Bayern 2 - Zündfunk


11

Neues Album "Tranquility Base Hotel + Casino" Wie ein Klavier die Arctic Monkeys dazu gebracht hat, sich komplett neu zu erfinden

Die Arctic Monkeys waren eine der ersten Bands, die durch das Internet berühmt wurden. Nach ihrem Durchbruch 2006 überlebten sie den Indie-Rock-Hype und sind heute eine der letzten großen Rockbands unserer Zeit. Nun haben sie sich auf ihrem Album komplett neu erfunden. Wir haben Alex Turner, den Sänger der Band in London getroffen.

Von: Torsten Groß

Stand: 14.05.2018

Das Album "Tranquility Base Hotel + Casino" tuckert gemächlich los – 18 Sekunden dauert es – dann setzt Alex Turners Stimme ein, er gesteht: "I just wanted to be one of the Strokes". So cool zu sein wie die New Yorker Post-Punk-Band The Strokes? War das Ihre wirklich ihre Intention, als sie mit den Arctic Monkeys begonnen haben? "Es hat sich so angefühlt, als wären die Zeiten verrutscht", erklärt Alex Turner im Zündfunk-Interview. "Gestern fühlte sich wie heute an. Als ich begonnen habe, an diesen Songs zu arbeiten, wusste ich nicht so recht, was ich tun sollte. Ich habe mich verloren in Träumereien, im Nachdenken über die eigene Geschichte. Eben war ich noch in der Indie-Disco und habe zu den Strokes getanzt – und plötzlich steht man selbst auf solchen Bühnen. Ich habe aber auch das Bedürfnis verspürt, über die Dinge zu schreiben, die in der Welt um mich herum passieren, im Großen wie im Kleinen. Es war mir wichtig, eine poetische Sprache für diese Themen zu finden, es sollte nicht hässlich sein."

Das alte Steinway-Piano mit Vintage-Klang

Mit 32 kann man schon mal Bart tragen: Alex Turner (2.v.li.) Sänger der Arctic Monkeys

32 Jahre alt ist Alex Turner mittlerweile, die Haare trägt er etwas länger, dazu einen kleinen Künstlerbart, über den sich das Netz die letzten Monate lustig gemacht hat. Eine kleine Schreibblockade soll er gehabt haben, doch dann kam die Sache mit dem Klavier. Sein Manager hat ihm ein altes Steinway-Piano zum Geburtstag geschenkt mit Vintage-Klang. Dasselbe Modell, auf dem Paul McCartney "Lady Madonna" erfand.

Die neue Arctic Monkeys Platte erinnert nun an Chamber-Pop, man denkt an Serge Gainsbourg, Van Dyke Parks oder Burt Bacharach. Mit Indie-Rock und fetten Riffs sind sie berühmt geworden, aber dieses Album hat damit nichts mehr zu tun. "Statt einfach draufloszuschreiben, musste ich am Anfang versuchen, mich selbst auszutricksen. Ich wollte raus aus dem alten Fahrwasser. Der Durchbruch war dann das Klavier. Das hat mich an meinen Vater erinnert. Die jazzartigen Lounge-Akkorde haben mich ganz von selbst in eine Stimmung versetzt, in der ich andere Narrative finden konnte – die Texte haben einen anderen Charakter angenommen. Und so konnte ich Schicht für Schicht den Kern der Songs freilegen", erzählt Sänger Alex Turner.

Kein Alleingang - eine echte Bandplatte

Albumcover "Tranquility Base Hotel + Casino"

Eine der letzten großen Rockbands unserer Zeit holt tief Luft – und erfindet sich neu. Und der Kurswechsel hat es in sich, ein ziemliches Abenteuer - ist das nicht der alte Ziggy Stardust, der da plötzlich vorbeischneit? "Tranquility Base Hotel + Casino" ist dann aber doch kein Alleingang von Alex Turner geworden, sondern eine echte Bandplatte. "Wir haben eine Session in L.A. gemacht, da haben wir dann erstmals alle gemeinsam an den neuen Songs gearbeitet. Da ist viel Gutes bei herausgekommen, aber danach musste ich erst mal wieder nach Hause und noch mehr schreiben." Ende letzten Jahres ist die Band dann wieder zusammen ins Studio und hat immer wieder untereinander die Instrumente getauscht. Bassist Nick O’Malley hat Gitarre gespielt, Alex Turner hat den Bass übernommen, Matthew Helders, der sonst am Schlagzeug sitzt, interessierte sich für Synthesizer und Keyboards und ein anderer Freund kam auch noch dazu. In dieser Phase hat sich die Gruppendynamik entwickelt.

Wie viele große Bands der 60er Jahre haben sich auch die Arctic Monkeys schon früh in Richtung Amerika orientiert. Seit einigen Jahren schon lebt die Band aus Sheffield zum Großteil in Los Angeles. Auch wenn in manchen Songs David Bowie durchscheinen mag: die neuen Stücke sind eher amerikanisch inspiriert als britisch. Und die Sehnsucht nach Amerika ist bei Alex Turner noch älter als der Wunsch, einer von den Strokes zu sein. "Mein Wunsch, in Kalifornien leben zu wollen, hat seinen Ursprung in meiner Kindheit: Als ich acht Jahre alt war, bin ich mit meiner Oma, deren Mann und meiner Tante nach San Francisco gefahren. Wir fuhren den Pacific Highway herunter und haben bei Freunden übernachtet. Diese Reise habe ich als sehr spaßig in Erinnerung."

Alex Turner in der Münchner Ubahn

Aber in München scheint's Alex Turner auch ganz gut zu gefallen. Zumindest in der Ubahn am Marienplatz. Dort spielen einige Szenen des neuen Videos zum Song "Four Out Of Five" (siehe oben).


11