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Buch: "Normal People" Millennials stehen oft in der Kritik – die Autorin Sally Rooney aber geht zärtlich mit ihnen um

Shootingstar Sally Rooney hat mit ihrem zweiten Buch „Normal People“ die englischsprachigen Feuilletons umgehauen. Sie sei die Stimme ihrer Generation. Was ist dran an diesem Hype? Wir haben das Buch gelesen.

Von: Laura Selz

Stand: 30.01.2019

Sally Rooney auf einem Sessel sitzend | Bild: picture-alliance/dpa

Der Roman „Normal People“ ist derzeit das Angesagteste, was die britischen Inseln zu bieten haben. Es ist der zweite Roman der erst 27-jährigen Irin Sally Rooney, und die Literaturkritiker von Dublin bis nach London drehen komplett durch.

"I don’t know what’s wrong with me, says Marianne. I don’t know why I can’t be like normal people."

Normal People, Sally Rooney

In dem Buch steckt tatsächlich alles drin. Coming of Age, Sehnsucht, die ganze postmoderne Scheiße, die gebrochenen Versprechen des Kapitalismus und auch die Klassenunterschiede in der Gesellschaft, die nur scheinbar aufgelöst sind, in den Komplexen der Menschen aber weiterleben. Connells Mutter arbeitet zum Beispiel als Putzfrau bei Mariannes reichen Eltern. Und während er das College-Stipendium unbedingt braucht, ist es für sie nur ein intellektuelles Accessoire. Eine ungleiche, zärtliche und brutale Liebesgeschichte ist das. Die beiden lieben sich bedingungslos und erlauben auch nur einander, sich zu verletzen. Was sie auch tun werden.

Erzählung als Handlung

Aber reicht das als Handlung, um ein Bestseller zu werden? Wohl kaum. Das Buch ist sehr ruhig und hat keinen wirklichen „Plot“. Marianne und Connell sind verwirrt. Sie sind verwirrt auf der Highschool. Und verwirrt auf dem College. Und beide wurschteln sich da durch. Aber was dieses Buch großartig macht, ist die Erzählung. Die Erzählstimme folgt ausschließlich der Figur, die gerade spricht oder denkt. Sie springt zwischen den subjektiven Perspektiven hin und her, ohne sie groß einzuleiten oder als solche zu markieren. So ist man als Leser sehr nah dran, um nicht zu sagen, drin. Die sogenannte Wirklichkeit ist immer nur Wahrnehmung, aber immer wahrhaftig. So zum Beispiel das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit:

"His grandmother sighs, like his commentary on the weather is painful to her. It probably is, because everything he does is painful to her, because she hates him for being alive."

Normal People, Sally Rooney

Sinnsuche der Millennials

Absolventen des Trinity Colleges in Dublin

Das Buch ist eine Zustandsbeschreibung der Millennial-Generation in der westlichen Welt. Konkret spielt es in Irland und wird vom dortigen Publikum entsprechend abgefeiert. Die Autorin selbst war Studentin am Trinity College in Dublin, so wie ihre Romanfiguren. Auch sie kommt aus der Kleinstadt und man mag sich das Studentenleben in Dublin genau so vorstellen, wie Rooney es beschreibt. Aber das Buch könnte auch hier spielen. Denn die Dialoge, Gefühle und Beobachtungen kommen einem sehr bekannt vor. Wir lernen, dass die Jugend jenseits des Ärmelkanals genauso lost ist, wie hier auch.

"She reads long articles about Syria and then researches the ideological backgrounds of the journalists who have written them."

"Politics students who turn up to her parties with bottles of Moët and anecdotes about their summers in India."

"Yeah. I’m not sure about the job prospects, though. – Oh, who cares? The economy’s fucked anyway."

Rooney beschreibt die Social-Media und Anything-Goes-Generation schonungslos, allerdings ohne sie lächerlich zu machen. Das Buch ist keine Satire oder Kritik an dieser Generation, das Buch zeigt vielmehr, wie sehr diese jungen Menschen versuchen, etwas Echtes zu finden. Die Figuren Marianne und Connell beziehen ihr Selbstbild von außen, und versuchen es stets mit der eigenen Wahrnehmung abzugleichen.

"If she was different with Connell, the difference was not happening inside herself, in her personhood, but in between them, in the dynamic."

Normal People, Sally Rooney

Die Figuren fühlen sich verloren und hinterfragen ständig die eigene Identität. Sie suchen nach Bedeutung, nur um dann im nächsten Perspektivwechsel festzustellen, dass Nichts niemals eine eigenständige Bedeutung hatte. Die wechselnden, stets subjektiven Perspektiven in der Erzählung transportieren genau dieses Gefühl, und das macht dieses Buch ziemlich geil.


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