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Altes Spital in Viechtach Wie viel Underground kann sich die Provinz leisten?

Das Altes Spital und der Alte Bahnhof von Olli Zilk sind überregional bekannt: Das sind Kultur und Underground im tiefsten bayerischen Wald. Aber Liebe und guter Wille allein reichen nicht zum Überleben. Ein Ortsbesuch.

Von: Benedikt Scherm

Stand: 17.12.2019

Olli Zilk | Bild: Olli Zilk

Neulich platzte Olli Zilk der Kragen. Der Veranstalter vom Alten Spital und Alten Bahnhof rantet auf Facebook: „Ja, ich bringe ausschließlich Musik, die es sonst kaum gibt. Ja, es ist meine Schuld, dass ich nicht samstags Ü30 oder die zigste Cover-Band mit Riesen-Fanclub einlade. Ich versuche eben in erster Linie Kultur zu machen und nicht ein in erster Linie wirtschaftlich sinnvolles Unternehmen zu führen.“

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Olli

Wo viel Licht ist, ist leider auch oft Schatten... und das "Jubiläum" mit 500 Konzerten möchte oder muss ich für mich...Gepostet von Olli Zilk am Montag, 9. Dezember 2019

Das Statement geht viral. Fans, Veranstalter und Künstler stellen sich in hunderten Kommentaren hinter Olli Zilk und unterstützen sein Engagement für Kultur im ländlichen Raum. Denn mitten im bayerischen Wald schafft Zilk seit drei Jahren ein Kulturangebot, das seinesgleichen sucht: Bis zu fünf Konzerte die Woche, Musik Acts aus 51 Ländern und alles auf Spendenbasis. Dass da nicht viel Kohle da ist, überrascht niemanden, alleine gelassen fühlt sich Zilk aber trotzdem: „Man liest es oft von Konzerthäusern, tollstes Beispiel die Elbphilharmonie, die mit Millionen vollgestopft wird, damit das Ganze existieren kann. Im Endeffekt ist das Kultur – und das was wir machen, ist auch Kultur. Es ist ja so, wir bräuchten nicht Viel. Sagen wir, ich habe 170 Konzerte im Jahr. Wenn jedes Konzert ein wenig gesponsert werden würde, dann wäre das eine ganz andere Geschichte.“

Was kostet Underground?

Eine Förderung hat er schon bekommen, den Musikpreis „Applaus“ im vergangenen Jahr. Der war allerdings zweckgebunden. Zilk hat sich davon Lärmschutzfenster angeschafft. Aber den laufenden Betrieb darf er damit nicht unterstützen. Doch genau da bräuchte er das Geld eben. Aber Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage, dafür geht er zu sehr auf in seinem Beruf, ja in seiner Berufung. Das Programm in Viechtach liest sich wie aus einem Szeneclub in der Großstadt: „Wir haben jetzt am Donnerstag eben 70er-Jahre Heavy-Psych-Rock, am Freitag eine Soul-Jazz-Hip-Hop-Band, am Samstag spielt eine Rocksteady-Raggae-Ska-Band und am Sonntag hab ich einen Singer-Songwriter, der Folk macht.“

Die Bands und Künstler*innen kosten natürlich Geld, brauchen Essen und einen Übernachtungsplatz. Damit dieses Kulturangebot im 8.000-Einwohner Ort Viechtach funktionieren kann, schlafen die Bands bei Zilk zuhause. 1500 Musiker haben bei ihm schon übernachtet, für 20 000 Euro hat er sie bekocht. Auch die Freundin und die Mutter müssen mit anpacken, wobei vor allem die Mutter genauso leidenschaftlich engagiert ist. „Die kriegt man fast nicht mehr hier raus“, sagt Zilk.

Die Familie packt mit an

Ein Nebeneffekt: Beide stehen nicht auf der Payroll. Denn Zilk verdient nur über die Getränke, der Eintritt ist frei. Der Zugang zu seinem speziellen Kulturangebot ist damit niedrigschwellig. Dass das nicht jeder gleich wertschätzt, trifft ihn ins Herz und bildet den Kern seiner Kritik: „Das funktioniert in weit über 90% der Fälle fantastisch, das Publikum ist prima. Wenn mal jemand früher gehen muss, kommen die zu mir und fragen ‚Du, wo ist denn der Korb, ich muss schon heim‘. Aber trotzdem gibt es auch jeden Abend Leute, die sich raussneaken und schauen, dass sie für sich günstig aus dem Abend rauskommen. Diese Menschen sind es dann halt auch, die einem jedem Abend ein bisschen die Luft rauslassen, weil man sich fragt‚ warum ist dir das jetzt nix wert?‘“

Zilk trifft das umso härter, weil er den beiden Locations in Bad Kötzting und Viechtach seit drei Jahren sein ganzes Leben widmet. In mühevoller Kleinarbeit baut Oli Zilk einen alten Bahnhof sowie ein denkmalgeschütztes Spital zu Veranstaltungsorten um, und richtet sie liebevoll im Vintage-Style ein. Zwischen Nierentisch, Plattensammlung und kitschigen Ikonenbildern finden bis zu fünf Konzerte die Woche statt. Nur zur Erinnerung: Wir sind nicht in Würzburg, Nürnberg oder Regensburg – sondern tief hinten im Bayerischen Wald.


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