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"On All Fours" Goat Girl können auch subversiv klingen, ohne laut zu werden

Drei Frauen und eine non-binäre Gitarristin bilden das Londoner Quartett Goat Girl. Dem Post-Punk des eher zornigen Debuts 2018 folgt nun das eher nachdenkliche, angejazzte, facettenreiche Werk "On All Fours", das der Rockmusik Englands zeigt, wo es in Zukunft lang gehen sollte.

Von: Roderich Fabian

Stand: 01.02.2021

"Die Welt hat schon lange einen Sprung. Der Sprung in der Schüssel will die Menschen warnen. Aber sie hören nicht zu. Stattdessen fangen sie an zu beten." Was eine Message. Zu hören ist sie im Song "The Crack" auf dem Goat-Girls-Album "On All Fours". Dort singt das Londoner Quartett auch: "Jetzt fliehen die Menschen ins Weltall, einfach nur weg…" Eine apokalyptische Vision, eine eskapistische Vision - und nicht die einzige auf diesem wirklich wahnsinnig tollen, souveränen Album. Goat Girl haben einiges geändert, seit ihrem Debut von vor zwei Jahren. Aus dem zornigen Postpunk ist nachdenkliche, manchmal auch jazzige Rockmusik geworden. Das muss auch damit zu tun haben, dass bei Gitarrist*in LED 2018 eine Krebserkrankung im Lymphsystem diagnostiziert wurde. Das hat die Band verändert. Nach zornigen Songs über den Brexit finden sich jetzt sehr ganz persönliche Einblicke.

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Goat Girl - The Crack (Official Music Video) | Bild: Goat Girl (via YouTube)

Goat Girl - The Crack (Official Music Video)

"Ich will diese Pillen nicht mehr, die machen dich dumpf. Ich muss etwas anderes finden….“, singt Lottie Cream im Stück "Anxiety Feels". Auch dieser Song ist - wie alle hier - explizit als Gruppen-Komposition deklariert. Goat Girl verstehen sich als Kollektiv, so wie das früher Bands wie Sonic Youth oder die Raincoats gemacht haben, auf die sich die Vier von Goat Girl in Interviews beziehen. Tatsächlich sind die frühen 80er oft der Bezugspunkt der Band. Nur klingt hier alles viel eleganter als damals, selbst wenn die Talking Heads zitiert werden.

Goat Girl können auch subversiv klingen, ohne laut zu werden

In Song "Sad Cowboy" lässt der "Listening Wind" aus dem Talking-Heads-Meisterwerk "Remain in Light“ grüßen, aber das ist nur eine von unzähligen Facetten, die dieses Album aufweist. Und auch wenn Goat Girl oft lyrische Saiten anschlagen, ist klar, zu welcher Szene sie gehören, zum neuen Sound aus London, zu Bands wie Shame, Sorry, aber auch zu den Idles aus Bristol. Nur: Goat Girl können auch subversiv klingen, ohne laut zu werden.

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Goat Girl - Sad Cowboy (Official Music Video) | Bild: Goat Girl (via YouTube)

Goat Girl - Sad Cowboy (Official Music Video)

"Lass die Traurigkeit im Keller, schieb sie dorthin, wo man sie nicht sehen kann, zertrümmere unser Chaos…", klingt es in "Badibaba". Nein, Goat Girl haben nicht die Lösung für sämtliche Probleme, aber sie haben klare Positionen. Das Album heißt "On All Fours", was wortwörtlich mit "Auf allen Vieren" zu übersetzen ist. Der Titel spielt auf die Rolle der Frau an, die das Patriarchat für sie vorgesehen hat. Aber auch auf den Film "Secretary" mit Maggie Gyllenhaal, indem humorvoll eine Sado-Maso-Beziehung beschrieben wird. Die Liebe geht eben manchmal seltsame Wege. In vielen Songs gilt: Gefühle sind ambivalent, im Zweifel für den Zweifel. Jedenfalls klingen Goat Girl musikalisch immer bombensicher. Und so nebenbei zeigen sie den Weg aus einem Dilemma. Denn mag Rockmusik an sich ein Ding der Vergangenheit sein, so klingen Goat Girl trotz ihres konventionellen Instrumentariums doch immer wie ein Ding aus der Zukunft.


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