Bayern 2 - Zündfunk


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DJ Hell, Jonathan Meese und Daniel Richter „Diese Platte ist eine Verneigung, eine Liebesplatte an DAF“

„Hab Keine Angst, Hab Keine Angst, Ich Bin Deine Angst“ heißt das neue Album, für das DJ Hell mit den Malern Jonathan Meese und Daniel Richter zusammengearbeitet hat. DJ Hell und Daniel Richter haben im Münchner Optimal Plattenladen mit Ralf Summer über das neue Album gesprochen.

Von: Ralf Summer

Stand: 19.03.2021

DJ Hell und Daniel Richter | Bild: BR/Ralf Summer

DJ Hell und der polarisierende Maler Jonathan Meese haben ein gemeinsames Album gemacht. Hell steuert die Instrumentals bei und Meese die rudimentären Textfetzen, die er flüstert, raunt, schreit oder grunzt. Außerdem beteiligt war der Künstler Daniel Richter, der das Artwork designt hat und „Hab Keine Angst, Hab Keine Angst, Ich Bin Deine Angst“ über sein Label Buback vertreibt. Richter und Hell haben mit Ralf Summer vor dem Optimal Plattenladen in München gesprochen.

Zündfunk: Wie kam es zum neuen Album und wie hat das mit eurer Zusammenarbeit eigentlich angefangen?

DJ Hell: Da war ich mit Jonathan und seiner Mutter im Studio in Berlin. Das war dann praktisch die Gegenleistung, dass er mir das Cover gezeichnet hat. Das war einfach ein Experiment. Erst hatten wir vier Stücke dann sind wir noch mal ins Studio, und dann noch mal. Dann kam auch noch seine Mutter dazu, und plötzlich hatten wir 12 Stücke. Und ich habe ihnen die ganze Zeit nur Loops von Songs eingespielt. Ein bisschen Viervierteltakt, aber eben keine ausproduzierten Sachen. Wir haben einfach 20 Minuten performt und teilweise auch improvisiert. Es war klar, dass es nur Themen sind. „Kunst ist Chef“ oder „Dr. No“ oder „Erzliebe“. Die hat der Jonathan auf einem kleinen Ständer auf sein iPhone oder auf ein Blatt geschrieben. Ich hab einfach gesagt: Mach irgendein Thema und das kannst du dann frei ausarbeiten. Und er ist ja ein Stimmenakrobat. Das ist ja Wahnsinn, was da in nur zwanzig Minuten passiert. Also habe ich das dann ohne ihn nochmal im Studio durchgehört, das ausproduziert, arrangiert und daraus Songs gemacht. Es war meine Aufgabe, die starken Momente rauszuziehen. Er macht ja viele Ts-Laute und einmal sagt er auch nicht „Kunst“, sondern „K-U-N-S-T“. Da suche ich mir eben eine Variation aus und bearbeite die. Jeder Song ist einfach eine Bearbeitung seiner Stimme. Und oft erkennt man ihn auch gar nicht. Bei der Mutter habe ich die Stimme aber eins zu eins gelassen. Okay, ein paar leichte Effekte sind drauf, aber da gab es sogar auch Songs, wo ich Jonathan rausgeschnitten habe.

Und wie reagiert er da?

DJ Hell: Es ist natürlich völlige Freiheit. Er sagt ja immer, es ist alles notwendig, aber er findet auch nicht alles geil, was er macht. Aber er musste es machen. Und auch ich wusste ja gar nicht, was ich damit machen werde. Es kam ja auch gerade mein Album raus, und dann wusste ich auch nicht, dass Daniel und Jonathan beste Freunde sind. Aber irgendwie läuft alles ineinander. Daniel hat es designt und das tolle Booklet gemacht – und jetzt promoten wir das hier sogar vor dem Optimal zusammen in München.

Ich hab mal reingeguckt in das Artwork, Daniel, du hast glaube ich relativ wild an DAF herumgeschnitten, kann das sein?

Daniel Richter: Ja, das speist aus zwei Quellen, nämlich einem Band über die Volkspolizei der DDR und eben zwei DAF-Platten. Und weil das zwei Haupteinfluss-Quellen, sowohl auf Jonathans Werk, als auch auf das von Hell. Und ich hab gedacht, da macht man mal so ein referentielles Cross-Dressing.

DJ Hell: Es ist ja eine Verneigung, eine große Liebeserklärung, eine Liebesplatte an DAF. Deutlicher kann man das ja auf dieser Platte fast gar nicht zeigen. Es ist fast schon zu viel.

Ich habe aber schon ein paar Interviews mit dir geleen, wo du meintest, auch Kraftwerk und Sisters Of Mercy wären Einflüsse gewesen. Wieso habt Ihr die nicht zum Schneiden genommen?

Daniel Richter: Das ist ganz einfach, es lag nämlich nicht da. Es war so: Ich habe mir die Platte angehört, habe gesagt: Das ist ja super, das müssen wir unbedingt veröffentlichen. Okay Jonathan, wir machen das, lass uns mal ein Cover machen. Dann haben wir uns im Studio getroffen und 400 Collagen innerhalb kürzester Zeit zusammengestellt. Und dann habe ich gesagt: Das hört jetzt auf, ich kann das nicht mehr sehen. Jonathan, gib das her, ich mach das alleine. Und dann waren eben nur DAF-Sachen da. Aber das machte mir nichts, weil DAF ja auch für Hells Arbeit so wichtig ist. In seinem Sound ist ja auch so eine gewisse Industrie-Romantik drin. Und einfach auch, weil das sowohl für Jonathan, als auch für Hell, als auch für mich eine prägende Band war. Auch vom Image her, das gleichermaßen autoritär wie homosexuell ist. Androgyn, elegant und verschwitzt und aber eben auch wirklich mit den Zeichen spielt. Da kann man natürlich heute sagen: Das ist durch. Aber für mich ist das schon auch prägend gewesen. Das war eine wirklich erfolgreiche Band, die sehr komplex mit Zeichen umgegangen ist und für viel Verwirrung gesorgt hat. Das finde ich ja als künstlerische Haltung auch vorbildlich.


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