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Neneh Cherry im Interview "Wir haben drei Stunden lang Flüchtlinge versorgt - danach habe ich eine Stunde geweint"

Mit der dekadenten Musikindustrie wollte Neneh Cherry nichts zu tun haben – und klinkte sich aus. Fast 18 Jahre lang. Jetzt, mit 54, machte sie nur noch Alben, wenn sie wirklich etwas zu sagen hat.

Von: Marcel Anders

Stand: 19.10.2018

Neneh Cherry und Broken Politics | Bild: Wolfgang Tillmans

Neneh Cherrys neues Album „Broken Politics“ ist eine wortgewaltige Abrechnung mit dem Zeitgeist, mit verantwortungslosen Politikern, Wutbürgern und mangelnder Empathie. Dinge, für die es leider keine Lösung, aber doch Hoffnung gibt. Marcel Anders hat die Schwedin in Berlin getroffen.

Brexit, Flüchtlingsproblematik, globaler Rechtsruck, grassierende Angst vor Veränderungen – das sind die Themen Ihres neuen Albums. Ist das Ihre Auseinandersetzung mit dem, was da passiert?

Neneh Cherry: Ja, es ist der Versuch, das alles zu begreifen. Wobei ich keine Lösung habe – auch, wenn es die eigentlich geben muss. Also wenn wir lernen, zuhören und ein besseres Bewusstsein entwickeln. Das Album reflektiert, was da passiert. Und meine wichtigsten Dialoge führe ich meist mit mir selbst - und im Rahmen eines kreativen Prozesses. Denn viele Dinge werden einem klar, wenn man zumindest versucht sie zu verstehen.

Wie beim Kochen in einem Flüchtlingscamp in Nordfrankreich zum Beispiel? Was hat Sie denn dorthin verschlagen?

Neneh Cherry: Ein Freund von mir leitet ein Projekt namens "Die Gemeinschaftsküche für Flüchtlinge“ in Calais. Da werden täglich 1800 Menschen bekocht und Geldspenden verteilt. Ich habe da mitgeholfen – als Freiwillige. Ich habe drei Tage gekocht. Eine große Mahlzeit täglich – ein heißes Mittagessen mit Salaten und Gemüse. Alles vegetarisch, weil viele Geflüchtete aus religiösen Gründen kein Fleisch essen. Und am vierten und letzten Tag bin ich raus mit dem Team, das das Essen in diesem Dschungel ausgibt. Es war ein schrecklicher Tag, regnerisch und windig. Wir wurden zu diesem Ort gefahren, der nur aus Schlamm und Blechhütten besteht. Es tat unglaublich weh, das zu sehen. Aber was mich wirklich beeindruckt: Den Überlebensinstinkt dieser Menschen zu spüren, die nicht aufgeben. Wir haben sie drei Stunden lang versorgt und ich habe so viel Schönheit gesehen. Zwar auch traurige Augen, aber doch viel Lächeln und Hoffnung. Danach habe ich eine Stunde geweint. Und mich dabei andauernd gefragt: ´Was passiert nur mit diesen Menschen?´     

Sind sie Opfer verfehlter Politik, um Ihren Albumtitel zu zitieren. Inwieweit ist die Politik für diese Missstände verantwortlich?

Neneh Cherry: Ich denke, sie sind definitiv das Ergebnis falscher Politik. Von einer Politik, die nicht aufgegangen ist. Und egal, wohin ich schaue: Ich habe nicht das Gefühl, dass die Verantwortlichen auch nur irgendetwas anstoßen, damit es den Menschen besser  geht. Es ist einfach ein Haufen Lügen. Diese Leute machen sich die Taschen voll und ruinieren die Welt. Es sind finstere Zeiten. Und das ist eine ernste Sache. Ich wünsche mir sehr, dass wir eine Lösung finden.

Laut ihrem Stück „Black Monday“ befassen wir uns alle viel zu sehr mit unserem eigenen Wohl – also lieber mit Börsenspekulationen als mit Empathie oder Nächstenliebe.

Neneh Cherry: Ich finde es schockierend, wie viele Leute an der Börse zocken - aus reiner Profitsucht. Ich finde das gefährlich. Denn die nächste Bankenkrise, eine neue Wirtschaftskrise: das wird die Leute fertig machen, frustriert und desillusioniert. Oft suchen sie sich einen Sündenbock. Sie sind wütend, und viele tendieren dann zum Faschismus. Was verrückt ist. 

