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"Es ging immer nur um die Liebe" Autor Musa Okwonga flieht vor Rassismus und findet die Liebe in Berlin

Kae Tempest ist Fan. Ed Sheeran auch. Und wir? Wir lieben den neuen Roman von Musa Okwonga. Ein britischer Schwarzer zieht nach Berlin, um in der Stadt "zu verschwinden". Er flieht vor Rassismus und findet die Liebe. Der autobiografische Roman "Es ging immer nur um Liebe" ist das Schönste, was ihr diesen Herbst lesen werdet!

Author: Barbara Streidl

Published at: 9-9-2022

Musa Okwonga, Autor von "Es ging immer nur um Liebe" | Bild: Exberliner.com

Musa Okwonga will verschwinden. Er entscheidet sich, das Berlin die perfekte Stadt dafür sei. In "Es ging immer nur um Liebe" erzählt der ugandisch-britische Autor Musa Okwonga seine eigene Geschichte. Er will in Berlin neu anfangen – und dabei auch dem Rassismus entkommen.

"Was hat dich nach Berlin verschlagen? Du reagierst lässig – du seist hierhergekommen, um vier Dinge zu tun: tagsüber zu schreiben, abends deine Freunde zu treffen, dich zu verlieben und verliebt zu bleiben. Aber das ist nicht der eigentliche Grund. Du bist hierhergekommen, um zu verschwinden."

– Musa Okwonga in 'Es ging immer nur um Liebe'

Gelingt das Verschwinden in Berlin?

Wir treffen den Autor um seinen Roman zu sprechen. Es ist der Roman der Stunde. Von einem, der verschwinden will. Okwonga erklärt es so: "Ich kam nach Berlin, weil all das, was in England über Migration diskutiert wurde, mir zeigte, das geht in eine schlechte Richtung. Ich wollte nach Europa, dachte über Amsterdam und Stockholm nach und entschied mich dann für Berlin, was für mich der perfekte Mix von beiden Städten ist. Außerdem hatte ich 20 Jahre zuvor Deutsch studiert. Verschwinden wollte ich tatsächlich: Ich konnte in England nicht das erreichen, was ich als Künstler oder Autor sein wollte – ich wollte ein ruhiges Leben führen und was Neues ausprobieren."

Obwohl er sich in den ersten Monaten recht sicher fühlt in seinem neuen Zuhause, das Schnitzel als neue Leibspeise entdeckt und in einem lokalen Fußballverein  einsteigt, gelingt ihm "Verschwinden" nicht nachhaltig: Eine Begegnung mit zwei Frauen, die ihn auf der Straße beim Vorbeigehen ohne Grund unhöflich anrempeln, läutet eine Veränderung ein. "What’s your problem?", fragt er sie. Ob er deutsch könne, fragt sie ihn. Und dann nochmal: Kannst Du überhaupt deutsch? In spöttischem Ton. Ob sie Rassistin sei, fragt er. Und sie: Ja, bin ich. Na und?"

"Das ist wirklich passiert", erzählt uns Okwonga. "Das war gegen 2 Uhr nachmittags in der Nähe der Warschauer Straße, ein paar Monate nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Damals war Heinz-Christian Strache in Österreich noch Vizekanzler und Matteo Salvini Innenminister in Italien – die Ultrarechten waren überall in Europa. Freunde von mir wurden auf offener Straße angegriffen. Seit dem Tag entschied ich: Verschwinden ist keine Option mehr. Ich musste so groß wie möglich, so sichtbar wie möglich sein. Nur so konnte ich mich selbst beschützen. Es gibt ein Zitat von der Schwarzen Feministin Audre Lorde, "Dein Schweigen wird dich nicht beschützen". Das war es, was ich versucht hatte. Aber das war keine Option mehr für mich."

Verschwinden ist keine Option mehr

Mit dieser Erkenntnis beginnt ein neuer Abschnitt in Musa Okwongas Buch – er will nicht mehr verschwinden und verbringt viel Zeit mit einem Heiler namens Dr. Oppong.

"Du hast eine Therapie bei Dr. Oppong angefangen, der dir von einem deiner ältesten Berliner Freunde empfohlen wurde. Dein Freund hat dir erzählt, dass man mit Dr. Oppong besonders gut über Traumata sprechen kann und, was etwas mysteriös wirkte, dass er manchmal traditionellere Heilmethoden bevorzugt, dass er eine sehr andere Sicht auf die Welt hat."

– Musa Okwonga in 'Es ging immer nur um Liebe'

Was ist dran an dieser Episode? "Dr. Oppong habe ich mir ausgedacht", erklärt Okwonga. "Ich wollte Spiritualität, Glaube oder etwas Übernatürliches in das Buch reinbringen – und tatsächlich ist Dr. Oppong meine Lieblingsfigur von allem, was ich je geschrieben habe: Jemand wie er, ein Heiler, der eine gewisse Portion Religion mit sich bringt, der auch mit der Geisterwelt verbunden ist, so jemand ist wichtig."

Wenn die Seele voll ist

Es wäre für uns alle gut, wenn wir so jemanden wie Dr. Oppong hätten, als Therapeut, als Ratgeber, als Heiler, sagt Musa Okwonga. Der Austausch mit ihm bringt seiner Geschichte eine neue Energie, so dass der Erzähler sich im dritten Teil des Buches aufmacht, einen wichtigen Teil seiner Herkunft in der Heimatstadt seiner Mutter in Uganda zu suchen: Dort trifft er auch seinen Großonkel und andere Familienmitglieder nach Jahren wieder. Er connected sich neu mit ihnen und empfindet dann endlich eine große Zufriedenheit – die "Seele ist voll", wie er schreibt.

"Es ging immer nur um die Liebe" ist ein sehr persönlicher, poetischer Roman, der Dinge benennt, über die dringend diskutiert werden muss: Herkunft, Miteinander und allen voran, dass Rassismus nicht schweigend hingenommen werden darf.

Bis heute lebt der Autor Musa Okwonga in Berlin. Zurückzugehen nach England, wo in dieser Woche die neue konservative Premierministerin Liz Truss ernannt worden ist, das kann er sich nicht vorstellen: "Ich befürchte, dass die besten Jahre für England jetzt nicht bevorstehen. Auch in Deutschland gibt es Herausforderungen, mit Russland etwa, oder mit der Klimadiskussion – aber Deutschlands beste Jahren stehen jetzt bevor. Anders als in England mit der neuen Premierministerin. Ich sorge mich sehr um die politische und soziale Situation dort."

"Es ging immer nur um die Liebe" ist im Mairisch Verlag erschienen, kostet 20 Euro. Aus dem Englischen von Marie Isabel Matthews-Schlinzig.