Bayern 2 - Zündfunk


15

Open Airs in München und Nürnberg Das Recht auf Party in Zeiten von Corona

Wir sind ausgehungert und wollen tanzen! In Zeiten von Corona geht das aber nur draußen. Doch während die Leute wieder im Biergarten sitzen dürfen, gibt es kaum Open Air Partys oder Pop-Konzerte. Die kreative Szene will dagegen kämpfen. Wird es bald Raves an öffentlichen Plätzen geben?

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 10.07.2020 15:38 Uhr

BLUEKILLA Open Air Bandprobe - NACHT will LEBEN!  im 6. Stock auf einem Hochhausdach. | Bild: ganz-muenchen.de (via YouTube)

Ein Open-Air-Konzert auf einem Dach, mitten in der Münchner Innenstadt. Live Musik, tanzende Menschen, die Bierkästen stapeln sich. Nein, das ist keine Zeitreise, sondern tatsächlich passiert, vergangene Woche – in diesem Corona-Sommer 2020. Die Münchner Ska- und Reggae-Band Bluekilla hatte zu einer öffentlichen Bandprobe geladen – und um die fünfzig Menschen waren da.

Komplett einkaserniert sei die Band davor gewesen, erzählt Gitarrist Hannes. "Es war toll über den Dächern von München zu spielen, weil wir das noch nie gemacht haben. Und es war eine tolle Kulisse." Auch Sänger Amedeo funkeln noch die Augen: "Die Leute haben auch unten auf der Straße getanzt, weil der Sound so gut war, auch fünf Stockwerke weiter unten."

Gibt es bald Raves im Englischen Garten?

Die Bluekilla-Bandprobe auf dem Dach war, was Livemusik betrifft, eine ziemliche Ausnahme. Und sie war nur möglich, weil das Haus in der Nähe des Münchner Viktualienmarkts dem Schwager des Saxophonisten gehört. Die Band, erzählt mir Sänger Amedeo, kann nicht verstehen, wieso es nicht mehr solcher Konzerte geben darf. Wenn man so durch die Straßen laufe, könne man doch überall Menschen sehen, die auf die Abstandsregel pfeifen, meint Amedeo. "Das tut einem irgendwie weh, weil man so viele Menschen, die man kennt, langsam vor die Hunde gehen sieht."

Linksfraktion stellt Antrag für Recht auf Party

Bei aller gebotener Vorsicht: Die Sehnsucht nach Konzerten, nach Feiern und nach Begegnungen im Freien ist groß. Das zeigt nicht nur das Leuchten in den Augen der beiden Musiker, die zwar seit 35 Jahren gemeinsam Musik machen, aber vom Dach-Konzert erzählen, als sei es ihr erster Gig gewesen. Auch in der Politik kommen die Forderungen langsam an: doch bitte zu eruieren, wie man der schwerst gebeutelten Konzert- und Musikbranche möglichst kreativ entgegenkommen kann.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

BLUEKILLA Open Air Bandprobe - NACHT will LEBEN!  im 6. Stock auf einem Hochhausdach. | Bild: ganz-muenchen.de (via YouTube)

BLUEKILLA Open Air Bandprobe - NACHT will LEBEN! im 6. Stock auf einem Hochhausdach.

"Die Hitze steigt im Kessel München", sagt Marie Burneleit. Sie ist von der Partei "DIE PARTEI". Als Mitglied des Münchner Stadtrats in der Linksfraktion hat sie zusammen mit Thomas Lechner einen Dringlichkeits-Antrag gestellt. Es geht um ein Recht auf Party. Das Vorbild ist Zürich. Seit 2016 hätten sie dort ein Modell laufen, wo Jugendliche über die Stadt Freiflächen beantragen und dann für Party nutzen können, erzählt die Politikerin.

Oder hier im Olympiapark könnte man doch feiern.

Wenn eine Band wie Bluekilla also ein öffentliches Konzert spielen wollte, könnte Sie den Freiraum dafür bei der Stadt beantragen, so die Idee der Münchner Linksfraktion. Und Marie Burneleit zielt dabei nicht nur auf städtische Flächen ab. Man könne auch Großgrundbesitzer durchaus in die Pflicht rufen. Zum Beispiel den leerstehenden Bahnhof am Olympiapark nutzen oder die vielen ungenutzten und leerstehenden Residenzen im Stadtgebiet. Man müsse laut aussprechen, welche Flächen zur Verfügung stehen und diese nicht nur für Klassik-Open-Airs zur Verfügung stellen.

München weist Dringlichkeit zunächst ab

Und wie reagiert die Stadt? Klar: Der Frust der kreativen Szene ist mittlerweile auch bei Stadtbaurätin Elisabeth Merk angekommen. Genau wie die Idee von Marie Burneleit und Thomas Lechner. Sie findet die Idee prinzipiell gut, weist aber auch auf überfrachtete Plätze in der Innenstadt hin. "Es ist auch eine Aufgabe festzulegen, dass nicht alles am Gärtnerplatz oder an der Corneliusbrücke sein kann."

Genau das wäre die Aufgabe der Stadt – denn offenbar übersteigt das Bedürfnis, sich zu treffen, massiv das Angebot an städtischen Freiflächen. Den Gärtnerplatz alle drei Tage zu räumen ist keine besonders zielführende oder gar zukunftstweisende Politik. Den Dringlichkeitsantrag von der Linksfraktion hat die Stadt übrigens auch abgelehnt. Kein Recht auf Party. Wahrscheinlich ist die Angst vor erbosten Einwohnern in der Nähe der öffentlichen Raves dann doch zu groß. Marie Burneleit kann das nicht verstehen. "Dieses Dauerthema Lärm in der Innenstadt, das kann ich nicht nachvollziehen. Es ist halt einfach eine Stadt und eine Stadt macht Lärm."

