Bayern 2 - Zündfunk


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Bildschirm-Futter 2017 Diese Serien solltet ihr an den Feiertagen schauen

Diese Serien haben uns 2017 begeistert, von Crystal Meth in Bayern über einen Emmy-überhäuften Kritikerliebling bis hin zum Familiendrama in mehreren Akten.

Von: Zündfunk

Stand: 21.12.2017

Frau in den 50ern vor dem Fernseher | Bild: picture-alliance/dpa

"Das Verschwinden" - empfohlen von Caroline von Lowtzow  

Eine junge Frau verschwindet nach einem Discobesuch plötzlich aus einem Kaff im bayerischen Wald, nahe der Grenze zu Tschechien. Ihre verzweifelte Mutter fängt an, sie zu suchen, weil die Polizei nichts unternimmt. Zunächst deutet alles darauf hin, dass die omnipräsente Droge Crystal Meth hinter dem Verschwinden steckt - und für noch viel mehr Unglück in der Kleinstadt verantwortlich ist: zerrüttete Familien, Affären, Drogensucht, Dealerei, enttäuschte Freundschaften, Lügen, aufgeschnittene Pulsadern, Totschlag. Doch schnell wird klar: Dass sich junge Frauen zudröhnen, abhauen oder umbringen, das liegt mehr am sozialen Gefüge der Kleinstadt, an der Verlogenheit der Eltern, ihren Erwartungen an das Leben ihrer Kinder, an den Lebenslügen der Erwachsenen - und viel weniger am Sündenbock Crystal Meth.

Es gibt konsequent nur eine Richtung, in die sich die Handlung der Miniserie bewegt: abwärts, ganz tief nach unten in die Depression, es wird immer nur schlimmer und schlimmer. Nie scheint die Sonne, es gibt keinen Humor, keine Action, keine Erlösung. Die Welt in "Das Verschwinden" ist grau, bleiern, bieder und unfassbar trist. Alle sind verstrickt in ein Geflecht aus Lügen und Schweigen, sind verheddert im Kleinstadt-Filz und damit beschäftigt, die bürgerliche Fassade aufrechtzuerhalten. Das Verschwinden bringt diese Fassade zum Einstürzen. Manchmal denkt man, jetzt bitte nicht das auch noch. Aber wie das Lügengeflecht von Folge zu Folge weiter offengelegt wird und die Langzeitfolgen dieser Verlogenheit durchdekliniert werden, das entwickelt eine verstörende Kraft, die es selten bei deutschen Serien gibt. Zumal, wenn sie den Stempel "Krimi" tragen.

Zu sehen auf: Amazon, iTunes

"This Is Us" - empfohlen von Michael Bartle

Jack und Rebecca Pearson sind ein Liebespaar, sie sind Soulmates und von Beginn an sind wir mit ihnen. Anfang der 80er wird Rebecca schwanger - mit Drillingen. Eines der drei Babys überlebt die Geburt leider nicht. Aber da am selben Tag auf der Entbindungsstation ein Findelkind abgegeben wird, entschließen sich die beiden, diesen Randall - sozusagen als geschenkten dritten Drilling - zu adoptieren. Nur: Randall ist ein afroamerikanisches Baby. Sein Vater, ein heroinsüchtiger und bisexueller Jazzmusiker, der aussieht wie Gil Scott-Heron, war nicht in der Lage, das Kind großzuziehen. Jack und Rebecca gehen also mit weißen Zwillingen und einem dritten afroamerikanischen Baby nach Hause.

