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Nach Corona-Lockdown Warum der Altkleidermarkt zusammenbricht

Während des Corona-Lockdowns haben viele Menschen ihren Kleiderschrank ausgemistet. Unmengen von Altkleidern überschwemmen den Markt. Dabei ist die Ware so schlecht, dass sie nicht mal zum Putzlappen taugt. Es liegt auch an uns, daran etwas zu ändern.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 15.07.2020

Ein Altkleider-Container.  | Bild: BR/Johanna Schlüter

In der Blutenburgstraße in München Neuhausen ist das Geschäft „Kleidsam“, eine Einrichtung der Diakonie München. Hier können Frauen mit Problemen wieder einen Job finden, indem sie Secondhand-Kleidung verkaufen. So werden die Frauen wieder in den Arbeitsmarkt integriert und die Kleidung wieder sinnvoll verwendet. Neben dem Geschäft stehen zwei Container. Die waren in der Corona-Phase immer ziemlich voll, sagt Astrid Harry, Leiterin von „Kleidsam“. Leider nicht immer mit nur guter Kleidung: „Peu à peu wird es von der Qualität her immer schlechter. Das liegt daran, dass die Qualität allgemein auf dem Textilmarkt abnimmt“, so Harry. Aber mangelnde Qualität ist nicht das einzige Problem der Branche.

Grenzschließungen während Corona

Sohrab Taheri ist Pressestellenleiter des Bayerischen Roten Kreuzes. Das BRK hat unendlich viele Sammelstellen in ganz Deutschland und verteilt die gebrauchte Kleidung auf die ganze Welt. „Während der Hochzeit der Corona-Pandemie war es so, dass mit den Grenzschließunge die Absatzmärkte für uns nicht mehr zugänglich waren und somit die Altkleiderspenden, die nicht mehr in den Läden verkauft werden konnten, auch nicht mehr weiterverkauft werden konnten.“

Ein Millionendeal

Das Geschäft mit Altkleidung ist normalerweise ein Millionendeal. Laut internationaler Handelsstatistik der UN wurden 2019 mit Altkleidern 368 Millionen US-Dollar verdient. Ein Haufen Geld für ein paar alte Plünnen. Denn die Kleider werden nicht nur einfach weiterverkauft, damit sie ein zweites Leben als Shirt oder Hose haben, erklärt Sohrab Taheri: „Die Textildienstleister exportieren die Ware ins Ausland und verwerten sie dann quasi zu weiteren Textilprodukten um. Es ist selten so, dass zum Beispiel aus einem T-Shirt noch ein T-Shirt wird, meist werden aus mehreren Shirts Putzlappen hergestellt. Die Ware wird also recycelt.“

Taugt nicht mal als Putzlappen

Allerdings ist die Qualität der Stoffe oft so mies, dass das Gewebe nicht einmal mehr als Putzlappen taugt. Kein Wunder: Die Modekette H&M beispielsweise bringt 24 Kollektionen jedes Jahr raus. Qualität spielt da keine Rolle mehr. Wiederverwertungskriterien gibt es nicht. Jedoch bekommen sogar die schlechtesten Stöffchen noch mal eine letzte Chance. Als ganz spezieller Bodenbelag. Astrid Harry von Kleidsam: „Es gibt den sogenannten Flüsterasphalt. Da kann so ziemlich alles rein. Flüsterasphalt wird in Gegenden gebraucht, wo zum Beispiel eine Autobahn durch eine Wohngegend geht. Dann wird da gedimmt. Ich glaube, im Flüsterasphalt sind zwei oder drei Prozent an Stoff drin. Und da ist es dann tatsächlich egal, da ein Kaffeefleck drauf war oder nicht.“

Verbraucher in der Verantwortung

Kaffeeflecken sind das eine, aber schlechte Ware das andere: Die wird nämlich von den Firmen nicht rein zufällig produziert. Nur: Modeketten-Bashing ist zu kurz gedacht. Sohrab Taheri sieht uns, die Verbraucher genauso in der Verantwortung: „Ein Markt wird sehr stark nach der Nachfrage ausgerichtet. Insofern tragen die Menschen natürlich dazu bei. Es besteht halt der Anspruch, dass man ständig neue Kollektionen, dass man diese Abwechslung hat. Das sollte uns schon zu denken geben.“


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