Bayern 2 - Zündfunk


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Diversität in der Musikbranche Label Big Dada stellt sich mit People of Color an der Spitze neu auf

Noch diverser, noch sozialer: Das Independent Musiklabel Big Dada startet neu – und zwar als Label von und für Schwarze, PoC und Menschen ethnischer Minderheiten. Und möchte in Zukunft sogar mehr als ein reines Musiklabel sein.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 27.01.2021

Rapper Roots Manuva | Bild: ShamilTanna

Sampa The Great, Speech Debelle, Run The Jewels, Roots Manuva, Kae Tempest… Das sind nur einige der Künstler*innen, die beim Musiklabel Big Dada in London unter Vertrag waren oder sind. Das Sublabel von Ninja Tune hat jetzt einen Relaunch angekündigt: In Zukunft möchte Big Dada ein Label von Schwarzen, PoC und Menschen ethnischer Minderheiten für Schwarze und PoC-Künstlerinnen sowie Künstler*innen ethnischer Minderheiten sein. Wieso sie sich gerade jetzt für den Neustart entschieden haben und was sich dadurch in Zukunft noch ändert, haben die beiden Labelmanager*innen Alex Ives und Victoria Cappelletti im Interview verraten.

Zündfunk: Warum glaubt Ihr, dass Big Dada einen Relaunch im Jahr 2021 braucht?  

Victoria Cappelletti: Die Idee, das Label zu relaunchen, entstand aus dem gemeinsamen Willen, etwas zu bewegen und auf die Black-Lives-Matter-Bewegung (BLM) zu reagieren. In diesem Zuge wurden viele Firmen dazu gezwungen, einen Blick darauf zu werfen, was sie tun, wie sie mit ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen umgehen und wie divers ihre Teammitglieder sein können. Und weil Big Dada so ein relevantes Erbe an Interessen von People-of-Color-Künstler*innen hatte und auch ein sehr relevantes Hip-Hop-Label in der britischen Landschaft war, dachten wir alle zusammen, dass es eine gute Idee wäre, es als eine Initiative zu relaunchen, um Schwarze Künstler*innen, PoC und Künstler*innen ethnischer Minderheiten zu fördern.  

Alex Ives: Wir haben als Label nach Wegen gesucht, wie wir bessere Strukturen schaffen können, um grundsätzlich bessere Möglichkeiten für PoC-Mitarbeiter*innen zu schaffen, damit sie aufsteigen können und mehr Erfahrungen sammeln. Und nicht nur etwas, das nur ein Alibi ist oder nicht wirklich substantiell. Big Dada existierte lange Zeit als Teil der Ninja Tune-Label-Familie. Es ist dort eine Menge Erbe vorhanden. Und eine Menge Liebe für dieses Label und was es repräsentierte. Ich denke, dass es eine schöne Gelegenheit für die Leute im Label darstellt, gewissen Input bei großen Entscheidungen zu haben. Als wir anfingen, mit der BLM-Bewegung im Rücken an diesem Relaunch zu arbeiten, wurde uns klar, dass es eine Zeit ist, in der wir mit dem Label große Sprünge machen müssen. In Bezug auf die Künstlerinnen und Künstler ist es so, dass wir denken, dass es auf beiden Seiten der Medaille eine Menge Probleme mit strukturellem Rassismus gibt.  

Sind die Mitarbeiter*innen bei Big Dada nicht schon immer divers?   

Alex Ives: Alle Leute, die an Big Dada beteiligt sind, arbeiten bereits bei Ninja Tune. Wir haben mehrere Sublabels. Und jeder arbeitet in irgendeiner Form bei den Sublabels mit. Big Dada ist in den letzten Jahren etwas weniger aktiv gewesen, bis hin zu dem Punkt, an dem wir nicht mehr so viel veröffentlicht haben. All die Leute, die mit Big Dada zu tun haben – vom Marketing über den internationale Vertrieb bis hin zum juristischen Team – all diese Schwarzen oder PoC-Mitarbeiter*innen waren bereits im Unternehmen. Und jetzt haben sie im Grunde die Möglichkeit bekommen, ein Sublabel zu übernehmen und es als ihr eigenes zu führen.  

