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Nachruf auf Terry Hall Habt Spaß, solange es irgendwie geht

Terry Hall ist im Alter von 63 Jahren gestorben. Der Sänger der Specials war eine der wichtigsten Stimmen aus Großbritannien. Ein Nachruf.

Author: Michael Bartle

Published at: 20-12-2022

Sänger der Specials, Terry Hall, hält seine Hände vors Gesicht | Bild: picture-alliance/dpa

Noch immer zieht es mich auf die Tanzfläche, wenn ich dieses Stück höre! Und meine Kollegen und Kolleginnen legen es manchmal voller Häme auf, damit sie sehen, wie ich altes Holz mich verrenke.

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The Specials - A Message To You Rudy (Official Music Video) | Bild: TheSpecialsOfficVEVO (via YouTube)

The Specials - A Message To You Rudy (Official Music Video)

„A Message To You Rudy“ ist eigentlich ein alter Rocksteady-Song von Dandy Livingstone. Er war es auch, der unbedingt die markante Posaune im Song haben wollte, die bei der Version der Specials dann von Rico Rodriguez in den Song hinein geschmeichelt wurde. Auch wenn die Botschaft an Rudy schon in Jamaica im Jahr 1967 ziemlich erfolgreich war: das Stück wurde über 22 Jahre später sowas wie der Signature Song von Terry Hall und den Specials.

„Stop your messing around, better think about your future“ war auch für mich als Teenager so ermahnend wie uplifting zugleich: Hör doch auf so rumzusandeln, mach es lieber anders und baue an deiner Zukunft! Als wir Terry Hall im Jahr 2011 für ein Interview treffen, denkt er mit uns darüber nach, wie sich Rebellion und das Dagegen-sein im Lauf der Zeit verändert haben: „Klar gibt es Unterschiede, aber im Grunde genommen ist es doch ähnlich. Lassen Sie mich nachdenken. Wogegen haben wir rebelliert? Arbeitslosigkeit, zum Beispiel. Nicht so sehr gegen die Tatsache, dass wir aus der Arbeiterklasse waren, darauf waren wir stolz. Aber Sie haben Recht: Es gibt wenig, wogegen man heute rebellieren kann. Und wenn man es tut, tut man es in den sozialen Netzwerken. Aber das ist für mich keine richtige Rebellion.“

Gerade mal volljährig schließt sich Terry Hall im Jahr 1977 den Specials an, die zunächst „Automatics“ hießen, dann aber einen so unbekümmerten Schwung verströmen, dass bereits ihre erste Single „Gangsters“ im Jahr 1979 in den britischen Top Ten landet.

Die Specials segeln mit ihrer Musik mitten hinein in die erste Punk- und New-Wave-Welle, die nicht nur in Großbritannien alles verändert. Die Band bringt aber eine ganz spezielle und antirassistische Note in diesen Aufbruch. Lange vor den heutigen Diversitäts-Debatten bilden The Specials schon das eigentliche England ab – in der Band waren gleichermaßen Schwarze und Weiße! Das sei keine Strategie gewesen, sondern wie selbstverständlich über die Specials gekommen, sagte damals Terry Hall meiner Kollegin Amy Zayed: „Mit 18 diese Band zu gründen, war nichts, was ich mir ausgesucht habe. Es hat mich ausgesucht. Wir sind alle in einem sozialen Umfeld aufgewachsen, indem wir uns vor allem nach Akzeptanz gesehnt haben. Ich hasse diese ganze schwarz-weiß-Klischee. Aber damals war allein die Tatsache, zwei Schwarze und einen Weißen auf einer Bühne zu sehen für viele Leute irritierend. Das hatte nichts mit political correctness zu tun. Das war unsere Lebenseinstellung. Wir wollten einfach sagen: Entweder ihr seid für oder gegen uns. Akzeptiert uns so, wie wir sind, oder lasst es.“

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The Specials - Ghost Town [Official HD Remastered Video] | Bild: The Specials (via YouTube)

The Specials - Ghost Town [Official HD Remastered Video]

Aber noch entscheidender als die Farbe war die Tonalität der Band. Obwohl die Specials glasklar aus der Arbeiterbewegung kamen, brauchte ihr neuer Ska für Rude Boys & Girls kaum toxische Maskulinität. Der Sound der Specials war schwebend und geschmeidig, verzichtete auf das mansplainende Fauchen und Röhren vieler männlicher Punk-Rock-Kollegen, die Specials schwebten lieber über eine Geisterstadt, der Ghost Town.

Obwohl Ghost Town 1981 auf Platz 1 der britischen Charts stürmte, trennte sich die Band im gleichen Jahr auf lange Zeit. Terry Hall gründete zusammen mit Neville Staples und Lynval Golding die Fun Boy Three, die den bläsergetriebenen Ska-Sound noch etwas weiter runter Richtung Pop dimmten. Nach nur zwei Alben war auch für Fun Boy Three schon wieder Schluss. Mit den Specials geht Terry Hall, lange Jahre von schweren Depressionen gebeutelt, erst 2009 wieder gemeinsam auf Tour, der Anlass war das 30-jährige Jubiläum der Band. 2011 und 2019 durfte ich die Band live in München sehen - und die alte Magie war immer noch da: Auch mit über 50 hatte Terry Hall noch eine klare und sichere Stimme.  

Habt Spaß, solange es irgendwie geht, singen die Specials im Song "Enjoy Yourself" das Ende kommt ohnehin schneller, als man denkt. Dieses Ende hat nun auch Terry Hall eingeholt, viel zu früh. Nun ist der Sänger der Specials nach kurzer Krankheit mit nur 63 Jahren verstorben. Seine Bandkollegen twitterten:

"Wir trauern um einen wunderbaren Freund, Bruder und einen der brillantesten Sänger, Songwriter und Texter, den dieses Land je hervorgebracht hat."

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