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Album der Woche: Cocoa Sugar Nur die Young Fathers machen Sound, der gleichzeitig verstörend und anziehend ist

Kann Musik im Post-Brexit-Zeitalter überhaupt etwas bewegen? Mit dieser Frage haben sich die Young Fathers aus Edinburgh an ihr drittes Album gesetzt. "Cocoa Sugar" passt nicht in klassische Genres – aber auf die Tanzfläche.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 12.03.2018

Letzten Herbst meldeten sich die Young Fathers im Netz zurück. Mit einer simplen Botschaft:

"Hier, ein neuer Song. Er heißt 'Lord' und man kann nicht dazu tanzen."

Graham Hastings

Graham Hastings, ein Drittel des Trios, gibt zu, dass das auch als Provokation gedacht war: "Wir sagen den Leuten, ihr könnt zu diesem Song nicht tanzen und sie sagen: kann ich wohl!" Die Musik der Young Fathers hat sich immer schon eher für schrägen Ausdruckstanz angeboten. Das gilt auch für die Songs vom neuen, dritten Album "Cocoa Sugar". Der Sound der drei Schotten entzieht sich klaren Zuschreibungen. Sie selbst nennen es Pop, weil Pop als Genre für sie quasi bedeutungslos ist – aber im Radio gespielt wird. Und da wollen die Young Fathers hin. Also: Pop, im weitesten Sinne, kann Spuren von Hip-Hop enthalten. Und Afrobeat. Und Soul. Und Trip-Hop. Und Funk.

Seit sie 14 sind, machen die Young Fathers zusammen Musik. Alloysious Massaquoi und Kayus Bankole sind Söhne afrikanischer Einwanderer, und Graham "G" Hastings ein weißes Arbeiterkind aus dem Norden Edinburghs. Als sie damals bei Hip-Hop-Abenden aufgetreten sind, können die wenigsten mit ihnen etwas anfangen. 2014 dann gewinnen sie mit ihrem Debütalbum "Dead" auf Anhieb den renommierten Mercury Prize. Für ein Album, das niemand gehört hat, wie Kritiker unken. Die Young Fathers bleiben unbeeindruckt und sperrig.

Es klingt oft düster – bis irgendwann die erlösende Pop-Hook kommt

Albumcover "Cocoa Sugar"

Charakteristisch für den Sound, auch auf dem neuen Album: Viele Songs sind auf rhythmisch treibende Beats gebettet, irgendwas brodelt immer düster und bedrohlich vor sich hin. Bis im selben oder im nächsten Song dann doch wieder eine überraschende und fast erlösende Pop-Hook kommt. Das ist das Anziehende an der Musik, dass sie oft schwer greifbar ist. Extrem tanzbar, aber gleichzeitig leicht verstörend. Das könnte man "weirdness" nennen, Alloysious Massaquoi sieht das etwas anders, er nennt es lieber "uniqueness". Einzigartig also, aber trotzdem irgendwie auch "normaler".

Dass es normaler klingt, war eine Herausforderung: "Für uns bedeutete es, mehr auf den Punkt zu kommen. So wie wir bisher Musik gemacht haben und was wir persönlich mögen, wäre das nicht von alleine gekommen", so Alloysious Massaquoi, "also haben wir dran gearbeitet, geradliniger zu klingen: weniger Sounds, dafür mehr Raum." Ob das jetzt in unseren Ohren geradliniger klingt als auf den vorigen Alben? Schwer zu sagen. Es klingt auf jeden Fall nach Young Fathers in Bestform. Und es sind gefühlt ein paar mehr Hits drauf als auf den Vorgängern. Wobei Hits im Young-Fathers-Kontext auch relativ ist.

Die Young Fathers begreifen sich als politische Band, der Brexit hat sie erschüttert

Was auffällt: Auch wenn die Songs der Young Fathers schon immer kryptisch waren, politische Bezüge sind auf dem neuen Album "Cocoa Sugar" auf den ersten Blick nicht zu finden. Was in direktem Kontrast steht zum letzten Album, bei dem allein schon der Titel eine Ansage war: "White Men Are Black Men Too." Die Young Fathers begreifen sich als politische Band. Letztes Jahr haben sie ihren Auftritt beim Berlin Popkultur Festival abgesagt und sind damit dem Boykott-Aufruf der BDS-Kampagne gefolgt, die gegen die Palästinenser-Politik der israelischen Regierung protestiert - die das Festival mit ein paar Hundert Euro Reisekosten unterstützt hatte. Die Absage hat vor allem viele Fans in Deutschland vor den Kopf gestoßen.

Die Band selbst hatte im Entstehungsprozess des Albums aber andere Probleme. Zum Beispiel den Brexit: "Wir konnten gar nicht mehr glauben, was da alles passiert. Und wir waren sehr enttäuscht. Im Grunde waren wir in einem Stadium der totalen Desillusionierung angelangt, auch was du mit Musik überhaupt bewegen kannst", sagt Graham Hastings, "aber diese Ohnmacht hat dem Album zu dem verholfen, was es jetzt ist. Wenn alles sinnlos erscheint, ist es auch ein Statement, trotzdem weiterzumachen."


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