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Berlinale 2018 Zieht euch endlich bequem an – #nobodysdoll kämpft gegen High Heels auf dem roten Teppich

Kurz vor der Berlinale hat die Schauspielerin Anna Brüggemann ihre Aktion "Nobody's Doll" gestartet: sie will die Gleichberechtigung auf den roten Teppich bringen, denn dort wird von Frauen immer noch erwartet, High Heels zu tragen. Sie will nicht mehr akzeptieren, dass der weibliche Körper erst als schön gilt, wenn man ihn kasteit.

Von: Florian Schairer

Stand: 30.01.2018

Die Schauspielerin Winona Ryder auf dem Roten Teppich in Venedig | Bild: picture-alliance/dpa

Der rote Teppich. Der Ort, wo Prominente ihre glamourösen Auftritte haben. Vor allem prominente Frauen. Da werden Kleider bewundert, über hohe Beinschlitze wird gestaunt und tiefe Dekolletés ganz genau unter die Lupe genommen. Die Schauspielerin Anna Brüggemann kennt sich aus auf dem roten Teppich. Sie sagt, so wie sie da rumläuft, fühle sie sich nicht wohl. Aber wenn sie so rumlaufen würde, wie sie sich schön UND wohl fühlt, ist sie sich nicht sicher, ob sie mithalten kann - denn anscheinend gelte die Definition: was schön ist, muss unbequem sein. "Diese Kleiderordnung steht für ein veraltetes Frauenbild: dass eine Frau schöne lange Beine haben muss, dass der Po schön schwingen und dekorativ sein muss."

Wie viele Schauspielerinnen auch denkt Anna Brüggemann lange, man müsse diesem Regelwerk gehorchen. Aber jetzt reicht's ihr. Sie sieht nicht mehr ein, warum sie sich für eine Party anziehen muss wie ein Bonbon, das ausgepackt werden will.

Hat nichts mit künstlerischer Arbeit zu tun

Schauspielerin Anna Brüggemann hat die Aktion "Nobody's Doll" gestartet

Dass es den roten Teppich braucht, um ein Fest zu feiern, stellt sie dabei gar nicht in Frage. "Aber dass man da etwas machen soll, was so wenig mit der künstlerischen Arbeit zu tun hat, die man leistet. Und danach redet man ja noch den ganzen Abend mit Regisseuren und Redakteuren und dann steht man da die ganze Zeit in einem Kleidchen mit diesen hohen Schuhen. Bei der Berlinale ist es ja besonders bescheuert, weil es kalt ist! Man ist die ganze Zeit damit beschäftigt, zu denken: meine Füße tun weh, hoffentlich rutscht mein Kleid nicht... Das ist so weit weg von dem, was wir als Schauspielerinnen eigentlich machen - nämlich uns mit der Psyche von einem Menschen auseinandersetzen - dass ich mir denke: Man kann doch an so einem Abend auch schön sein und leuchten, ohne dass es unbequem ist."

Anna Brüggemann will das jetzt ändern. Schnell. Denn schon im Februar lauert auf der Berlinale der nächste rote Teppich als Falle. Die Schauspielerin als Objekt, das den Film möglichst sexy vermarkten muss. Deshalb hat sie den Hashtag #nobodysdoll gestartet: "Wir sind nicht eure Püppchen". Und sie hat von vielen Frauen und Männern aus dem Filmbusiness Unterstützung bekommen. In ihrem Manifest heißt es:

"Wir Schauspielerinnen empfinden uns zwar als moderne, feministisch gesonnene Frauen, sobald es aber auf den roten Teppich geht, scheinen wir das vergessen zu müssen. (...) Wir überlassen noch immer die Definitionsmacht, was als attraktiv gilt, dem patriarchalisch geprägten Blick, der inzwischen natürlich geschlechterübergreifend vorhanden ist. Holt euch die Definitionsmacht zurück. Wir sind viele, wir sind klug, wir haben keine Angst und wir sind #nobodysdoll."

Vorbild: Frances McDormand

Anna Brüggemann hat lange überlegt, wen es da unter Schauspielerinnen als Vorbild gibt. Am Ende ist sie immer wieder bei einer Frau gelandet: Frances McDormand. "Die strahlt sowas Tolles aus, die wundert sich glaube ich selber immer über dieses rote-Teppich-Ritual, weil sie das Gefühlt hat: da werde ich auf etwas reduziert, ich bin doch viel mehr."

Die Schauspielerin Anna Brüggemann und ihr Bruder Friedrich auf der Berlinale 2016. Sie trägt Heels - bei ihm tun's auch Turnschuhe.

Gerade ist Frances McDormand als kauzige, spröde Mutter zu sehen in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri", den Golden Globe hat sie dafür schon gewonnen. Die meisten kennen sie als schwangere Polizistin in Fargo - eine Rolle, die ihr einen Oscar beschert hat. Und das ganz ohne Bonbon-Look. "Wir sind natürlich wahnsinnig abhängig davon, dass wir gut gefunden werden," gibt Anna Brüggemann zu, "damit wir besetzt werden, dass jemand denkt: wow, die ist das Mövenpickeis des Sommers! Wir müssen uns aber auch klar werden: wir sind ja nicht nur in einer abhängigen Position, wir sind auch Macher."

Ohnehin laste viel zu viel Druck auf Frauenkörpern. "Wir können nicht nach Gleichberechtigung rufen und gleichzeitig akzeptieren, dass der weibliche Körper erst schön ist, wenn man ihn kasteit."

Andere Bilder von Frauen in Umflauf bringen

Die Aktion "Nobody's Doll" ist deshalb so notwendig, glaubt Anna Brüggemann, damit andere Bilder von Frauen in Umlauf kommen. Diese anderen Bilder wird man spätestens am 15. Februar zu sehen bekommen. Dann soll die Aktion auf der Berlinale Premiere haben. Und das wird dann spannend. Es haben sich bereits viele Frauen der Aktion angeschlossen, erzählt Brüggemann, aber selbst sie weiß noch nicht genau, was die anderen vorhaben. "Ich weiß nur von einer, die T-Shirts bedrucken will, die andere mag Highheels, will aber nicht mehr frieren. Die dritte sagt, sie wird nie wieder hohe Schuhe tragen." Idealerweise stellt sie sich den Abend so vor, dass sich die Frauen treffen, sich kurz darüber freuen, wie sie aussehen, Fotos auf dem roten Teppich machen und dann einen guten Abend haben, sich über Filme unterhalten und feiern. "Und natürlich, dass Fotos von uns gedruckt werden und irgendeine Frau irgendwo diese Fotos sieht uns sich denkt: hach, ja! Ich fühl' mich befreit."


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