Ähnliche Vorstöße auch in Nürnberg

Söder sieht das alles kritisch.

Aber ist der Corona-Sommer 2020 überhaupt noch zu retten? Hört man der Politik zu, sieht es düster aus. Zumindest für die Subkultur und die Clubs in Bayern. Erst kürzlich warnte Markus Söder im BR-Fernsehen wieder vor Corona Partys und schimpfte: "Wir erleben gerade, dass einige jüngere Leute es nicht so ernst nehmen." Eine Kritik, die in der freien Szene nicht gut ankommt. "Ich glaube nicht, dass wir Corona nicht ernst nehmen, das lassen wir uns nicht vorwerfen", sagt Sebastian Schnellbögel. Er ist Mitglied bei der Politbande in Nürnberg. Und seine Bilanz für die Kreativszene ist verheerend.

99 Prozent der Beschäftigten seien Mini-Jobber. "Deswegen ist es zumindest wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen, was wir machen. Es spricht ja keiner davon, dass wir große Partys machen, wo das Ansteckungsrisiko hoch ist", erzählt Schnellbögel. Die Politbande vertritt als parteiloses Kollektiv seit kurzem die Kulturszene im Nürnberger Stadtrat. Und genau wie die Linksfraktion in München hat auch die Politbande in Nürnberg einen Antrag auf Nutzung von Freiräumen durch Künstler*innen-Kollektive gestellt. Ebenfalls sollen Musikspielstätten und Kulturinitiativen die Möglichkeit bekommen, öffentliche Plätze zu benutzen.

Was diesen Sommer draußen noch geht

Wisst Ihr noch, damals, im Festivalsommer?

Die Vorstöße in München und Nürnberg zeigen: Draußen könnte was gehen in diesem Sommer – wenn die Politik schnell handelt. Abseits vom Leid der Kreativ-Szene sehen Stadtplaner*innen aber auch ganz neue Möglichkeiten: Die Corona-Krise hat uns klargemacht, wie dringend wir frei zugängliche Orte brauchen – einen public space. Es sei Zeit, die Freiräume wieder neu zu entdecken und die vielen Nischen, um sie uns anzueignen, findet auch Agnes Förster. Sie ist Architektur-Professorin und Stadtplanerin, in München leitet sie außerdem ein Büro für Stadtentwicklung. Ihr Argument: in der Corona-Krise ist es noch offenkundiger geworden: Die Sehnsucht nach Begegnung ist riesig. Und im Sommer trifft man sich am besten draußen. Die vielen Freisitze und Parklets seien ein erstes Indiz für die Zukunft unseres Stadtbilds, sagt sie.

Ja, Biertrinken ist toll - aber Tanzen halt auch!

Auch das Straßenbild habe sich total verändert. "Ich glaube, dass uns das nachhaltig prägt. Und dann wollen wir das gar nicht mehr zurückgeben", sagt sie. Diese Chancen haben auch die Städte erkannt. In München zum Beispiel werden immer mehr Freiflächen geschaffen – und Straßen für Freizeit-Zwecke vereinnahmt. Die Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk ist stolz auf das bisher Erreichte. Die Summerstreets zum Beispiel, oder die Freiräume an der südlichen Auffahrtsallee und am Zenettiplatz. "Kleine öffentliche Aufenthaltsorte zu schaffen an Stellen, wo man das nicht erwartet, das ist so ein Impuls und da setzen wir einiges um."

Was diesen Sommer also geht: Tischtennis oder Federball-Spielen auf der Straße, Feierabendbier auf Parkplätzen, Privatpartys - oder bis tief in die Nacht auf Bänken oder in Karrees sitzen, auf Plätzen, wo das früher vielleicht nicht gegangen wäre. Was auch geht: Fahrradfahren in Pop-Up-Bike-Lanes. Architektur-Professorin Agnes Förster sieht darin langfristig eine langfristige Chance für eine autofreie Innenstadt. In München sehe sie fast schon holländische Verhältnisse: "Man merkt, wie viel Platz das braucht. Und ich könnte mir schon vorstellen, dass das anhält."

Hoffnungsschimmer auch für die freie Szene?

Was bisher noch nicht ging: Feiern, Partys, Konzerte oder Subkultur auf öffentlichen Plätzen. Sebastian Schnellbögel von der Politbande in Nürnberg sieht hier die bisher größte vertane Chance. "Wenn einem Kultur wichtig ist, muss man Maßnahmen ergreifen, um sie zu retten", sagt er. Anders als in München wurde der Antrag der Politbande zur Nutzung von Freiflächen für Kultur und Konzerte heute vom Nürnberger Stadtrat angenommen. Jetzt muss noch ein Trägerverein gefunden werden.

Dann können wir vielleicht auch wieder gemeinsam Lärm machen. Lärm, den die Städte im Moment vielleicht nicht gebrauchen können, aber den sie dringend nötig hätten. Wenn keine Konzerte und keine Partys, dann keine Subkultur. Und wie soll die überleben ohne Geld? Aber genau diese Subkultur ist so wichtig in einer Stadt. Auch weil Musiker*innen und Künstler*innen immer Nischen aufstoßen werden, und das ist gerade in Krisenzeiten wichtig. Aber sie brauchen Unterstützung, dringend, schnell und unbürokratisch. Die Anträge sind ein Anfang, aber sie reichen nicht. Sonst sind Dachkonzerte wie das von Bluekilla zwar ein Ventil, den Frust der letzten Monate herauszulassen. Aber eben nicht mehr.


15