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Homosexualität und Kirche Ein Selfie hat ihm das Priesteramt verwehrt – jetzt steht er doch wieder am Altar

Wegen eines Selfies mit dem schwulen Reality-TV-Star „Prince Charming“ flog Henry Frömmichen aus dem Priesterseminar. Nun kämpft er erst recht für die Gleichberechtigung Homosexueller in der katholischen Kirche.

Von: Simon Berninger

Stand: 10.05.2021

Henry Frömmichen (rechts) mit "Prince Charming" Alexander Schäfer | Bild: Henry Frömmichen

Nachmittagsgottesdienst in der Kirche St. Benedikt in München. Eine Regenbogenfahne an der Kirchenfassade macht klar: Schwule und lesbische Paare herzlich willkommen. Auch und gerade sie wurden vergangenen Sonntag in der Münchner Kirche gesegnet – im Rahmen der bundesweiten Protestaktion #Liebegewinnt.

„Liebe gewinnt“ ist die Antwort katholischer Reformbewegungen auf das jüngste Nein des Vatikans zur Segnung homosexueller Paare.

Unter jenen, die am Sonntagnachmittag den Gottesdienst feierten, ist Henry Frömmichen. „Ich habe wieder einen Platz in der Gemeinschaft bei Menschen, die sich auch mit meiner Geschichte solidarisieren“, sagt Frömmichen.

Begegnung mit "Prince Charming"

Sein Fall sorgte Ende April für Furore: Der 21-Jährige wollte Priester werden – doch nach einem Selfie flog er aus dem Priesterseminar in München. Das Foto zeigte ihn auf seinem Instagram-Kanal mit „Prince Charming“, dem schwulen Pendant zum „Bachelor“. Im offiziellen Schreiben hieß es zur Begründung: „Ihr Umgang mit sozialen Medien lässt erkennen, dass sie derzeit nicht die für eine Ausbildung zum Priester geeigneten Voraussetzungen mitbringen.“

Um Priester zu werden, hatte Frömmichen seinen Beruf als Bestatter und seine langjährige Beziehung zu einem Mann aufgegeben. Die katholische Kirche lehnt Schwule als Priester ab, das Priesterseminar in München wollte Frömmichen trotzdem zum Priester ausbilden. Bis zu dem Foto mit dem Star der RTL-Datingshow.

Comeback: Frömmichen zurück am Altar

Priester durfte Frömmichen also nicht werden, beim Gottesdienst für homosexuelle Paare in der Münchner Kirche St. Benedikt stand er trotzdem in liturgischer Kleidung mit am Altar. Ein Comeback, wenn man so will. Der Anlass könnte nicht besser passen, denn zwischen seiner eigenen Geschichte und den Segnungsfeiern für homosexuelle Paare erkennt Frömmichen Parallelen: Schwule Priesterseminaristen und Priester würden geduldet – solange sie im Verborgenen blieben.

Auch Segnungsfeiern hätten bisher, wenn überhaupt, „hinter verschlossenen Türen“ stattgefunden, sagt Frömmichen. So wie er seine Homosexualität öffentlich gemacht habe, öffne sich mit der Aktion „Liebe gewinnt“ die Kirche und mache klar: „Wir feiern Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare.“

Doppelmoral der katholischen Kirche

Für Henry Frömmichen ist die Duldung im Verborgenen ein Beleg für die Doppelmoral in der katholischen Kirche. Dagegen wollte er auch und gerade nach seinem Rauswurf aus dem Priesterseminar ankämpfen.

Bei der Segnungsfeier für homosexuelle Paare bot ihm Gottesdienstleiter Wolfgang Rothe dafür nun eine erste Plattform im Raum der Kirche. Dass Frömmichen trotz der Enttäuschungen, die er erlebt habe, so klar zu seinem Glauben stehe, sei für ihn „ein sehr ermutigendes und hoffnungsvolles Glaubenszeugnis“ – so Rothe im Interview. Und weiter:

"Genau solche Menschen braucht die Kirche."

Wolfgang Rothe

Henry Frömmichen bei der Segnung | Bild: Henry Frömmichen

Ohne Priesterweihe konnte Henry Frömmichen zwar auch in dem Aktions-Gottesdienst für homosexuelle Paare nicht als Priester auftreten – aber zumindest als Ministrant. Und auch das sei ein starkes Zeichen, sagt Rothe, der das Weiheverbot für Schwule genauso kritisiert wie das Segnungsverbot für homosexuelle Paare.

Deshalb hatte er auch nichts gegen die kämpferischen Fürbitten von Frömmichen. Dieser sagte im Gottesdienst: „Für alle Menschen, die auf vielfältige Art und Weise in unserer Kirche ausgegrenzt, diskriminiert oder verletzt worden sind: Heile ihre Wunden und schenke Barmherzigkeit!“ In seine Fürbitten schloss Frömmichen schwule Priester ein, die mit ihrer Sexualität „klarkommen“ ebenso wie jene, die sie „mühsam unterdrücken“. Und er fuhr fort: „Für die, die in Angst leben, für die, die Toleranz predigen und der Vielfalt Raum geben, und für die, die sich hinter Homophobie verstecken: Dir Vater und Mutter – wir bitten dich, erhöre uns!“

Vor allem junge Menschen melden sich bei ihm

Dass sich Henry Frömmichen nun so öffentlich mit seiner Kritik an der Kirche zu Wort meldet, hat ihm schon einigen Zuspruch eingebracht – auch in der Kirche. Doch der Rückhalt aus Kirchenkreisen ist nicht selbstverständlich, schließlich ist die Entscheidung, ihn nicht als Priester an den Altar zu lassen, vom Erzbischof abgesegnet: „Nach Rücksprache mit Erzbischof Reinhard Kardinal Marx …“, hieß es in dem Schreiben, das seinen Rauswurf aus dem Priesterseminar des Erzbistums quittierte. Außerhalb der Kirche ist der Zuspruch allerdings immens.

Frömmichen sagt: „Es ist der Wahnsinn, wie viele positive, solidarische Nachrichten ich in den letzten Wochen bekommen habe.“ Dass ihm so viele über die sozialen Medien geschrieben hätten, zeige, „dass es die Menschen interessiert, dass es die Menschen umtreibt“. Vor allem junge Menschen meldeten sich bei ihm.

Zwar habe er mitbekommen, dass sich der ein oder andere aus Kirchenkreisen hinter seinem Rücken negativ äußere. „Aber den Mut, mich persönlich zu kontaktieren, hat bis jetzt noch niemand gehabt“, sagt Frömmichen. Auch nicht von Seiten der Erzbistums oder des Priesterseminars, von denen er zudem weder eine Entschuldigung noch ein Angebot für eine andere Form der kirchlichen Mitarbeit erhalten habe.

Und so ist Henry Frömmichen erstmal in seinen alten Beruf zurückgekehrt: Er ist wieder Bestatter. Das heißt aber nicht, dass er fortan still ist: „Ich will den Mund aufmachen, die Dinge benennen, für meinen Glauben einstehen und im Gespräch mit den Menschen sein.“


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