es machen kann. Die Musik wurde ja nicht für Plattenfirmen gemacht. Es ging darum, dass alle eine gute Zeit haben. Und Punk ist als Musik sehr zugänglich. Es geht um die Dinge, die den Menschen wichtig sind – und die haben sich nicht groß verändert seit damals.

Gibt es gerade eine neue englische Punkband, die du gut findest und verfolgst?

Nein, aber die letzte Punkband, die ich richtig gut fand, kam aus Berlin. Sie heißt Exit Group und hat ein Album namens „Adverse Habitat“ gemacht. Da sind ein paar Songs drauf, die ich wirklich gut fand.

Glaubst du, es ist heute für eine Band einfacher erfolgreich zu sein als damals in den 70ern?

Es ist heute wahrscheinlich einfacher, sein Publikum zu finden. Das Internet bringt Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen zusammen. Als wir damals angefangen haben, war es wirklich schwierig, Menschen zu finden, die unsere Musik mochten. Wir hatten nicht von Anfang an Erfolg.

Aber das Internet macht es gleichzeitig auch schwieriger: es gibt einfach so viele Bands. Jeder kann heute Musik selbst produzieren und veröffentlichen. Und damit ist es doch auch schwieriger zu sagen: hey, wir sind eine neue Band, schenkt uns eure Aufmerksamkeit!

Pete Shelley 2014 bei einem Konzert

Ja, aber damals war es eben allein deshalb schwierig, weil es nur einen Radiosender und einen DJ gab – zumindest in England. Eigentlich hat nur John Peel interessantes Zeug gespielt. Und er hatte damals jeden Abend nur 2 Stunden Sendezeit, also insgesamt 10 Stunden pro Woche. Und dann war’s auch so, dass John Peel sich damals Tapes und Platten angehört hat, die ihm die Leute geschickt haben. Ich finde, es liegt heute am Musikkonsumenten. Die müssen sich wirklich anstrengen und so viel anhören wie möglich. Dann findest du am ehesten, was dir gefällt. Es gibt heutzutage so viel Musik, es ist wie eine riesige Bücherei, in der die Bücher kreuz und quer in den Regalen stehen. Und es ist schwierig, sich auf das zu konzentrieren, was einem gefällt. Aber wenn man möchte, kann man wirklich tief graben. Früher war man so limitiert auf das Radio, was die DJs dort gespielt haben, und das waren nur Sachen, die gerade aktuell waren. Heute kannst du auf Spotify oder Youtube gehen und wie in einen Kaninchenbau verschwinden und Dinge entdecken, die du sonst nie entdeckt hättest.

Gehst du noch zu Punk-Shows?

Nein, nicht mehr viel. Ich würde ohnehin ziemlich rausstechen. Wahrscheinlich würden sich die Leute auf den Konzerten denken: wer ist dieser alte Mann und was will er hier?


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