Ab diesen Zeitpunkt hüpft die Erzählung hin und her zwischen 1980, den Teenager-Jahren der Drillinge und der Gegenwart 36 Jahre später, in der Randall, das afroamerikanische Findelkind, die erfolgreichste Karriere hingelegt hat. Kate dagegen wiegt ungefähr 150 Kilo und Kevin, ein Ex-Seriendarsteller, kämpft mit seiner Selbstsucht. Und natürlich wird auch der falsche Gil Scott-Heron noch eine große Rolle spielen. Immer wieder zum Niederknien, wie einfühlsam und immer an der Kante zu Kitsch und Kommerz hier entlang dieser komplett bescheuerten Ausgangssituation Rassismus, Body-Positivity und der Wahnsinn von Familien durchdekliniert wird.

Bei Pro 7 ist die Serie durchgefallen, aber in den USA war "This Is Us" ein so großer Erfolg, dass angeblich nicht nur eine zweite und dritte, sondern bereits eine vierte Staffel kalkuliert sein soll.

Zu sehen auf: Amazon, iTunes, Google Play

"Please Like Me" - empfohlen von Katja Engelhardt

Den Zuschauer mit selbstverliebten und uneinsichtigen Charakteren quälen, das hat Lena Dunham mit "Girls" schon bravourös getan - der australische Stand-Up Comedian Josh Thomas kann es noch besser und obendrein noch persönlicher. Die Hauptrolle, die er selbst spielt, heißt auch Josh, ist auch schwul, sogar Josh Thomas' Hund ist Serien-Joshs Hund. Konzept, Idee, die großartige Opener-Musik, Design: Alles hat er in der Hand und deswegen ist die ganze Serie und jede Staffel und Folge wie aus einem Guss.

"Please Like Me" ist eine Feelgood-Serie, die nicht feel good ist. Die Dialoge sind schnell und clever, Josh kocht viel und beschwingt - aber eben vor allem dann, wenn die Probleme am größten sind, von Angstzuständen bis zur suizidgefährdeten Mutter. Am Ende wollen wir doch alle nur gemocht werden und ein warmes Gefühl im Bauch haben. Der Rest ist zu vernachlässigen.

Zu sehen auf: Netflix

"The Leftovers" - empfohlen von Roderich Fabian

2017 lief die endgültig letzte Staffel dieser amerikanischen Mystery-Serie. Es ist eine freie Adaption des Romans von Tom Perrotta, der 2011 erschien. Perrotta hat an der TV-Fassung selbst mitgeschrieben. Es geht darum, dass an einem 14. Oktober zwei Prozent der Weltbevölkerung plötzlich und spurlos verschwinden. Wo sie inzwischen sind, wird in der dritten Staffel aufgelöst, aber es geht - wie der Titel sagt - eher um die Zurückgebliebenen, die mit dieser schicksalhaften Fügung umgehen müssen.

In allen "Leftovers"-Staffeln geht es um Religion in verschiedenen Ausprägungen und um den Sinn des Lebens ganz allgemein. Statt "Fantasy" steht hier eher "Philosophy" im Vordergrund und ich habe nach einigen Folgen noch Stunden damit verbracht, darüber zu diskutieren. Dieses vielschichtige ambitionierte Projekt, das in den USA beginnt und sich in den Weiten Australiens auflöst, ist meine Serie des Jahres.

Zu sehen auf: Amazon, iTunes, Google Play

"The Handmaid's Tale" - empfohlen von Maria Fedorova

Es wurden neue Gesetze verabschiedet. Frauen dürfen kein Eigentum besitzen, keine Bildung bekommen, keine Arbeitsstellen annehmen. Das ist nur der Anfang einer beklemmenden Entwicklung in der neuen Serie "The Handmaid's Tale" nach dem dystopischen Roman der Kanadierin Margaret Atwood.

Der Plot: In Nordamerika haben christliche Fanatiker die Macht übernommen und die Republik Gilead gegründet. Kinder sind ein rares Gut, weil viele Frauen durch Umweltkatastrophen unfruchtbar geworden sind. Und in dieser neuen Gesellschaft werden die wenigen fruchtbaren Frauen zu staatlichen Gebärmaschinen - unter Zwang. Die neuen Herrscher sehen darin die natürliche Bestimmung der Frauen. Women rights are human rights, Frauenrechte sind Menschenrechte - diese politische Parole wird in zehn Folgen übersetzt und macht "The Handmaid's Tale" zur feministischen Serie der Stunde.

