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„Kommunistenlibido“ Nichtseattle kritisiert mit viel Gefühl den Kapitalismus

Nichtseattle ist das Alter Ego der Songwriterin Katharina Kollmann. Die Berlinerin macht seit Jahren Musik fernab großer Bühnen. Mit ihrem neuen Album „Kommunistenlibido“ dürfte sich das ändern. Ein Porträt.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 29.04.2022

Die Berliner Songwriterin Nichtseattle alias Katharina Kollmann  | Bild: Noel Richter

Nichtseattle alias Katharina Kollmann ist eine echte Entdeckung. Die Berlinerin macht seit Jahren Musik, aber fernab von großen Bühnen und Labels – bis jetzt. Am Freitag hat sie ihr neues Album „Kommunistenlibido“ rausgebracht, das erste Mal auf einem Label: bei Staatsakt, wo auch Bands wie Isolation Berlin unter Vertrag sind.

Auch wenn ihr Künstlername an den Song „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“ erinnert – Nichtseattle ist nicht nur von Tocotoronic geprägt: „Meine Mutter hat ganz viele Liedermacher gehört: Gerhard Schöne, Hermann van Veen, Ludwig Hirsch“, erzählt sie im Interview. „Manches war düster und melancholisch – das hat mich immer voll fasziniert, auch wenn ich das alles oft gar nicht verstanden habe.“

Nichtseattle klingt seltsam vertraut. Vielleicht, weil ihre Stimme ein wenig an eine Judith Holofernes erinnert, die sich in einen PJ-Harvey-Song verirrt hat. Vielleicht auch, weil es eine uns vertraute Suche ist, die durch die Texte immer wieder durchscheint: die Suche nach Antworten darauf, warum man in dieses Leben hineingeworfen wurde. Und warum der Aufschlag dann so weh tun kann.

Nichtseattle ist ein „Wendekid“

Katharina Kollmann ist Jahrgang 1985. Aufgewachsen ist sie im Osten von Berlin, die Großeltern lebten in Greifswald. Sie ist ein „Wendekid“. So hat sie 2019 ihr erstes Album genannt. Und auch auf ihrem neuen Album, „Kommunistenlibido“, ringt sie mit dem Thema: „Ich wollte immer verstehen: Was ist eigentlich diese komische Melancholie in meiner Familie?“, sagt sie. „Wenn wir nach Greifswald gefahren sind, hatte ich immer das Gefühl, dass hier eine Traurigkeit in der Luft und in den Gesichtern der Leute ist.“

Eine Melancholie, die sie vielleicht auch in sich selbst trage. Die persönlichen, aber vor allem gesellschaftlichen und historischen Gründe für diese Melancholie habe sie verstehen wollen. „Und dann wollte ich auch verstehen, warum ich manchmal so dolle hadere mit der Welt oder mit dem, was anscheinend von mir erwartet wird“, sagt Nichtseattle. Vielleicht liege das auch daran, dass sie „ostsozialisiert“ sei. „Also dass ich gar keine Lust habe, mich irgendwie verkaufen zu müssen.“

"Eine uralte Idee hängt sperrig/ unter meiner Brust/ und ich weiß nicht, woher/ Ich habe die immer schon gewusst"

Songzeile aus ‘Die Idee’ von Nichtseattle

So sperrig wie „Die Idee“ im gleichnamigen Song unter der Brust hängt, so sperrig klingt auch die Musik von Nichtseattle. E-Gitarre, nur ab und zu ein Schlagzeug, ein bisschen Flügelhorn. Der Sound ist spröde, spartanisch. Aber er hängt einem nach, und wie! Auch die Gedanken und die Geschichten von Nichtseattle lassen einen nicht mehr los. Wie die von ihrem Vater, der sich das Leben genommen hat. Mein Vater hatte starke Depressionen, war krank“, erzählt Nichtseattle. Er habe sehr gekämpft mit der Welt und damit, seinen Platz darin zu finden. Das habe auch mit Kapitalismuskritik zu tun: „Mein Vater hatte eigentlich andere Vorstellungen von der Welt“, sagt sie. „Aber er wollte auch nie, auf keiner Ebene, ein Verlierer sein, auch kein Wendeverlierer.“ Deswegen habe er sich sehr angestrengt – und das sei das Problem gewesen.

"Du würdest kaum glauben/ wie wir jetzt hier sitzen/ samstags bei dir am Tisch/ Kaffee und Kuchen/ zwischendrin in alten Ordnern nach deiner Liebe suchen"

Songzeile aus ‘Nachvater’ von Nichtseattle

Das Album „Kommunistenlibido“ ist kein politisches Manifest. So will es Katharina Kollmann auch nicht verstanden wissen. Vielmehr ist es ein menschliches Manifest: Wir sind alle Kinder. Kinder unserer Eltern. Kinder der Geschichte. Und wir können das Fragen und Grübeln nicht lassen: „Ich kann nicht abstreiten, dass ich das Gefühl habe, dass uns der Kapitalismus krank macht“, sagt Nichtseattle. Sie denke dabei an ihren Vater. Aber auch an heute: „Es ist ja nicht nur eine Wendegeschichte und hat nicht nur mit dem Osten zu tun“, sagt sie. Denn in Deutschland könne man zwar gut überleben. Aber nicht so gut leben.

"Ich wollte, ich läge unter’m Apfelbaum / Gedankenlos auf deinen Schritt dir schau’n / Ich wollte auch irgendwann ein Kind / Es könnt schon sein, dass ich Kommunistin bin"

Songzeile aus ‘Unter der Sohle deines Schuhs’ von Nichtseattle