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Pop-Sensation des Jahres Kruder & Dorfmeister bringen nach 25 Jahren ihr Debütalbum raus

Nach schlappen 25 Jahren bringen Kruder & Dorfmeister endlich ihr Debüt raus: "1995". Das Wiener DJ-Duo, das in den 90ern neben Massive Attack und Portishead die Speerspitze der Downbeat- und Trip-Hop-Bewegung bildete, zog vor einem Vierteljahrhundert die Notbremse: sie wollten vom Erfolg nicht überrollt werden. Ob die Zeit nun dafür reif ist?

Von: Ralf Summer

Stand: 10.11.2020

Kruder und Dorfmeister 2020 | Bild: Max Parovsky

Mit Blues und Knistern und Hall beginnt sie: die späte Pop-Sensation des Jahres 2020. Kruder & Dorfmeister haben es tatsächlich getan. Sie bringen ihr erstes, eigenes Album raus – nach schlappen 25 Jahren work in progress. "Johnson" heißt der Opener ihres Debüts – benannt nach einem Sample von Blues-Meister Robert Johnson: die beiden Wiener haben eine Zeile seines "Sweet Home Chicago" benutzt und extrem – klar: verlangsamt. Es gibt ja bei K & D nur ein Tempo, so erläutert es mir Richard Dorfmeister.

Zeit – gemessen in 'Kruder und Dorfmeister'

"Es gibt zwei verschiedene Zeitzählungen, sagt Peter Kruder: "Die normale und die von uns, die K & D-Time. Die ist langsamer und das ist einer der Gründe, wieso das Album erst dieses Jahr raus kommt. Die Stücke waren eigentlich fertig, wir mussten sie nur noch editieren. Wir haben alte DATs angehört und haben daraus die Lieder rausgeschnipselt. Also gesammelt gestückelt, Reihenfolge festgelegt, gepresst."

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Kruder & Dorfmeister - Johnson (Official Video) | Bild: Kruder & Dorfmeister (via YouTube)

Kruder & Dorfmeister - Johnson (Official Video)

David Bowie remixen? Nein, danke.

Man muss kurz zurückspulen: Mitte der 90er war die TripHop- und Downbeat-Bewegung auf ihrem Höhepunkt. Kruder & Dorfmeister waren die Vorreiter von dem, was auch "neuer österreichischer Kaffeehaussound" oder "Lounge" genannt wurde. Und bald zum Schimpfwort verkam. Mit nur einer Maxisingle wurden sie berühmt. Sie wurden weltweit gebucht, remixten Stars wie Madonna und Depeche Mode, David Bowie lehnten sie ab, weil sie keine Zeit und keine Lust mehr hatten. Oh Mann!

Es war eine Traumkarriere: eben noch die verkifften Studioabhänger, die nur Musik für sich machen. Im nächsten Moment dann schon DJ-Jet-Sets in den Clubs um den Globus. Highlife mit all seinen Schattenseiten.

Peter Kruder sagt dazu: "Der ganze Erfolgszug hat sich wahnsinnig schnell bewegt und ab einem gewissen Zeitpunkt wurde es sehr anstrengend. Wir haben dann beschlossen, dass wir den Ball ein bissl flacher halten. Wir mussten unsere Batteries rechargen." Und Richard Dorfmeister sagt: "Es war das Problem, dass wir dermaßen brutal unterwegs waren, permanente Touren in Amerika und Australien. Als wir dann zurückkamen, haben wir dann lieber erstmal allein gearbeitet – um wieder runterzukommen - an Solo-Material. Es war aber eine absolut crazy time."

Handbremse statt Vollgas

Mit einem Mix-Album – der DJ Kicks – und ihren versammelten Remixen – den K & D Sessions – hatten die beiden Wiener zwar Longplayer, aber kein Album mit eigenem Material. Beziehungsweise sie hatten eines: sie ließen Ende der 90er sogar eine kleine Vinly-Test-Auflage an DJ-Freunde verteilen, aber Kruder & Dorfmeister zogen die Notbremse: das eigene Debüt hätte für so viel Trubel gesorgt, dass der Stress noch größer geworden wäre. Handbremse statt Vollgas: Die Platte wurde nicht veröffentlicht. Und ab 2000 ging man erstmal getrennte Wege. Erst zum 25-jährigen Jubiläum ihrer ersten und einzigen Maxi trafen sie sich 2018 wieder intensiver, tourten, auch in München im Oktober 2019 - und kramten die alten Aufnahmen von damals wieder hervor.

Der swingende "Don Gil Dub" ist einer der Tracks, der herausragt – er klingt nach Brasil. Auch "Swallowed The Moon" hat Bossanova im Kreuz. Und ein Sample von Antonio Carlos Jobim. Überhaupt die Titel mit den Quellen-Verweisen: "Johnson", "Holmes" oder "In Bed with K & D". Früher hätte man sich diese Offenheit nicht getraut – heute erweisen Kruder & Dorfmeister damit ihren Einflüssen alle Ehre. Bewusst.

Als DJs mit raren Platten dealten

"Es hat sich einfach viel verändert. Früher war alles geheim, alles schwierig. Es war ja unmöglich an gute, rare Platten ranzukommen. Ich kann mich an diese Sammler-Zeit erinnern: ein paar Selektierte, die Connections und Super-Platten hatten, ausgesucht und teuer. Alle anderen wussten nicht einmal, was das für eine Musik ist. Die Heimlichtuerei ging soweit, dass DJs damals extra die Labels abgeklebt haben, damit man nicht erkennen konnte, was da gespielt wird, dass geheim bleibt, was er auflegt. Aber spätestens mit Shazam ist alles offen. Ich finde es super, dass alles zugänglich ist, dass diese Heimlichtuerei vorbei ist", sagt Richard Dorfmeister.

Nach einer dubby groovenden Downtempo-Stunde lassen K & D am Ende ihrer Überraschungs-Platte auch ein anderes Genre der 90er aufploppen: "One Break" ist ein 13-Minuten-Track, der im Drum´n´Bass mündet. „1995“ ist eine Art doppelte Zeitreise für uns und die Fans", sagt Dorfmeister – also: 2020 und 1995 in einem. Und Kruder lacht und philosophiert: "Ich hoffe, dass jetzt nicht alle ihre alten Demos rausbringen, dass wir keinen Stein lostreten. Bei uns war es so, dass sich die Platte jetzt richtig anfühlt. Es ist ja so, dass die Welt in einer bestimmten Frequenz oszilliert. Und jetzt im Moment hat sich die Frequenz genau auf diesen Sound eingestellt. Wir würden die Platte nicht machen, wenn wir nicht 100% überzeugt wären, dass das genau jetzt richtig ist."


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