Das neue Label-Logo

Gab es spezifische oder sogar persönliche Situationen, wo ihr das Gefühl hattet, dass ihr einen strukturellen Wandel braucht? 

Alex Ives: Ja, ich nehme an, wir haben alle eine ganz persönliche Sichtweise darauf. Ich denke, eine Sache, die uns alle verbindet, ist, dass viele Bewegungen, die 2020 in den Vordergrund gerückt sind, nur Beispiele waren, die wir alle schon seit langer Zeit so fühlen. Wir fingen an, darüber zu sprechen, was jeder von uns gefühlt hat. Und das war glaube ich das erste Mal, dass ich offen mit meinen Kolleginnen und Kollegen gesprochen habe.   

Victoria: Wir haben alle unsere Erfahrungen und es war sehr interessant, diese Probleme mit all unseren Standpunkten anzusprechen. Sei es, weil man aus einem anderen Land kommt – einige der Mitarbeiter von Big Dada sitzen in Amerika, in Los Angeles. Ich bin Französin. Es war sehr interessant, all diese Themen anzusprechen, seien es berufliche oder persönliche Erfahrungen, und zu versuchen, sie in diesem Projekt einzubringen und für alle relevant zu machen. 

Würde eine Zusammenarbeit mit einem Künstler wie Diplo jetzt immer noch möglich sein? Was ist eure Meinung dazu? Er ist Amerikaner und er ist weiß. 

Victoria Cappelletti: Big Dada ist mit dieser neuen Formel verpflichtet, Künstlerinnen und Künstler zu fördern, die Schwarz oder PoC sind oder ethnischen Minderheiten angehören. Das ist die Mission, die wir versuchen durchzuziehen. Aber auf der anderen Seite geht es darum, jungen, vielversprechenden Künstlerinnen und Künstlern Ressourcen und Aufmerksamkeit zu geben. Wir wollen den Künster*innen, die wir unter Vertrag nehmen, auch eine Menge kreativen Input für ihre eigenen Projekte geben. Es geht darum, dass sie die Musik veröffentlichen können, die sie wollen. Und dass sie so kreativ sein können, wie sie wollen. Und wir als Label wollen sie mit unserer Expertise dabei unterstützen, das genau so umzusetzen. Wenn sie also mit Diplo auf ihrer Platte zusammenarbeiten wollen, wäre das in Ordnung. Aber was den A&R Prozess von Big Dada angeht, wollen wir uns wirklich für Künstlerinnen und Künstler einsetzen, die bisher noch keine Chance bekommen haben. 

Würdet ihr mit Blick auf die Zukunft sagen, dass Big Dada versucht, mehr als ein Label zu sein?  

Alex Ives: Aus meiner Sicht ist es das, was ein Label im Jahr 2021 sein sollte. Ich denke, dass wir als Teil der Gesellschaft sicherstellen müssen, dass Künstler*innen sich unterstützt fühlen. Denn wir haben interne Erfahrungen oder einfache Business-Sachen, die für aufstrebende Künstler*innen eventuell komplex erscheinen. Es gibt keinen Grund, warum wir unsere Informationen nicht offen teilen sollten und die jungen Künstler*innen empowern. Egal, ob sie mit Big Dada arbeiten, oder nicht. Denn es dient dem Wohle der Kunst.

Was die seelische Gesundheit angeht, gibt es auf der Website von Big Dada eine Seite, die ständig aktualisiert wird. Die Idee dahinter ist, dass Künstler*innen erfahren, dass es einige gemeinnützige Organisationen gibt, die gut für sie sein könnten. Und ein paar Stellen, wo sie sich um Fördermittel bewerben können. Es handelt sich dabei einfach um Ressourcen, die ihnen helfen sollen – ob sie nun mit uns arbeiten wollen oder nicht. Nicht jede Interaktion mit einem Künstler oder einer Künstlerin muss eine kommerzielle sein. Das Ziel, ist, mit verschiedenen anderen Communities zusammenzuarbeiten: Künstler*innen, Radioshows oder andere Labels. Ich denke, es zieht auch andere Schwarze Kreative oder Kreative aus ethnischen Minderheiten an, wie Journalist*innen, Schriftsteller*innen oder Leute, die bei gemeinnützigen Einrichtungen arbeiten.


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