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Protest-Künstler Pablo Hasél Dieser linke Rapper treibt tausende Spanier auf die Straße

Seit Tagen demonstrieren in spanischen Städten wie Barcelona oder Madrid jeden Tag tausende Menschen gegen den Staat. Grund dafür ist der Rapper Pablo Hasél, der wegen systemkritischen Texten im Gefängnis sitzt. Doch wer ist Pablo Hasél überhaupt und warum steckt hinter den Protesten in Spanien mehr als nur ein Kampf um die Meinungsfreiheit?

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 23.02.2021

In Spanien gehen die Menschen auf die Straßen, um gegen die Inhaftierung des Regierungskritischen Rappers Pablo Hasél zu demonstrieren - als Zeichen für die Meinungsfreiheit. | Bild: picture alliance / NurPhoto | Albert Llop

„Hey Tyrann, das hier geht nicht nur gegen deinen Vater. Republikaner schreien, wenn mein Rap ihre Trommelfelle durchbohrt.“ So in etwa kann man die ersten Zeilen von Pablo Haséls neustem Song „Ni Felipe VI“ gegen den spanischen König übersetzen. Und die sind noch harmlos gegen das, was danach kommt. Den Staat nennt er faschistisch, König Felipe Unterdrücker – und für die spanische Guardia Civil fordert Pablo Hasél die Guillotine.

Es sind heftige und militante Texte, mit denen sich Pablo Hasél ein ums andere Mal ins Visier der spanischen Behörden gerappt hat – und für die er jetzt im Gefängnis sitzt. Kurz vor seiner Festnahme fasst Hasél selbst im Interview mit dem ARD-Studio Madrid zusammen, was auf ihn zukommen könnte: „Ich bin ja zu neun Monaten Haft verurteilt worden. Dazu kommt eine höhere Geldstrafe, und wenn ich die nicht zahle, und das habe ich nicht vor, wird die in weitere Gefängnismonate umgewandelt. Dazu kommen noch Bewährungsstrafen aus anderen Urteilen, die nun fällig werden. Es könnte sein, dass ich zwanzig Jahre in Haft bleiben muss.“

Zwanzig Jahre Haft für ein paar geschmacklose Songtexte?

«Freiheit für Pablo Hasél», steht am Banner von Demonstranten, die in Madrid gegen die Festnahme des Rappers protestieren.

Deshalb gehen die Menschen in Spanien auf die Straße, kritisieren, dass die Regierung einen Rapper wie einen Terroristen behandelt. Camino Mortera forscht am Centre for European Research in Brüssel und sympathisiert mit den Protesten in ihrem Heimatland: „Der Protest bezieht sich im Grunde auf die Tatsache, dass der spanische Staat undemokratisch handelt, dass er den Menschen nicht erlaubt, ihre Meinung frei zu äußern und dass es ein großes Problem mit der Rechtsetzung im Land gibt.“

Auch Morteras Freund sei in seiner Studenten-Zeit ins Visier der spanischen Behörden gekommen, weil er in einer linken Student*innen Organisation war – und deshalb wegen Terrorismus angeklagt wurde, schreibt sie auf Twitter. Viele Spanier*innen teilen die Erfahrungen Haséls, weshalb der zuvor eher unbekannte Rapper zur Symbolfigur der Proteste geworden ist. „Ich glaube, viele Menschen glauben, dass dieser Typ eben genau das verkörpert", meint Camino Mortera, "den Widerstand gegen ein Gesetz, dass Künstlerinnen und Künstlern in Spanien verbietet, frei über Themen zu sprechen – selbst wenn es sehr schwierige Themen sind.“

Wenn sich Erfahrungen aus der Vergangenheit auf die Gegenwart auswirken

Die schwierigen Themen im Fall Pablo Hasél haben es allerdings in sich. Immer wieder glorifiziert er auch die linke Untergrund-Organisation ETA, die in Spanien bis 2011 Attentate auf konservative Politiker und die Industrie verübte. Den Bürgermeister seiner Heimatstadt Lleida nannte er in einem seiner Texte einen „Lügner, der eine Kugel verdient“. Und einer der beliebtesten Pablo Hasél Songs heißt: „Enkel von Andreas Baader.“ Das Argument des Rappers: Das sei nur Kunst, Ausdruck seines lyrischen Ichs und kein Aufruf zu Gewalt. Aber trotzdem sind es harte und geschmacklose Texte. Woher kommt diese Wut, woher die militante Rhetorik?

"Das hat allgemein damit zu tun, dass radikale politische Biografien allgegenwärtiger sind. Seien es die Großeltern, die im bewaffneten Widerstand waren, oder die Onkel und Tanten, die im Gefängnis saßen. Teilweise vermittelt sich das über die Familien weiter – und dieses ganze historische Selbstverständnis ist dadurch anders", erklärt der Politikwissenschaftler und Spanien-Experte Raul Zelik. Zum familiären Kontext mische sich bei Rappern auch oft die Wut über die mangelnde Aufarbeitung der spanischem Regierung mit ihrer faschistischen Vergangenheit. Zelik fügt hinzu: „Die franquistische Vebrecher – nicht ein einziger ist zur Rechenschaft gezogen worden. Die gleichen Militärs, Polizisten und Richter, die davor die Folter-Urteile verhängt haben und die Folter-Urteile verhängt haben, sind nach der Einführung der Demokratie im Amt geblieben.“

Pablo Hasél ist nur die Initialzündung des politischen Konflikts

Dem spanischen Rapper Pablo Hasél drohen viele Jahre Haft - wegen systemkritischen Texten.

Wenn spanische Künstler*innen wie Pablo Hasél über einen faschistischen Staat rappen, hat das eine andere Grundlage als hier in Deutschland, meint Raul Zelik. Hinzu komme auch, dass die Regierung ihre rechte Vergangenheit jahrelang sogar noch glorifizert hätte. „Viele, viele Jahrzehnte ist die Francesco Franco Stiftung staatlich finanziert gewesen. Man müsste sich mal vorstellen in Deutschland gebe es eine staatlich finanzierte Adolf Hitler-Stiftung, um an die NS-Herrschaft zu gedenken.“

Pablo Hasél bündelt diese Wut, auch wenn er dabei agitiert und geschmacklos ist. Genauso wie er die Wut über die steigende Arbeitslositkeit im Land, Polizeigewalt und den Kampf um Kataloniens Unabhängigkeit in seinen Texten bündelt. Er mag dabei über die Stränge schlagen, aber so ist er zur Initialzündung eines politischen Konflikts geworden, der sich in Spanien über Jahre angedeutet hatte. Immerhin – nach den Protesten hat die Regierung nun angekündigt, ihre Anti-Terror-Gesetzgebung zu überdenken.


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