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Meinung Warum 2023 das Jahr des Punks werden muss

Punk is dead? Von wegen! 2023 könnte das Jahr des Punks werden. Die Krise des Kapitalismus ist zu groß, und es gibt viele Faktoren, die das Genre neu beleben könnten. Diese Gründe sprechen für eine Zukunft zwischen Revolution und Pogo.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 09.01.2023

Punkband Team Scheiße auf der Bühne | Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Clemens Niehaus/Geisler-Fotopres

„1978 war der Punk schon tot“, raunte ein Punk im Jahr 1981 in eine WDR-Fernsehkamera. Was soll man da heute sagen? Die Toten Hosen laufen im Bierzelt und wer Punk googelt, stößt schneller als erstes auf Tipps für Investment- oder Business-Punks. Es scheint es fast so, als ob das altehrwürdige Punk-Genre so stark kommerzialisiert wurde, dass von seiner revolutionären und subversiven Kraft nichts mehr übriggeblieben ist. Ok, es gibt sie schon noch, die alten Punkbands. Campino ist 2022 60 geworden und singt immerhin, dass es ihm scheißegal ist, wenn alle sagen, dass die Hosen kein Punk mehr sind. Also: Punk is not dead, aber er muss dreimal nachts Pipi, weil was auf die Prostata drückt. Aber, was ist das? Ist das etwa ein Silberstreif am Punker-Horizont? Es mag Wunschdenken sein, aber die Vorzeichen stehen eindeutig auf Wiedergeburt. 2023 muss einfach das Jahr des Punks werden!

Politiker aus der Verantwortung!

Erster Grund für ein Punk-Revival: Wir brauchen eine anti-hierarchische Protestbewegung. Wir brauchen wieder Selbstermächtigung, weg von Politiker*innen, die zu häufig im Interesse der Konzerne, zu selten im Interesse der Menschen handeln. Dafür steht der Punk: Keine Macht für niemand, power to the people! Es gab zu viele Skandale, Lobby-Verstrickungen oder Korruptions-Affären bei denjenigen, die sich „Volksvertreter*innen“ nennen. Zum Beispiel eine EU-Vizekommissionspräsidentin, die sich mutmaßlich von Katar bestechen lässt. Oder Unions-Abgeordnete, die sich mit Masken-Deals wohl eine goldene Nase verdient haben. Dazu viel zu viele Politiker, die nicht für die Wählerinnen und Wähler, sondern für „Kapitalismus goes mad“ stehen. Die beiden krassesten: Ein FDP-Vorsitzender, der im Verdacht steht, während den Koalitionsverhandlungen mit Porsche hin und her gesmst zu haben und jetzt Finanzminister ist. Und ein CDU-Vorsitzender, der bei einem der drei größten Investmentkonzerne der Welt gearbeitet hat und jetzt wahrscheinlich Kanzler werden will. So kann’s nicht weitergehen und die Wut dagegen bringen Punk-Texte wunderbar zum Ausdruck. In einem Stück der Bremer Punkband Burnout Ost West, das auch von einem Bundestagsabgeordneten mit vielen Nebeneinkünften handeln könnte, heißt es passend: „Schade, dass Geldverdienen keine olympische Disziplin ist.“

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Schade, dass Geld verdienen keine olympische Disziplin ist | Bild: Various Artists - Topic (via YouTube)

Schade, dass Geld verdienen keine olympische Disziplin ist

Die Finanzielle Ungleichheit wächst immer weiter

Bereits 2022 war der Punk schon in den Schlagzeilen, nämlich als Punks Sylt kaperten und dort sogar ein Festival veranstalteten, aus Protest gegen die immer weiterwachsende finanzielle Ungleichheit. Und das ist kein Wunder, denn es steht schlecht um die ökonomischen Verhältnisse. Auch wenn es uns insgesamt besser geht als früher, wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer. Und am schlimmsten in ganz Europa ist es in Deutschland. Soziale Gerechtigkeit? Adé! Wer nicht erbt, hat kaum eine Chance, je zum reichen Prozent zu gehören, nicht mal, wenn er im Lotto gewinnt. Helfen könnte eine scharfe Analyse der Missstände und die Rückkehr zum Klassenkampf. Beides wiederkehrende Motive des Punkrock. „Ungerecht von Anfang an“, heißt es zum Beispiel in einem neuen Banger der Band Ersatzkopf aus Darmstadt. Der Song zeigt, wie unsinnig es aus Sicht der Band ist, gegen die Mühlen der Ungerechtigkeit anzuarbeiten, zumindest in diesem System.

