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"My Way" von Jakob Gatzka Dieser bayerische Film über Fluchtgeschichten ist ein Plädoyer für offene Grenzen

Flucht, Flüchtende und eine Leere, die immer bleibt. Acht Jahre lang sammelte Jakob Gatzka Material für seinen Dokumentationsfilm "My Way". Der Film und das Thema wurden zu einem Lebensbegleiter. Denn die Aktualität der Ereignisse hat den bayerischen Filmemacher immer wieder eingeholt. Eine Begegnung.

Von: Tobias Ruhland

Stand: 09.09.2021

Eine Szene aus dem Film "My Way". | Bild: Jakob Gatzka

Nein, das ist keine gute Situation gerade. Nicht für Hussein, der hilfesuchend nach links und rechts ins Leere blickt, wenn er keine Antwort auf die Fragen hat. Und auch als Zuschauer ist das bisweilen unerträglich, sie mitanschauen zu müssen, die Befragung des passlosen Afghanistan-Flüchtlings Hussein beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Diese Szenen werden noch für Gesprächsstoff sorgen. Aber der Reihe nach.

Der Dokumentationsfilm "My Way" beginnt mit Bildern der inzwischen ikonischen Flüchtlingsströme am Münchner Hauptbahnhof – die ersten Szenen für seinen Film hat Jakob Gatzko aber bereits drei Jahre zuvor gefilmt. "2012 war das", erzählt er im Zündfunk-Interview. "Als in der Nähe von Ruhpolding in einem Seminarhaushof, den meine Schwiegereltern damals betrieben haben, plötzlich sechs junge Afghanen standen und da saßen abends am Esstisch. Und ich so in diese Gesichter blickte, diese Kinder, die die damals waren, die grad die deutsche Grenze übertreten hatten. Man hat gesehen: Die sind völlig am Ende, da wusste ich: Dem muss ich nachgehen. Das interessiert mich. Wo kommen die her? Was haben die erlebt? Auf welchem Weg sind die nach Deutschland gekommen?"

Protagonist Hussein ist als Achtjähriger nach Deutschland geflüchtet

Anfang 2015 schließlich reist Jakob Gatzka entlang einer Fluchtroute von der Türkei über Griechenland nach Deutschland. Macht Aufnahmen am Wegesrand. Damals weiß er noch nicht, beziehungsweise er ahnt es vielleicht, dass eben genau diese Wege nur wenige Monate später von Hunderttausenden Flüchtlingen als Fluchtrouten nach Deutschland und andere europäische Länder benutzt werden wird. Im Fokus von "My Way" steht Hussein, einer von den einst minderjährigen sechs afghanischen Flüchtlingen am Küchentisch in Ruhpolding. Seine Familie gehört dem Stamm der Hasara an, einer verfolgten Minderheit in Afghanistan. Schon als achtjähriger ist er deshalb mit seiner Familie in den Iran geflüchtet. Ohne Perspektive, ohne Vater, der irgendwo in Afghanistan verschwunden ist. Circa 10-15.000 US-Dollar hat seine Familie für die Flucht bezahlt.

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MY WAY, Diskussion mit Hussain Hussaini u.a. | Bild: Figurative Film (via YouTube)

MY WAY, Diskussion mit Hussain Hussaini u.a.

Im Sommer 2015 reist Jakob Gatzka zusammen mit Hussein in den Iran, um dort seine Familie zu treffen, die er nun mehrere Jahre nicht gesehen hat. Eine heikle Situation, erinnert sich Gatzka: "Ich glaub, den hat es zerrissen dort. Da war ich mir nicht so sicher, ob er mit uns wieder nach Deutschland geht. Oder ob er nicht nach den paar Jahren, die er da war, den Schluss gezogen hat. Das war ihm alles viel zu anstrengend. Diese Sprache, diese Behördengeschichten, hier es zu was zu bringen – das dauert Jahre. Da kann man schon verzweifeln."

Gestellte Szene einer Anhörung vor dem BAMF

Im weiteren Verlauf trifft Gatzka auch Husseins damaligen Schleuser in Athen. "My Way" erzählt aber nicht nur um den Protagonisten herum. Der Film zeigt auch die mentale Reise des Filmemachers, dessen Einstellung zum Flüchtlingsthema sich durch die Dreharbeiten und Begegnungen mit Schlüsselfiguren gewandelt haben, wie er bestätigt: "Als ich den Herrn Knaus im letzten Jahr interviewt habe, den Gerald Knaus, der hat das Türkei-Abkommen mitinitiiert, da hat der sagt: 'Wenn es keine offenen Grenzen geben kann und unbegrenzten Zuwanderung, dann muss es eine Möglichkeit geben zu entscheiden, wer Schutz braucht und wer nicht.' An Knauss schätze ich sehr den Pragmatismus in der ganzen Diskussion."

Und dann landet die Kamera von "My Way" immer wieder bei der Großaufnahme von Hussein bei seiner Anhörung. Tatsächlich sind das keine Originalaufnahmen. Die Szene ist nachgestellt, mit einem Schauspieler als Mitarbeiter des BAMF. Das erfährt der Zuschauer allerdings erst im Film-Abspann erfährt. Gatzka steht zu diesem dramaturgischen Kniff und den daraus resultierenden Szenen, die tatsächlich herausstechen in diesem großen Mosaik aus klassischen Dokumentarfilmmaterial. Die eine oder andere Kritik musste sich der Filmemacher deshalb schon gefallen lassen. Aber ihm war es wichtig, diesen elementaren Akt der BAMF-Befragung in "My Way" vorkommen zu lassen.

"Eine Leere bleibt immer"

Übrigens: Das ganze Verfahren endete erfreulich für Hussein, der inzwischen bei Dachau lebt und eine Ausbildung als Altenpfleger absolviert hat. Durch die jüngsten Ereignisse in Afghanistan wurde der Film an manchen Stellen von der Aktualität überholt, aber das ändert nichts an der am Ende doch auch positiven Botschaft, die auch Gatzka nochmal auf den Punkt bringt: "Dass es ein Ankommen gibt. Dass es ne Chance gibt, dass Menschen hier gut integriert werden und sich integrieren. Und manches wird wieder gut. Und ich glaube aber, wenn man die Heimat verlassen hat, dass da auch eine Leere immer bleibt. Etwas wird dann auch nicht mehr gut."