Bayern 2 - Zündfunk


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#failoftheweek Wo bleibt die Impfung gegen Geschichtsvergessenheit?

Sogenannte „Judensterne“ in denen das Wort „ungeimpft“ steht, Christian Drosten als Mengele. Und Überall angeblicher „Corona-Faschismus“. Es scheint gerade ein regelrechter Wettbewerb in Sachen unangemessener NS-Vergleiche stattzufinden. Gehts nicht auch eine Nummer kleiner? Ein Kommentar von Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 22.05.2020

Ein Bild mit Prof. Christian Drosten und NS-Arzt Mengele klebt an einer Ampel  | Bild: BR

Egal, wo hin man blickt: Überall "Corona-Faschismus". So sieht es der Schwurbel-Koch Attila Hildmann. Aber offenbar nicht nur er. In München sind diese Woche Aufkleber aufgetaucht, die den bekannten Virologen Christian Drosten mit dem berüchtigten Nazi-Arzt Joseph Mengele gleichsetzen.

Ein anderer Sticker zeigt das Corona-Virus mit Hitler-Bärtchen und darübersteht „Mehr Diktatur wagen“. Und dann sind da natürlich die „Judensterne“, die sich Impfgegner an die Brust heften und auf denen dann „ungeimpft“ steht.

Die Online-Plattform "Spreadshirt" geriet in die Kritik, weil man dort sogar Babystrampler mit „ungeimpft“-Sternen kaufen konnte.

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Michael Blume 17.05.2020 | 15:14 Uhr Leute, für heute bin ich raus (auch als Vater). 😡 Das 👇 ist #Antisemitismus, weil es 1. die real Verfolgten und Ermordeten des NS-Regimes verhöhnt, 2. den üblen Mythos einer Covid19-Impfverschwörung propagiert und 3. Kleinkinder politisch instrumentalisiert. Fund: @scholzseal67 https://t.co/UUypVr9C0h

Leute, für heute bin ich raus (auch als Vater). 😡 Das 👇 ist #Antisemitismus, weil es 1. die real Verfolgten und Ermordeten des NS-Regimes verhöhnt, 2. den üblen Mythos einer Covid19-Impfverschwörung propagiert und 3. Kleinkinder politisch instrumentalisiert. Fund: @scholzseal67 https://t.co/UUypVr9C0h | Bild: BlumeEvolution (via Twitter)

Gerade scheint also ein regelrechter “Germany’s Next NS-Vergleich”-Wettbewerb im Gange zu sein.

Mundschutz ist nicht "das neue Hakenkreuz"

Natürlich kann man die Corona-Maßnahmen kritisieren und natürlich ist es keine Kleinigkeit, wenn zentrale Grundrechte außer Kraft gesetzt werden, wenngleich aus guten Gründen und nur vorrübergehend. Man mag eine Maskenpflicht sinnlos, nervig oder unästhetisch finden, eines ist der Mundschutz aber ganz sicher nicht, nämlich „das neue Hakenkreuz“.

Genauso ein Unsinn wird aber allen Ernstes auf der Seite KenFM behauptet. Nicht viel besser traf es Stefan Homburg. Der Finanzwissenschaftler hält die Corona-Maßnahmen für übertrieben. Nur: Wie glaubwürdig kann jemand sein, der offensichtlich nicht einmal weiß, in welchem Jahrtausend wir leben? Diese Woche twitterte er:

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Stefan Homburg 17.05.2020 | 21:06 Uhr @ChristianSieme9 Das hier IST 1933. Damals gab es keinen Krieg und keine Lager. Es wurde erst die Demonstrations- und Meinungsfreiheit abgeschafft, dann das Rechts-, Presse- und Wissenschaftssystem gleichgeschaltet. Sechs Jahre später war man dann soweit.

Das Konzentrationslager Dachau wurde übrigens bereits 1933 eröffnet. Und 2020 ist weder die Demonstrationsfreiheit abgeschafft, noch die Meinungsfreiheit. Homburg selbst könnte das eigentlich wissen, denn er spricht regelmäßig auf Demonstrationen und vertwittert seine Meinung.

NS-Relativierung ist das Arschgeweih vieler politischer Debatten geworden

Natürlich: Schon vor Corona wurde dauernd irgendwas mit dem Dritten Reich gleichgesetzt. Burschenschaftler, Palästinenser, Dieselfahrer, FPÖ-Politiker, der venezolanische Präsident Nicolas Maduro: Sie alle fanden schon, sie seien „die neuen Juden“. NS-Relativierung ist längst zum Arschgeweih vieler politischer Debatten geworden. Deswegen wäre eine Impfung gegen Geschichtsvergessenheit genauso wichtig, wie eine gegen Corona. Das gilt auch und besonders für die Vereinnahmung von Anne Frank.

„Anne Frank wäre jetzt bei uns“ liest man beispielsweise auf Plakaten der Anti-Corona-Demos. Dazu kann man nur sagen: Nein, wäre sie nicht. Anne Frank trug einen gelben Stern nämlich nicht nur zur Provokation, sondern weil sie dazu gezwungen wurde. Und an Demonstrationen konnte sie nicht mehr teilnehmen, weil die 15-jährige 1945 starb. Im KZ Bergen-Belsen.


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