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Nach dem Aus von Deliveroo Ein ehemaliger Fahrradkurier erklärt uns, warum ein Lieferando-Monopol schlecht für die Kuriere ist

Für eine Weile waren Lieferdienste das heißeste Ding in der Startup-Branche – auch auf Kosten der Lieferanten, die unter prekären Arbeitsbedingungen zu leiden hatten. Nach dem Aus des Anbieters Deliveroo haben wir mit dem Aktivisten Keno Böhme über die Zukunft der Lieferdienste gesprochen.

Von: Alexandra Martini

Stand: 14.08.2019

Ein Fahrradkurier des Lieferdienstes «Deliveroo» fährt mit seinem Fahrrad über eine nasse Straße. Am kommenden Freitag werden die türkisfarbenen Warmhalteboxen der Fahrrad-Kuriere des Lieferdienstes Deliveroo aus dem Bild der deutschen Großstädte verschwinden. Foto: Gregor Fischer/dpa | Bild: dpa-Bildfunk/Gregor Fischer

Seit Montag ist klar, dass mehr als 1.000 Fahrerinnen und Fahrer von Deliveroo ihren Job verlieren. Der Lieferdienst zieht sich aus Deutschland zurück. Lieferando bleibt als alleiniger Anbieter zurück.

Keno Böhme hat selbst bei Deliveroo, Foodora und Lieferando gearbeitet. 2018 initiierte er mit anderen Fahrerinnen und Fahrern die Initiative "Liefern am Limit", die für bessere Arbeitsbedingungen bei den Lieferdiensten kämpft.

Zündfunk: Warst du überrascht über das Ende von Deliveroo in Deutschland?

Keno Böhme: Die Nachricht hat uns heute morgen sehr überrascht. Auf der anderen Seite, wenn man sich das Unternehmen auf der wirtschaftlichen Ebene ein bisschen angeschaut hat, war das schon ein nachvollziehbarer Schritt. Dennoch ist die kurzfristige Ankündigung, tatsächlich nur vier Tage vor der Schließung, doch durchaus überraschend.

Wahrscheinlich sagst du "nachvollziehbar", weil Deliveroo sich schon aus kleineren Städten zurückgezogen hatte. Was bedeutet das denn jetzt für die Fahrer und Fahrerinnen, die bei Deliveroo beschäftigt waren?

Die Fahrerinnen und Fahrer von Deliveroo sind alle, zumindest offiziell, noch als Selbständige klassifiziert. Wir waren als NGG (Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten) und auch eben als Initiative „Liefern am Limit“ daran, zusammen mit mit der Bundesregierung, dieses Tätigkeitsfeld als Scheinselbständigkeit einstufen zu lassen. Denn wie auch eine Studie der Viadrina-Universität zu dem Schluss kam, handelt es sich hierbei um Scheinselbstständigkeiten. Den Standpunkt vertritt die NGG auch. Leider ist dieses Verfahren jetzt zu langsam vonstattengegangen. Das Unternehmen kam uns mit der Schließung zuvor. Demnach sind die Beschäftigten dort eben offiziell Selbständige und haben, soweit wir das auch überblicken können, zum aktuellen Zeitpunkt keinerlei Ansprüche gegen das Unternehmen.

Wie viele Fahrerinnen und Fahrer sind das denn deutschlandweit?

Wir gehen von 1.000 bis 1.500 aus.

Bis vor einiger Zeit gab es ja noch Lieferando, Foodora und Deliveroo, also mehrere Lieferdienste, die fahrradfahrende Lieferanten beschäftigt haben. Und im April dieses Jahres hat Lieferando dann Foodora geschluckt, und jetzt gibt es Deliveroo Deutschland auch nicht mehr. Das ging jetzt alles ziemlich schnell, oder?

Ja, diese Branche ist allgemein dafür bekannt. Das haben wir als NGG auch festgestellt, dass das alles sehr schnelllebig ist und das eine Information, die heute noch brandaktuell sein kann, morgen schon komplett überholt ist. Damit haben wir ein Stück weit zu kämpfen. Aber wir sind der Sache ganz gut gewappnet.

Aber wie erklärt ihr euch, dass es lange einen Hype um diese Startups gab, die fahrradfahrende Lieferanten auf die Straßen setzen, und jetzt plötzlich ist der Hype vorbei und das Geschäftsmodell womöglich gar nicht rentabel?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Da würde ich mich doch ein Stück weit der Aussage des Geschäftsführers von Lieferando, beziehungsweise Takeaway anschließen, der eben auch schon in der Presse gesagt hat, dass nur ein Wettbewerber in einem Markt profitabel arbeiten kann. Und wir haben ja mit Lieferando nun jetzt leider einen Monopolisten, von dem zu erwarten ist, dass er das Geschäft fortführen wird in Deutschland.

Warum sagst du leider?

Weil es noch nie wirklich gut gewesen ist, wenn ein Unternehmen die alleinige Vormachtstellung in einem Markt hatte. Denn jetzt sind die Beschäftigten vollends auf Lieferando angewiesen, alternativlos. Es gibt keinen anderen Anbieter mehr. Und auch die gastronomischen Betriebe, die mit dieser Art von Service zusammenarbeiten, die sich bewusst dafür entschieden haben, das Essen ausliefern zu lassen, hängen jetzt bei Lieferando drinnen und können nicht mehr zu einem anderen Anbieter gehen.

Was befürchtet ihr nun?

Dass Lieferando sich an den Margen zu schaffen macht. Aktuell zahlen die gastronomischen Betriebe zwischen 20 und 30 Prozent vom Bestellwert an Lieferando. Lieferando hat jetzt das Interesse, profitabel zu werden, und niemand kann garantieren, dass sie das nicht auch über die Margen machen.

Sollte ich als verantwortungsbewusste Kundin oder Kunde denn da jetzt noch bestellen?

Nun, das kann man durchaus machen. Auch wenn Lieferando sich in der Vergangenheit nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert hat. Was man dem Unternehmen lassen muss: Sie stellen nach wie vor abhängig-beschäftigt ein, sprich als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Und sie stellen zumindest ein Stück weit die Arbeitsmittel. Dennoch fordern wir als Gewerkschaft, angesichts der akuten Situation nach der Übernahme von Foodora und eben unseren Betriebsräten, die wir dort installiert haben, den Betriebsübergang. Lieferando lässt Anzeichen vernehmen, dass sie kein Interesse an einer innerbetrieblichen Mitbestimmung haben und dass sie die Betriebsräte abspringen wollen, indem sie die Foodora GmbH wirtschaftlich vor die Wand fahren. Langfristig wollen wir in der Branche einen Tarifvertrag aushandeln, der die Beschäftigten dort absichert. Damit auch so eine Situation, wie sie jetzt bei Deliveroo vorgefallen ist, dort nicht irgendwann in einer ähnlichen Form noch mal passiert.

"Das digitale Prekariat" war auch Thema beim Zündfunk Netzkongress 2018

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Sarah Jochmann, Orry Mittenmayer: Das digitale Prekariat | Netzkongress 2018 | Bild: ARD-alpha (via YouTube)

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