Aufstiegsversprechen des Neoliberalismus wird nicht eingehalten

Als der Neoliberalismus Ende der 70er Jahre zur dominanten Wirtschaftsideologie wurde, lautete das Versprechen: Jeder kann es schaffen, wenn er nur hart genug arbeitet. Und wer in dieser Gesellschaft scheitert, ist selbst daran schuld. Heute wissen wir, dass diese Denkmuster nur dazu geführt haben, dass das reichste Prozent immer reicher wurde. Doch neoliberale Politiker*innen behaupten noch immer, dass finanzielle Umverteilung das kleine bisschen Wohlstand untergräbt, das noch übrig ist. Während die Menschen, die den Laden am Laufen halten, im Niedriglohnsektor herumdümpeln, verdienen sich Investment-Banker mit Bullshit-Jobs dumm und dämlich. Als Gegenmodell dazu steht der Punk so stabil wie ein altes Nokia-Handy. Weil die Musik sich verabschiedet von der protestantischen Ethik, vom Leistungs-Zwang, der angesichts der ökonomischen Verhältnisse ohnehin sinnlos ist. Und sich über diejenigen lustig macht, die immer noch im neoliberalen Denken festhängen. Der Song Yuppieschweine von Mühlheim Asozial treibt das auf die Spitze, was wir eigentlich wissen: „Lasst euch nicht erzählen, ihr hättet ein Problem. Propaganda der Yuppieschweine, Arbeit hat man besser keine.“

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ungerecht von anfang an (feat. Team Scheisse) | Bild: Ersatzkopf - Topic (via YouTube)

ungerecht von anfang an (feat. Team Scheisse)

No Future!

Das Motto der Punkbewegung früher hieß: „No Future“. Von den Sex Pistols etabliert war es einerseits ein Aufruf zur Selbstzerstörung, andererseits eine Kampfansage an die Fortschrittsgläubigkeit in den 80ern. Mit dem Fall der Sowjetunion und des Eisernen Vorhangs allerdings, verlor „No Future“ an Schlagkraft. Doch das könnte sich jetzt wieder umkehren. Leider. Die Krise zwischen den Großmächten USA, Russland und China spitzt sich zu, das Szenario „Atomkrieg“ ist seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine erschreckend real geworden. Und es wird mit jedem Jahr unrealistischer, die Klimakrise noch aufzuhalten. Im Grunde wissen wir es doch schon längst: Das 1,5 Grad Klimaziel noch zu schaffen ist so wahrscheinlich wie sich an Heiligabend einen Sonnenbrand zu holen. Die Band mit dem sehr aktuellen Namen Todeskommando Atomsturm erklären es in ihrem von der Sängerin grandios ins Mikrofon gebrülltem neuen Song „Dead Punks“: „Früher war alles scheißegal, heute ist alles scheiße, und nichts ist egal!“

Gegenbewegung zum Social-Media-Gehabe

Außerdem nimmt die Selbstinszenierung auf Instagram, TikTok und Co. langsam überhand. Besonders schlimm: Politische Schein-Botschaften, die aber nicht an den bestehenden Verhältnissen rücken, besonders beliebt bei Influencern, die sich als Feministinnen geben, aber dann zum Steuersparen nach Dubai ziehen. Auch um die Antipathie dagegen zum Ausdruck zu bringen eignet sich der Punk als Genre. Und Bands nehmen die ganze Selbstinszenierungs-Grütze schon jetzt auf die Schippe. Nochmal Mühlheim Asozial, und ein sehr überspitzer Song-Text aus „Scheiß Kultur, Scheiß Identität“. Der Track handelt von eben Selbstinszenierern im Kunst-Museum: „Der unstillbare Wunsch alles kaputtzuschlagen wird niemals vergehen, solang die Hipster-Wichser in weißen, leeren Räumen stehen.“ Auch Team Scheiße aus Bremen, die auf der Fusion 2022 wohl einen brechend vollen Auftritt für die Geschichtsbücher hingelegt haben sollen, lachen über Influencer und diejenigen, die ihnen gedankenlos nacheifern und singen im Track „Rich Kids“: „Ich fühle mich lit mit dir Baby, so wie rich kids, rich kids.“

Es gibt also viel zu kritisieren, viel zu besingen, und wohl so viel Stoff für gesellschaftskritische Punktexte wie nie zuvor. Selbst für Campino, wenn er sich nochmal ganz doll anstrengt. Wenn der Punk also 1978 wirklich gestorben sein sollte… ich würde mir wünschen, dass er 2023 wiederbelebt wird.