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Psychedelische Therapie Das ist der Soundtrack gegen Depressionen

Können psychedelische Drogen Depressionen heilen? Immer mehr Neurowissenschaftler erforschen die psychedelische Therapie – und arbeiten dazu mit Musikern aus dem Electro Genre zusammen. Künstler wie Nils Frahm, Jon Hopkins oder Alan Watts komponieren heilsame, sphärische Klänge, die in der Therapie eingesetzt werden.

Von: Ella Tiemann

Stand: 15.06.2022

Fan seen during the Tame Impala concert performing at the 2022 NOS Primavera Sound in Porto.  | Bild: picture-alliance

Das Gefühl des Einsseins – mit sich selbst, Anderen oder der Welt – das ist, was wir durch Musik erleben können. Eine bestimmte Art von Musik wird in der Therapie mit psychedelischen Drogen eingesetzt. Elektronische, sphärische Musik. Denn wenn wir Klänge hören, reagieren wir instinktiv. Musik lässt uns fühlen. Glücklich, lebendig, hoffnungsvoll, aber auch traurig oder verzweifelt. Musik von Alan Watts zum Beispiel. Im Intro zum Track "Dream" hören wie folgende Worte: "If you awaken from this illusion and you understand that black implies white, self implies other, life implies death (or shall I say death implies life?), you can feel yourself; not as a stranger in the world, not as something here on probation, not as something that has arrived here by fluke - but you can begin to feel your own existence as absolutely fundamental."

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Alan Watts + Superposition - Dream | Bild: Alan Watts (via YouTube)

Alan Watts + Superposition - Dream

Was ist psychedelische Therapie?

Eigenschaften von Songs wie diesen, sind ein wesentlicher Bestandteil der Forschung zur Behandlung mit psychedelischen Substanzen. Heißt: Dosierte Drogen, die in der Psychotherapie eingesetzt werden. Seit kurzem gibt es hier eine regelrechte Renaissance. Forschungsinstitute weltweit führen Studien durch, auch in Deutschland. Es werden Psychotherapieformen untersucht, in denen teils schwer psychisch erkrankten Patienten im Therapierahmen psychoaktive Wirkstoffe wie LSD und Psilocybin verabreicht werden. Und dazu bekommen sie jetzt auch Kopfhörer aufgesetzt – und hören… Musik.

Der Neurowissenschaftler Dr. Mendel Kaelen hat jahrelang dazu geforscht und ist überzeugt von therapeutischen Eigenschaften von Musik selbst: "Die Wirkung von psychedelischen Substanzen in der Therapie würde ich poetisch beschreiben. Sie ermöglichen Patienten in der Therapie Zugang zum Unterbewusstsein, zu Erinnerungen und Emotionen, die sonst nur schwer erreicht werden können. Und in der Forschung sehen wir immer mehr, dass Musik ähnliche psychedelische Eigenschaften hat. Auch sie kann die Sprache des Irrationalen sein, die Sprache der Emotionen, die Sprache der subjektiven Erfahrung. Musik kann den Dingen in einem selbst einen Namen geben, die vielleicht unaussprechlich sind."

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Nils Frahm - Says (Live on KEXP) | Bild: KEXP (via YouTube)

Nils Frahm - Says (Live on KEXP)

Ein neues Musikgenre entsteht

Das Wort "psychedelisch" setzt sich aus zwei altgriechischen Wörtern zusammen, Psyche, die Seele, und Delos, offenkundig, offenbar. Ein psychedelischer Zustand ist also eine Verfassung, die das Potenzial hat, in einem selbst etwas sichtbar - oder erlebbar- zu machen, was vorher verborgen im Unterbewusstsein war. Dr. Mendel Kaelen sagt: "Es ist wichtig zu verstehen, dass Musik unter dem Einfluss medizinischer psychedelischer Substanzen nicht einfach nur intensiver erlebt wird. Die Musik wird zu einer Welt für sich, sie nimmt den Hörer mit auf eine Reise, mit sehr lebendigen, überwältigenden Bildern und Gefühlen und teilweise kathartischen Erfahrungen."

