Bayern 2 - Zündfunk


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Das Ende vom Schweigen der Lämmer Ein halbes Jahr #metoo. Was hat sich verändert?

Harvey Weinstein, Kevin Spacey und Dieter Wedel – erfolgreiche Männer, die in den letzten Monaten wegen eines Hashtags Thema waren , #metoo. Und jetzt? Ein halbes Jahr nach #metoo? Sind wir schlauer? Was hat sich geändert?

Von: Barbara Streidl

Stand: 12.04.2018

Ein halbes Jahr nach #metoo fragt der Zündfunk nach: Was hat sich seitdem geändert? Einiges! Vor allem, dass wir immer noch über sexualisierte Gewalt sprechen! Das findet auch Anne Wizorek, Autorin und feministische Aktivistin: "Was sich natürlich grundlegend verändert hat, ist, dass wir noch darüber reden. Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst, wie neu das tatsächlich ist, dass eine Sexismusdebatte so lange anhält wie es jetzt im Fall von #metoo ist. Weil sonst wird das Thema ja gerne schnell wieder unter dem nächsten Nachrichtenzyklus begraben."

Werden Strukturen hinterfragt?

Viele haben ihr Schweigen gebrochen. Und es blieb nicht bei Berichten der Betroffenen. Gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein wird jetzt staatsanwaltschaftlich ermittelt. Die Oscar-Academy bezeichnete Weinsteins Verhalten als "abstoßend, abscheulich und unethisch" und schloss ihn aus. Nachdem mehrere Schauspieler dem zweifachen Oscar-Preisträger Kevin Spacey sexuelle Belästigung vorwarfen, wurde er aus der Serie "House of Cards" herausgeschrieben und seine Szenen im Film "Alles Geld der Welt" hat Regisseur Ridley Scott persönlich herausgeschnitten. Dabei wurden einige Helden vom Sockel gestoßen.

Es geht weiterhin an die Strukturen, die Machtmissbrauch überhaupt erst ermöglicht haben. Eine neue Initiative kommt von "Time's Up". Das ist eine US-amerikanische Kampagne, angeführt von Frauen aus der Unterhaltungsindustrie wie den Schauspielerinnen Reese Witherspoon, Ashley Judd und Eva Longoria. Mit Spenden von Stars wurden rund 19 Millionen US-Dollar gesammelt - Geld, das Frauen zur Verfügung gestellt werden soll, die Übergriffe anzeigen wollen. "Time's Up" wollen die ganze Welt umkrempeln, stellen sich 5050 by 2020 um: Bis zum Jahr 2020 sollen 50 Prozent Frauen branchenübergreifend in allen Ebenen gleichberechtigt arbeiten, die Führungsetagen mit inbegriffen.

Was hat sich in Deutschland geändert?

In Deutschland ist bisher der Dieter-Wedel-Skandal präsent gewesen. Der trifft besonders die Öffentlich-Rechtlichen, denn von Wedels Angriffen wussten nicht nur die Kolleginnen und Kollegen am Set, sondern auch die zuständige Produktionsfirma - und der Saarländische öffentlich-rechtliche Rundfunk. Die Gleichstellungsbeauftragte des Bayerischen Rundfunks, Sandra David, ist da nah dran: "Anhand von dem Beispiel ist natürlich in der ganzen ARD überprüft worden, gibt’s bei uns im Haus weitere Verdachtsfälle, und da sind sie aktuell noch dran am Aufarbeiten. Der Bayerische Rundfunk hatte eben eine Serie mit Dieter Wedel, und da ist nichts bekannt gewesen, und der NDR hat jetzt zuletzt auch dementiert, die ja auch mehrere Produktionen hatten, dass sie ihm auch nichts nachweisen können."

Weiterhin wird überlegt, gemeinsam mit den vielen Produktionsfirmen eine übergeordnete zentrale Anlaufstelle zu schaffen und es wird auch über Anti-Diskriminierungsleitlinien nachgedacht.  

Ein halbes Jahr #metoo: Können wir mit der Bilanz zufrieden sein?

Ja. Aber wir sollten nicht die Hände in den Schoß legen. Die globale Debatte um die Grenze zwischen "flotter Spruch" und „sexualisierte Gewalt“ muss weiter geführt werden, ebenso wie es dringend neue Strukturen braucht, um den Missbrauch von Macht auf Kosten von Frauen branchenübergreifend zu verhindern. Daneben ist zu hoffen, dass Menschen in Machtpositionen ihre Verantwortung erkennen. Und von ihren eigenen etablierten Posten aus bereit sind, anderen zu helfen.

Bei der Oscarverleihung hat die Schauspielerin Frances McDormand das gut beschrieben. Ihr wurde ein Oscar als beste Hauptdarstellerin verliehen. In ihrer Rede hat sie hat darauf hingewiesen, dass es für die ganz großen Hollywoodstars die Möglichkeit gibt, in ihre Verträge Zusätze reinschreiben lassen können. Statt "Ich will in Eselsmilch baden" könnte dort bald stehen "Ich möchte, dass Frauen und Männer gleich bezahlt werden". Das ist ein großer Hebel - der hoffentlich in Bewegung gesetzt wird und das von möglichst vielen.

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Am Sonntag den 15. April sendet der Zündfunk von 22.05 – 23.00 Uhr ein Radiofeature zu diesem Thema, den Zündfunk Generator: "Das Ende vom Schweigen der Lämmer: Was hat sich nach einem halben Jahr #metoo in Kultur und Medien verändert?"


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