Zu sehen auf: Videoload (Telekom)

"Top Of The Lake: China Girl" - empfohlen von Jan Heiermann

Gleich zu Beginn dümpelt ein Koffer in den Wellen vor Sydneys Bondi Beach. Der Zuschauer weiß sofort: Da ist was drin, was man lieber nicht sehen möchte. Noch lieber sogar: auf gar keinen Fall! Die elegische Bildsprache, für die die neuseeländische Regisseurin Jane Campion verantwortlich zeichnet, erinnert an die Szene aus ihrem Drama "Das Piano", in dem das Musikinstrument in einer Wassersphäre zwischen Leben und Tod schwimmt, und das 1994 gleich mit drei Oscars ausgezeichnet wurde. Viel bedeutungsschwangerer kann eine Geschichte eigentlich nicht loslegen. Und das bleibt so.

Auch dieses Mal geht es in der traumhaft albtraumhaften Serie um die Abgründe der menschlichen - besser der männlichen - Seele und einer Welt in absolut grausamer Schieflage, mit Mädchenhandel, Versklavung, Prostitution, sexueller Gewalt, persönlichen biografischen Brüchen so gewaltig wie der Kermadec-Tonga-Graben und einem Deutschen, der Dostojewski zitiert. Dabei sind Szenen und Dialoge manchmal so schräg, dass man sich das Schmunzeln (gar Lachen!) trotz all der Traurigkeit nicht verkneifen mag.

Und stets gibt einem die Kommissarin Robin Griffin, gespielt von Elisabeth Moss ("West Wing", "Mad Men", "The Handmaid's Tale"), das Gefühl, dass da jemand für das Gute einsteht. Neben ihr brillieren Brienne von Tarth aus "Game Of Thrones", die mit bürgerlichem Namen Gwendoline Christie heißt und für einen gehörige Portion Humor in der Serie sorgt, und Nicol Kidman, die doch herausragend schauspielern kann, und ebenso für etwas Witz verantwortlich zeichnet.

Zu sehen auf: Amazon, Arte, iTunes, Google Play

"Master Of None - Season 2" - empfohlen von Thomas Mehringer

Serienfans, die gutes Essen, italienische Schlager, überhaupt einen tollen Soundtrack und haufenweise Ironie mögen, die sind bei Staffel 2 von Aziz Ansaris "Master Of None" bestens aufgehoben. Comedian Ansari hat sich die Rolle des Dev auf den Leib geschrieben. Dev, ein indischstämmiger New Yorker, ist Mitte 30 und auf der Suche nach dem Glück. Die sucht er in Staffel 2 in einem kleinen italienischen Dörfchen. Allora.

"Master Of None" funktioniert deswegen so gut, weil es behutsam, sensibel und mit unglaublich witzigen Untertönen geschrieben wie inszeniert ist. "Master Of None" - das Gilmore Girls für Single-Männer um die 30 - mit der besten Bromance seit Chandler und Joey in Friends.

Zu sehen auf: Netflix

"Stranger Things" - empfohlen von Ralf Summer

Diese Serie vorzustellen, heißt Eulen nach Athen zu tragen. Oder Monster nach Hawkins. Ich gehöre zu den Leuten, die sich extra für die erste und zweite Staffel dieser Serie bei Netflix angemeldet haben. Und danach wieder abgemeldet. Um drohenden Binge-Watching vorzubeugen, habe ich maximal zwei Folgen am Stück gekuckt. Winona Ryder ist schrecklich und zugleich klasse als Mutter. Und die Kinder natürlich goldigst. Ich habe mich danach an "Das Verschwinden" und "Babylon Berlin" versucht. Aber kein Vergleich, ich hörte sofort auf damit.

