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Meinung Warum ich neidisch darauf bin, wie sich Menschen auf dem Land anziehen

Städter sehnen sich nach dem Land, wie sie es aus der Schokowerbung kennen. Nur in Modefragen bleiben Stadt- und Landmenschen gegensätzlich. Warum eigentlich? Ein Kommentar über Klischees, Landhauskitsch und Funktionskleidung.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 10.11.2021

Mit zwei Milchkannen in ihren Händen geht eine Landwirtin über eine Kuhweide bei Lüneburg | Bild: picture-alliance / dpa | Simone Neumann

Eine Almhütte, ein Almbauer in Lederhose, kariertem Hemd und grüner Wollmütze, der vor einem sagenhaften Bergpanorama sagt: „Ah, ein Stadtmensch! Sie glauben wohl auch, dass wir hier oben etwas altmodisch sind.“ Diese Schokoladenwerbung mit Peter Steiner ist fast 20 Jahre alt und man sollte meinen, der Begriff „Stadtmensch“ ist mittlerweile überholt.

Erst Schoko-Werbeikone dann Rapper: Peter Steiner.

Was ist denn ein Stadtmensch, was macht ihn aus? Und woran erkennt man diese Spezies? Und überhaupt: Wenn es Stadtmenschen gibt, muss es als gesellschaftlichen Gegenpart auch Landmenschen geben. Und sind in Zeiten der Digitalisierung Begrifflichkeiten wie „Stadtmensch“ und „Landmensch“ nicht anachronistisch und total überholt?

Früher konnte man als urban geprägter Städter Landmenschen sofort erkennen. Woran? Natürlich am Style. Diesen als Städter ehrlich und unverblümt zu beschreiben führt, wenn man unvorsichtig ist, direkt in einen Shitstorm, also versuche ich es mal einigermaßen sozialplattform-milde zu sagen: Landmenschen kleiden sich eher unauffällig und praktisch.

Die bäuerliche Frühaufsteherin trägt Gummistiefel

Das wiederum liegt aber daran, dass die Prioritäten auf dem Land nun mal grundsätzlich andere sind. Eine Landwirtin, die jeden Morgen um halb fünf aufsteht, macht sich nun mal keinerlei Gedanken darüber, ob ihre Fleece-Jacke von The North Face oder C. P. Company ist, und ob sie farblich zu ihren Sneakers passt. Die bäuerliche Frühaufsteherin trägt in der Regel Gummistiefel oder warme Arbeitsschule, weil Sneakers im Stall eher unpraktisch sind. Praktische Kleidung ist auf dem Land also lebensnotwendig, weil man sonst erfrieren oder ständig krank würde.

Ich befürchte, Landmenschen, um den Begriff mal zu bemühen, machen sich auch wenig Gedanken um ihre Garderobe, weil sie tatsächlich jeden Tag mit dem Erzeugen von Dingen beschäftigt sind, die wir Städter dringend brauchen. In der Regel lebensnotwendige Lebensmittel wie Fleisch, Milch, Gemüse oder Getreide. Streng genommen profitieren Stadtmenschen vom Mode-Desinteresse der Landmenschen, denn wenn die sich mehr mit ihrem Style beschäftigen würden, hätten wir in der Stadt nichts zu essen.

Die Arroganz, die Städter also der Landbevölkerung in Modefragen entgegenbringen, ist deshalb total unangebracht. Und überhaupt: Die Stadt profitiert mehr vom Land als umgekehrt. Erst vor wenigen Tagen erzählte mir eine Landwirtin aus Oberbayern, dass sie zwar ab und zu in die Stadt fährt, aber nur, um sich mal eine Kirche anzusehen oder etwas einzukaufen. Sehr selten also. Sie habe alles, was sie braucht, auf dem Land. Umgekehrt ist das anders. Städter sehnen sich nach dem Land und den damit verbundenen Softskills.

Städter gründen Tante-Emma-Läden und backen Sauerteigbrot

Es geht sogar so weit, dass Städte immer mehr zu Dörfern werden. Städter verlassen ihren Kiez so gut wie nie, weil sie ähnlich wie auf dem Dorf ihre Hood haben, in der sie alles erledigen und wo man sie persönlich kennt. In dem von einer Bürgerinitiative gegründeten Tante-Emma-Laden dürfen sie auch anschreiben, weil sie den 1. Vorsitzenden an der Kasse auch aus dem Elternbeirat vom Kindergarten kennen. Der Wunsch nach einem cosy Dorfgefühl ist so groß, dass man andere Stadtteile so gut wie gar nicht mehr besucht.

Tante Emma sitzt bei Tante Emma.

Durch die Corona-Pandemie wurde dann das richtige, echte Landleben für Städter interessant als alternativer Lifestyle. Stadtmenschen trieb es aus Angst vor dem weltweit grassierenden Virus regelmäßig aufs Land, um dort der Ansteckung zu entfliehen und weil man in der Stadt eh nichts machen durfte, außer spazieren gehen.

Nach dem Auslüften haben dann Städter zuhause Sauerteigbrot gebacken und Bienenvölker angeschafft. Der Wunsch, etwas vom beruhigenden Land mit in das vom Virus bedrohte Stadtleben zu holen, war groß in den letzten Monaten. Die Landbevölkerung war aber not amused. Wie eine Plage fielen Städter über Berge und Wälder her. Hinterließen ihren Dreck und meckerten anschließend rum, dass es nicht genug Parkplätze gäbe.

Dirndl in pink oder landhaus-kernseifig

Modisch gesehen, schielt die Stadt schon lange aufs Land. Landmode oder besser Landhausmode finden Stadtmenschen richtig leiwand. In Bayern auch auf der Wiesn sehr gern gesehen: Dirndl in knallpink mit Tüllschürze und schulterfreien Blüschen, dazu passende hochhackige Lackpumps in babyrosa.

Leinenvariante oder Tülltracht? Dirndlträgerin auf dem Heimatsoundfestival.

Es gibt aber auch die landhaus-kernseifige Leinenvariante, die so kratzig ist, dass man damit mühelos einen alten Eichentisch abschleifen könnte. Das Problem bei dieser Mode, die Münchner Trachtenläden gern als die Kleidung vom Lande verkaufen, ist nur, dass das totaler Unsinn ist. Landhausmode trägt auf dem Land kein Mensch. Zumindest keiner, der noch alle Latten am Zaun hat.

Im Alltag geht’s um praktische Kleidung und wenn man sich in Schale wirft, wird nicht dieses alberne Landhauszeug angezogen, sondern Tracht. Schnörkellos und ohne tuffigen Tüllkram. Mode ist was für Städter, denn dort muss man nicht zehn Stunden Traktor fahren oder um fünf Uhr morgens einer Kuh beim Kalben helfen. Mode ist ein Luxus, den man sich leistet, eine Kunstform, aber dafür braucht man die finanziellen Möglichkeiten und die Zeit, sich damit zu befassen.

Natürlich sind nicht alle Menschen auf dem Land Bauern und steigen von morgens bis abends durch Kuhfladen. Auch auf dem Land gibt es modeinteressierte Bewohner, vielleicht ist es dort nur nicht so wichtig. Und ehrlich gesagt, bin ich manchmal ein bisschen neidisch auf Menschen, die sich wenig darum scheren, was sie tragen. Denn das ist auch ein Zeichen von persönlicher Freiheit, wenn es einem schlichtweg egal ist. 

Der Text ist Teil der ARD-Themenwoche 2021 zu „Stadt.Land.Wandel“ vom 7. bis zum 13. November. Mehr dazu hier.