Tatsächlich gibt es mittlerweile ein eigenes Genre für psychedelische Therapie. Aber was ist das für eine Musik, die in Patienten so etwas auslöst? In den psychedelischen Therapien, die in den 60er Jahren gemacht wurden, wurde vor allem klassische Musik gespielt. Heute allerdings gibt es bei verschiedenen Streaminganbietern stundenlange Playlists mit Musik für die psychedelisch unterstützte Therapie. Wie etwa die Musik von Federico Albanese:

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Federico Albanese - Disclosed | Bild: Federico Albanese (via YouTube)

Federico Albanese - Disclosed

Wie ein App therapeutische Musik generiert

In diesen Playlists findet man ruhige Popmusik, Meditationsklänge und Ambient. Meistens sind die Songs schon emotional besetzt oder schlicht zu kurz. In den Therapiesitzungen werden deshalb nur selten einige der Interpreten aus diesen Listen gespielt, sagt Dr. Henrik Jungaberle, der in Deutschland an einer von der Bundesregierung finanzierte Studie zur Wirksamkeit von Psilocybin bei Depressionen forscht: "Nils Frahm zum Beispiel lässt sich gut in psychedelische Musiklisten einbauen, weil die Soundelemente der Musik nochmal eine ganz eigene Rolle spielen, neben Harmonie, Rhythmus und Tempo. Eben wegen dieser innere Landschaften erzeugenden Qualität. Also Musik, die zur Assoziation anregt, die nicht allzu stark zur falschen Zeit herausfordert."

Klar ist aber auch: Damit die Patienten eine völlig neue Klangwelt erfahren können, benötigt die Wissenschaft neue Musik. Dr. Mendel Kaelen hat deshalb mit Wavepaths eine App entwickelt und Musiker wie den britischen DJ und Producer Jon Hopkins oder Justin Boreta an Bord geholt. Ihre Klänge sind simpel aber wenig absehbar, instrumentell, ohne Vocals und ohne Beat, manchmal sogar ohne Rhythmus. Und alles entsteht mit Hilfe künstlicher Intelligenz – in einer App.

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Boreta - Honey Heart | Bild: The Glitch Mob (via YouTube)

Boreta - Honey Heart

Trauma und Heilung

"Unsere App kreiert personalisierte Musik. Das sind keine Playlists, wir arbeiten nicht mit Songs, die schon existieren. Wir haben eine künstliche Intelligenz, einen Algorithmus entwickelt, der Musik live produzieren kann. Die Komposition entsteht also im Moment des Hörens. Das macht uns flexibel darin, die Musik dem sich entwickelnden therapeutischen Prozess anzupassen. Die Emotionalität, die Intensität der Musik, all das lässt sich individuell für den jeweiligen Patienten steuern, quasi mit einem Klick", sagt Dr. Kaelen.

Und als Nebeneffekt entsteht ein neues Musik-Genre. Von den circa 30 Musikern, die für Wavepaths arbeiten, haben einige inzwischen Soloalben produziert. So auch Jon Hopkins, der bekannteste unter ihnen. Sein aktuelles Album "Music For Psychedelic Therapy" ist in seiner Länge abgestimmt auf einen durchschnittlichen Ketamin-Trip. Die These: Wenn Psychedelika als medizinische Substanzen eingesetzt werden, trägt Musik zur Heilung bei. Warum genau, beginnt die Wissenschaft gerade erst zu begreifen. Klar ist aber schon jetzt: Musik wie die von Jon Hopkins könnte in Zukunft eine große Rolle dabei spielen, Menschen zu heilen, denen die Medizin bis jetzt nicht helfen konnte.

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Jon Hopkins - Music For Psychedelic Therapy (Excerpt) | Bild: Jon Hopkins (via YouTube)

Jon Hopkins - Music For Psychedelic Therapy (Excerpt)