Stranger Things Still | Bild: Netflix zum Artikel Zum Start der zweiten Staffel Fünf Gründe, warum "Stranger Things" die Achtziger wieder hip macht

Sie waren so durch, so Therme Erding, so Dauerwelle, ausgelutscht: die Achtziger. Dann kam die Netflix-Serie "Stranger Things". Mit ihrem Nostalgie-Retro-Chic hat sie Millionen vor die Glotze geholt und dem Jahrzehnt wieder Coolness eingehaucht. [mehr]

Musikeinsatz (The Clash, Devo, Bauhaus…), Mode, Moods - alles perfekt auf die 80er abgestimmt, in denen die Serie im US-Bundesstaat Indiana spielt. Und selbst als Nicht-Rollenspieler und Nicht-Fantasy-Fan ist die Serie so ansteckend, so fesselnd, dass sie Standards setzt. Kaum auszumalen, wenn wir - jetzt sind wir bei der Hälfte der geplanten vier Staffeln - die liebgewonnenen Jugendlichen in die normale Schauspielwelt entlassen müssen. Angeblich hatte die Serie im ersten Monat 15 Millionen Zuschauer allein in den USA. Und wäre damit nach "Fuller House" und "Orange Is The New Black" die dritterfolgreichste Netflix-Staffel. Ich freu mich auf Elf, Mike, Dustin, Lucas, Nancy, Jonathan und Will in 2018.

Zu sehen auf: Netflix

 

"The Good Wife" - empfohlen von Barbara Streidl & Oliver Buschek

Oliver Buschek über die Serie: Streng genommen ist dieses amerikanische Panoptikum schon 2016 zu Ende gegangen, aber da die siebte und letzte Staffel erst seit 2017 bei uns zu sehen ist und ich obendrein das komplette erste Quartal mit den insgesamt 156 Folgen verbracht habe, gibt's hier kein Vorbeikommen an "The Good Wife". Die Rahmenhandlung: Alicia Florrick muss wieder als Anwältin zurück ins Berufsleben, nachdem ihr Mann - Chicagos Staatsanwalt - nicht nur einen Sexskandal an der Backe hat, sondern wegen angeblicher Bestechlichkeit auch noch ins Gefängnis wandert. Um das Geld für sich und ihre zwei Kinder zu verdienen, heuert sie also in einer Top-Kanzlei an und muss fortan Karriere, Kinder und den Knast-Gatten irgendwie unter einen Hut kriegen. (Letzterem hält sie als "Good Wife" bemerkenswert lang die Treue.)

Und warum ist das nun sehenswert? Zum einen, weil da großartigen Schauspielern grandiose Texte geschenkt wurden, zum anderen wegen der Fälle, die Alicia vor die Füße purzeln. Da geht's um Drohnenkriege, Waffengesetze, Song-Plagiate, Suchmaschinen, Bitcoins und viele andere Dinge, die die Vereinigten Staaten der Gegenwart ausmachen. Und da diese teils hochpolitische Serie von 2009 bis 2016 produziert wurde, ist sie obendrein ein geradezu nostalgisch stimmendes Dokument der Obama-Jahre.

Barbara Streidl über Eli Gold aus "The Good Wife": Eli Gold ist eigentlich eine Figur, die ich nicht mögen würde, wäre er echt. Er dreht im Persönlichen sein Fähnchen nach dem Wind und hält im Beruflichen dem korrupten Politiker Peter Florrick den Rücken frei, was ihn selbst auch korrupt macht. Als er über die negativen Konsequenzen dieses moralischen Modells für andere mit Florricks Frau, der Anwältin Alicia - The Good Wife aus dem Serientitel - spricht, bedrängt sie ihn, will Erklärungen. Eli Golds Antwort bietet nur diesen einen Satz: "Life sucks."

Zu sehen auf: Amazon, iTunes, Netflix


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