Bayern 2 - Zündfunk


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Nach dem NSU-Urteil Wie Initiativen und AktivistInnen für die weitere Aufklärung im NSU-Komplex kämpfen

Etwa neun Monate nach der Urteilssprechung im NSU-Prozess ist das Thema noch lange nicht vorbei. Insbesondere Angehörige und Betroffene fordern weiter Aufklärung. Unterstützung bekommen sie dabei von mehreren Initiativen und AktivistInnen.

Von: Lena Himmler

Stand: 30.04.2019

Demonstranten in München nach dem NSU-Urteil, Banner "Kein Schlussstrich" | Bild: picture-alliance/dpa

Nr. 1: Robert Andreasch – Als Szenejournalist gegen das Vergessen

"Man muss da vielleicht auch mal den Opfern und Angehörigen gerecht werden. Da wurde Aufklärung versprochen, die an keinem einzigen Punkt eingelöst wurde. Man muss klipp und klar sagen, der größte Teil der Täter des NSU-Netzwerks ist entweder nicht ermittelt und schon gar nie angeklagt und zur Rechenschaft gezogen worden. Das ist untragbar, unerträglich."

Robert Andreasch

Journalist Robert Andreasch auf einer Pressekonferenz

Andreasch recherchiert seit zwei Jahrzehnten zur Neonazi-Szene in Bayern, dokumentiert rechte Demos und Aufmärsche für die Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München, kurz a.i.d.a. Archiv. Während des NSU-Prozess dokumentierte er jahrelang die Verhandlungen im Gerichtssaal. Dieses Jahr wurde ihm für seine Arbeit der Publizistikpreis der Landeshauptstadt München verliehen.

"Aus dem NSU lernen heißt ja gewissermaßen auch: Rechtsterror ernstnehmen, wenn er sich bildet. Wir hören von rechtsterroristischen Netzwerken in Polizei und Bundeswehr. Wir hören von einer Vielzahl sich herausbildenden militanten Gruppen, wir sehen die Waffenfunde, ständig. Wir haben die Verfahren gegen Blood & Honour und Combat 18 – also es gibt nachweißlich rechtsterroristische Netzwerke und die gesellschaftliche Reaktion ist eigentlich relativ verhalten."

Robert Andreasch

Nr. 2: Initiative "Kein Schlussstrich" – Das Parlament und die Straße sensibilisieren

Patrycja Kowalska, Sprecherin der Kampagne "Kein Schlusstrich" im Interview

Patrycja Kowalska, Sprecherin der Kampagne "Kein Schlusstrich", sieht die Politik in der Pflicht. Denn in Mecklenburg-Vorpommern läuft aktuell noch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zum NSU-Komplex. In Brandenburg, Sachsen und Thüringen werden gerade drei weitere abgeschlossen. Die Kampagne "Kein Schlussstrich" des Münchner Bündnisses gegen Naziterror und Rassismus fordert deshalb auch für Bayern einen weiteren, einen zweiten Untersuchungsausschuss. Immerhin verübte der NSU in Bayern fünf der insgesamt zehn Morde. Und noch immer seien zu viele Fragen offen.

"Wir fordern alle Fragen des NSU-Komplexes zu Bayern auch spezifisch aufzuarbeiten. Wir haben am 6. April eine Veranstaltung zum Thema der NSU in Bayern gemacht. Dort haben investigative Journalisten aufgezeigt, dass es Verbindungen in z.B. die Nürnberger Hool-Szene gibt oder in die Allgäuer Nazi-Szene, die noch überhaupt nicht aufgeklärt wurden. Das muss aufgeklärt werden, die Rolle der bayerischen staatlichen Behörden. Wie kann es sein, dass bis heute keine ertragreichen Ermittlungen geführt werden, obwohl Journalistinnen und Journalisten immer mehr zu Tage bringen auch an Hinweisen auf mögliche Täter und Täterinnen."

Patrycja Kowalska

Nr. 3: Initative NSU Watch – Archiv, Öffentlichkeit

"Wir versuchen mit unserer Arbeit immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass der NSU nicht vorbei ist in Anführungszeichen, das Problem rechten Terrorismus in diesem Land nicht vorbei ist, und dass man im Grunde genommen auch fast wöchentlich auf dem Silbertablett Hinweise in diese Richtung serviert bekommt."

Freidrich Burschel

Friedrich Burschel, Referent der Rosa-Luxemburg-Stiftung auf einer Pressekonferenz

In Berlin kümmert sich Friedrich Burschel mit der Plattform NSU Watch darum, dass der NSU nicht vergessen wird. Zusammen mit Robert Andreasch und einer ganzen Hand voll anderer Mitstreiter*innen arbeitet NSU Watch daran alle Gerichtsprotokolle auf Deutsch, Englisch und Türkisch zu veröffentlichen. Es soll das erste und einzige komplette Protokoll des Prozesses werden. Für Burschel bleibt der NSU Alltag – bedrohlicher Alltag.

"Wir finden über das Thema immer wieder auch in tagespolitische, tagesaktuelle Geschehnisse hinein und versuchen diesen Zusammenhang herzustellen. Natürlich ist es nicht immer möglich einen Zusammenhang zur NSU als NSU herzustellen, aber zu rechtem Terrorismus als solchen und als Problem durchaus."

Friedrich Burschel


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