Bayern 2 - Zündfunk

Soziologe Oliver Nachtwey "Querdenker haben kein Bedürfnis nach einer Führerfigur"

Welche Philosophie steckt hinter dem angeküdigten "Protestwinter" der Querdenker-Szene? Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger suchen Antworten. Für ihr Buch "Gekränkte Freiheit" haben die beiden Soziologen die letzten Jahre in der Szene geforscht – und den Begriff des "libertärer Autoritarismus" definiert.

Author: Alexandra Martini

Published at: 19-10-2022

Querdenker Demo im Oktober 2022 | Bild: picture-alliance/dpa

ZÜNDFUNK: Sie haben mehrere Jahre in der Querdenker-Szene geforscht, haben mit allen möglichen Menschen gesprochen, und versucht, sich auf ihre Argumente einzulassen. Was für Gespräche haben sich da entwickelt? Wie war die Begegnung?

Oliver Nachtwey: Das waren in der Regel sehr freundliche Begegnungen, zumindest zu Anfang. Und das ist auch das, was mich überrascht hat. Wir haben Leute getroffen, die aufgeklärt schienen, rational argumentiert haben, aber im Laufe des Gesprächs Temperatur aufgenommen haben und sich tatsächlich in ihrer Artikulation immer stärker radikalisiert haben, immer mehr Emotionen hineingebracht haben und auch immer mehr Verschwörungstheorien hineingebracht haben. Und am Ende waren es häufig Gespräche, wo man das Gefühl hatte, man müsste jetzt mal einen Schnaps trinken, weil da viele Sachen aufgekommen sind, die man nicht so gerne gehört hat.

Aus welchen Schichten, welchen Milieus kamen denn diese Menschen, Sie haben eben gesagt, "aufgeklärt". Können Sie das näher umschreiben?

"Gekränkte Freiheit - Aspekte des Autoritären Liberalismus"

Ja. Wir haben im Grunde mit fast keinen Industriearbeitern oder Personen aus der Unterklasse gesprochen, sondern vielfach mit Leuten, die einen Hochschulabschluss hatten oder zumindest Abitur gemacht haben. Menschen, die auch in guten Berufen gearbeitet haben, als Angestellter, als Freiberufler oder Techniker. Das war auch für mich dann wieder überraschend, dass wir sehr viele Personen hatten, die Berufe hatten, wo es wirklich um die Lektüre und die analytische Herangehensweise an Wissenschaft ging und vielfach auch promoviert hatten. Und diese Leute haben dann in einer selbst-detektivischen Arbeit, in einer Art auto-Wissenschaft versucht, zu belegen, dass Studien zur Corona Pandemie nicht stimmen können.

Und dieses Misstrauen gegenüber Staat, Politik und Medien, das nennen Sie in ihrem Buch den "libertären Autoritarismus". Sie sagen, die Querdenker-Szene will nicht – wie die traditionelle Rechte – einen starken Staat, sondern einen schwachen Staat. Welche Autorität schwebt der Szene denn vor?

Das ist das Interessante. Sie sehnen sich gar nicht nach einer anderen Autorität, sondern sie selbst sind die Autorität. Und niemand darf sich da einmischen. Kein Staat, keine Gesellschaft, nicht ihr Umfeld. Das heißt, sie haben nicht wie ein klassischer Rechter oder ein Autoritärer das Bedürfnis nach einer Führerfigur, der man sich unterwirft, sondern sie sind autoritär in dem Sinne, dass sie das Soziale, das Solidarische grundsätzlich abwerten und von sich weisen. Und durch die aggressive Ablehnung von den sozialen Bedingungen und der sozialen Abhängigkeit von Freiheit – dadurch wird es autoritär.

Sie beschreiben, dass die Corona-Pandemie für viele der erste wirkliche Kontakt mit dem "starken Staat" war. Ist das eine Begründung für dieses Erstarken der Querdenker-Szene?

Es gab ja vorher schon Menschen, die sehr viel Kontakt mit dem Staat hatten – und der nicht besonders angenehm war. Bei den Sanktionen von Hartz IV, oder neuerdings „Bürgergeld“, zum Beispiel, da musste man die Beamten in seine Wohnung lassen. Wenn man sich nicht pünktlich zurückgemeldet hat, wurde einem das Geld gekürzt. Also da ist der Staat für viele Leute durchaus präsent.

Aber für die meisten Menschen aus der Mittelschicht ist der Staat eher eine Ordnungsmacht. Da sieht man mal einen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle. Man muss die Kinder bei der Schule an und abmelden. Dann gibt's das Ordnungsamt, was Knöllchen verteilt und Steuern werden eingezogen. Das sind ärgerliche Dinge. Aber man hat im Grunde keine Begegnung mit dem Staat, dass er wirklich in das Alltagsleben eingreift. Und plötzlich sind diese Menschen, die immer sehr, sehr gut mit einem Staat gefahren sind, den sie eigentlich gar nicht so stark wahrgenommen haben, nur halt einmal im Jahr bei der Steuererklärung, ohnmächtig. Plötzlich greift der Staat von oben ins Leben ein. Von Menschen, für die die Eigenverantwortung, die eigene Souveränität ganz zentral ist. Und in diesem Moment stellt sich ein großes Ohnmachtsgefühl ein. Der Staat wird jetzt paternalistisch wahrgenommen. Das war das i-Tüpfelchen, was zu dem Aufbegehren geführt hat.

Gibt es denn einen Ausweg aus dieser gesellschaftlichen Dynamik? Wie könnte denn zum Beispiel diese ganze Energie, die in dieser Szene ist, tatsächlich in den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit gebündelt werden?

Oliver Nachtwey auf der Republica 2019

Diese Szene ist sehr stark wahrnehmbar und kocht auch immer wieder auf. Und nun ist es so: Die in der Zukunft zu erwartenden Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels werden für diese Menschen eine starke Einschränkungen ihrer individuellen Freiheit sein. Zumindest werden sie das so wahrnehmen. Wir müssen also aufklären, wie Gesellschaftsabhängig wir alle miteinander sind. Das ist keine Idee einer Gesellschaft, in der alle gleich sind, aber in der alle Menschen sich zumindest darüber bewusst sein müssen, dass unsere Leistungen, unsere Erfolge, unsere Koexistenz in Koproduktion mit anderen stattfinden. Dass wir sehr stark von anderen Menschen und der Gesellschaft abhängig sind. Wir müssen also die Abhängigkeit-Vergessenheit bekämpfen – damit Menschen sich ihrer sozialen Bindungen wieder gewahr werden.