Oder zum Separatismus – wie beim Brexit, der ja auch wirtschaftlichen Interessen folgt…

Neneh Cherry: All diese Leute sind auf die Lüge reingefallen, dass ihnen jemand die Jobs wegnimmt. Man müsse sich nur jetzt von Europa lösen, dann fließt das Geld plötzlich wieder. Sie haben wirklich geglaubt, sie würden plötzlich mehr Geld haben. Aber viele von ihnen haben ihre Meinung mittlerweile revidiert – zumindest diejenigen, die in London leben. Die einzigen, die weiter für den Bexit sind, sind Leute im Norden von England. Dort wo ganze Industrien verschwunden sind und alles andere auch, da, wo nichts mehr passiert. Um die kümmert sich niemand. Schon gar nicht die rechten Torys, die auf Privatschulen gegangen sind und eine Eaton-Ausbildung genossen haben. Denen sind die egal.

Auf dem Cover Ihres Albums posieren sie in einem Zelt von einem Hemdkleid - mit wirrem Haar und entschlossener Mine. Das hat wahlweise etwas Kämpferisches – oder etwas von einer Hexe. Sind Sie eine moderne Ausgabe davon?

Neneh Cherry: Oh, ich denke eine Menge Menschen sind Hexen. Die Zauberei hat heute nur einen schlechten Ruf. Aber: Viele von uns haben mehr Kräfte, als sie denken. Und was das Foto betrifft: Klar, ist das ziemlich verrückt, aber was ich hier mache, ist nichts Anderes, als Geschichten zu erzählen. Und zwar nicht nur meine. Es sind Impressionen, die ich im Hier und Jetzt gesammelt habe. Alles, was ich sehe und fühle. Gleichzeitig ist da aber auch Demut. Natürlich habe ich auch keine wirkliche Lösung.

Wenn Sie keine Lösungen haben, worum geht es Ihnen denn dann?

Neneh Cherry: Wer könnte schon eine Lösung haben? Ich verdaue nur, was ich erlebe. Aber es kann doch eine ganze Menge passieren, wenn man Ideen und Gedanken teilt oder einfach zusammen mit anderen Menschen in einem Raum sitzt und Musik hört. Selbst Musik ohne Worte hat ja immer noch die Poesie des Klangs - und kann wirklich in die Tiefe gehen. Einige der wichtigsten Momente meines Lebens haben in einem Raum stattgefunden, in dem man Musik hören oder mit anderen Leuten tanzen kann. Und plötzlich, meist ohne Vorwarnung, hat man dann diese Eingebung: „Okay, ich kann das!

Eine Erkenntnis, die sich in Ihrem Fall in einem düsteren, TripHop-Sound niederschlägt – in etwas Sphärischem und Cineastischem?

Neneh Cherry: Cineastisch ist eine gute Formulierung. Das bringt es auf den Punkt. Und ich muss schon sagen: ich bin sehr glücklich, dass Kieran Hebden, der Mann hinter Four Tet wieder mit mir arbeiten wollte. Vor einem Jahr hat er mich gefragt: „Was schwebt dir vor?“ Und ich: „Ich denke, ich will etwas mit mehr Seele.“ Also: Einen Geisteszustand, in dem ich weniger denke, sondern einfach nur Energien ablasse – eine Art Bewusstseinsstrom.

Beim Stück „Kong“ arbeiten Sie zum ersten Mal seit Jahren wieder mit 3D von Massive Attack zusammen. Eine Band, die Sie in den frühen 90ern protegiert und finanziert haben. Wie ist das, wieder gemeinsam im Studio zu stehen – nachdem sich Ihre Karrieren so unterschiedlich entwickelt haben?

Neneh Cherry: Wirklich gut! Wir hatten eine tolle Zeit und eine wunderbare Karriere – jeder auf seine Art. Und weil ich „Kong“ zu einem Backing-Track von Massive Attack geschrieben hatte, bin ich nach Bristol, wo 3D und ich den Gesang aufgenommen haben. Es war wie früher. Und es ist toll, dass wir noch so einen Draht zueinander haben. Wir sind Freunde, wie eine Familie. Und manchmal sieht man sich über längere Zeit nicht, aber sobald man wieder zusammenkommt, ist es, als ob man sich nie aus den Augen verloren hätte.


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